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| Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen | |
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Große), sondern er gehörte zu den Breitschädlern, die wir vorzugsweise bei Männern der Tat finden (Bismarck, Cromwell, Danton). Er trug den schwarzen deutschen Rok der damaligen Burschenschafter und ein schwarzes Samtbarett mit dem goldgestikten Eichenlaub[1]. Der Weg ging, meist zu Fuß, über Erfurt, Eisenach, Frankfurt, Darmstadt. Ueberall suchte er Freunde und Gesinnungsgenoßen auf, in den lezeren beiden Städten besonders die Mitglieder der „Unbedingten“, darunter Sartorius und Kahl, von welch’ lezterem er sich nochmals 6 Karolin, ca. 40 Taler, entlehnte. Am 23. März, nach 14-tägiger Reise kam er in Mannheim an, wo er sich sofort nach Kotzebue’s Wohnung erkundigte. –
Entscheidend war für Sand die Ueberzeugung, daß, wenn die Regierungen nicht mehr in der Lage seien, den schädlichen Einfluß eines Einzelnen, weil er zu gewaltig sei, und weil sich Niemand an ihn heranwage, zu brechen, dann ein allgemeiner Notzustand entstehe, „ein Krieg“, in dem der Einzelne seinen Willen durchzusezen berechtigt sei (Acten 219–221). Die Entscheidung für die Tat war für ihn ein schwerer Kampf; nachdem er sich aber für sie entschieden, sagte er Niemandem etwas – „man muß handeln und schweigen“ (Acten 131) – sondern traf im Stillen seine Vorbereitungen und führte sie unvermutet aus. Der Umstand der Geldentlehnung bei Follen und Kahl und das Aufsuchen der „Freunde“ in den Rheinischen Städten könte, rein äußerlich genommen, für die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, eines gemeinsamen Komplotts sprechen; aber innere Gründe sprechen dagegen: einmal jener Zug des Verschloßenen, Unerbitlichen, Mit-sich-selbst-Kämpfenden, den wir bei Sand finden; ferner bedurfte eine so fanatische Kraft, wie er sie repräsentirte, keiner moralischen Anlehnung an Andere; und drittens war es die Klugheit und die feine moralische Rüksicht Sand’s, die ihn davon abhielt, durch Mitteilung an Andere diese zu kompromittiren; dieselbe Klugheit, die ihn in Jena einen Brief zurüklaßen hieß, in dem er seinen Austritt aus der Burschenschaft erklärte; wie er auch später vor dem Untersuchungsrichter in seinen Angaben über sich selbst die größte Offenheit an den Tag legte, in den Angaben über Andere aber sehr zurükhaltend war. – Er wurde am Morgen bei Kotzebue nicht vorgelaßen, sondern auf den Nachmittag beschieden. Er ging zurük in’s Wirtshaus, aß zu Mittag und unterhielt sich sehr aufgeräumt während mehrerer Stunden mit zwei Landpfarrern an der Wirtstafel „mit wahrhaft filosofischer Ruhe und wie ein Mann, der mit sich und der ganzen ihn umgebenden Welt in holdem Frieden ist“ (Acten 71f.). Um fünf Uhr ging er wieder zu Kotzebue, ward vorgelaßen, sprach einige gleichgültige Worte und stieß ihn dann im Empfangszimmer mit großer Wucht nieder mit den Worten: „Hier, Du Verräther des Vaterlandes!“ Kotzebue stürzte lautlos zusammen und starb wenige Augenblike darauf; einer der Stöße hatte das Herz durchbohrt. Sand, der Zeit gehabt hätte, zu entfliehen, ging langsam hinaus auf die Straße, kniete nieder, betete: „ich danke Dir Gott für diesen Sieg“ und stieß sich dann ein zweites, kleines Schwert langsam tief in die linke Brustseite, worauf er in Folge des Blutverlustes ohnmächtig wurde. –
Die Tat erregte in Deutschland das ungeheuerste Aufsehen. Mitleid fand Kotzebue fast nirgends. Und wenn der berühmte Brief des Berliner Teologen de Wette, den er Sand’s Eltern schrieb, und der nur in Form eines Trostschreibens eine Wiederholung der Lehre vom „Tirannenmord“ war, „das aussprach, was ganz Deutschland dachte“ [Langguth II, 1], dann herschte in ganz Deutschland heimliche Freude und offenkundige Bewunderung für den kühnen Täter[2]. – Freilich mußte das
- ↑ Das bekannte Profilbild, welches man meistens abgezeichnet findet, und welches auch Schneider („Die Burschenschaft Germania“ S 47) reproduziert hat, ist offenbar stark geschmeichelt, und macht mit dem breiten Spizenkragen, der auf das Samtkolett fält, den langen Loken, dem schwärmerisch nach oben gerichteten Blik geradezu einen mädchenhaften Eindruk. Es stamt zudem aus sehr jugendlicher Zeit. Das beste, aber nicht schönste Bild dürfte das sein, welches sich in den „Acten-Auszügen“ findet, en-face-Porträt mit der Unterschrift „Sand im vierten Monat seiner Verhaftung.“ Hier sehen wir ein breit-ausladendes Gesicht, vorspringende Bakenknochen, resolutes Drein-Schauen, trozigen Blik, wuchtige Schultern, kurz angesezten Hals, breite Hand, kurz: den Tatmenschen.
- ↑ „Die Leidenschaft wird geheiligt – schrieb de Wette – durch die gute Quelle, aus der sie fließt. Daß dies bei Ihrem frommen und tugendhaften Sohn der Fall gewesen, bin ich fest überzeugt. Er war seiner Sache gewiß; er hielt es für recht, das zu tun, was er tat, und so hat er recht getan. Ein Jeder handle nach seiner besten Ueberzeugung, so wird er das Beste tun. – Ohne irgend einen Anteil an dieser Art von Leidenschaft wird kaum eine große Tat von dem Menschen vollbracht werden können; das Licht der Begeisterung
Verfaßung auf’s Innigste verbunden sind! … Gesegnet sei im deutschen Volke die kampfrüstige Schaar, die die Sache der reinen Menschheit zu fördern muthig entschloßen ist, und unter ihnen möchte ich sie sehen, deren Liebe ich mich rühme bis an mein Ende.
Das letzte Heil, das Höchste liegt im Schwerte,
Drück Dir den Speer in’s treue Herz hinein,
Der Freiheit eine Gaße!
Euer in Liebe Euch ewig verbundener Sohn und Bruder und Freund Carl Ludwig Sand.“ [Acten-Auszüge, S. 119–124]. –
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_018.jpg&oldid=- (Version vom 22.12.2025)