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| Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen | |
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Gericht seinen Gang gehen, und der Einfluß des durch die Ermordung seines Spionen auf’s Höchste gereizten Rußlands war so stark, daß bei der in Berlin befohlenen Totenfeier für Kotzebue die Schauspielerin der „Germania“ weinen mußte (Langguth ebenda). – Am 20. Mai 1820, etwas mehr als ein Jahr nach der Tat, welches er, obwol schwer verwundet, mit großer Faßung und ungebeugten Mutes ertrug, und während deßen er mit den Seinen einen fast entusjastischen Briefwechsel gepflogen, von der Bevölkerung Mannheim’s fast auf den Händen getragen und mit zarten Aufmerksamkeiten überschüttet worden, wurde er früh Morgens ½6 Uhr außerhalb Mannheim’s enthauptet. Die Szenen, die sich dabei und darnach abspielten, zeigten, daß sich die Menschheit in ihrer etischen Reakzjonsweise seit den Zeiten Jesu nicht verändert hatte. Sein eigener Scharfrichter Widmann bat ihn öffentlich um Verzeihung und erklärte ihn für einen „Helden der nazionalen Idee“. Der Stadtdirektor, der ihm das Urteil vorlas, bedeutete ihm, die Worte im Urteil „zum abschrekenden Beispiel“ seien nur eine juristische Formel. Die vornehmsten Damen Mannheims warteten schluchzend die Nacht vor der Hinrichtung im Zuchthaus, bis er aus der Zelle kam, um von ihm Abschied zu nehmen. Man mußte die Hinrichtung zu einer geheim gehaltenen Stunde vornehmen, weil man einen Aufstand der Menge fürchtete. Ein Wagen, um Sand zum Richtplaz zu führen, war in ganz Mannheim nicht zu bekommen und mußte von auswärts bezogen werden. Auch die Beerdigung der Leiche fand mitten in der Nacht statt, und der Plaz wurde wieder mit vorher ausgehobenen Grasstüken eben belegt, um abergläubischen oder fetischistischen Misbrauch der Leiche zu verhüten. Troz der geheim gehaltenen Stunde hatten viele Hunderte an dem aufgeschlagenen Schafott ausgehart, und kaum war das Militär nach der Exekuzjon abgezogen, so stürzte sich die Menge auf den Richtplaz, um Holzteile aus dem Gerüste abzuschneiden. Mit Blut, Haaren und sonstigen Reliquien Sand’s wurde während der folgenden Jahre ein schwunghafter Handel getrieben, und die meisten jungen Damen Mannheim’s und Umgegend trugen irgend eine Reminiszenz Sand’s im Medaljon. Auch das Mannheimer Schloß hat viele derartiger Sachen noch heute im Besiz. Der Richtplaz heißt heute noch „Sand’s Himmelfahrt’s-Wiese“. Eine Flut von Gedichten und Baladen beschäftigte sich mit Sand und ging in Form von Flugblättern und Abbildungen durch ganz Deutschland[1]. Die Zahl der auf Sand bezüglichen Lieder ist z. B. weit größer, als diejenige der auf Schill. Das schönste ist wol das mit:
„Du stehst in unserer Mitte,
O Sand – wer ist Dir gleich!“
anhebende, im echten Volkston gedichtete[2].
- ↑ Eine sehr bemerkenswerte, 215 Nummern umfaßende Kolekzion von unsern Zeitabschnitt betreffender Schriften, zum Teil aus dem Nachlaße Maßmann’s, darunter 27 Nummern über Sand, 26 Nummern über das Wartburgfest, 30 Nummern über den Tugendbund, viele Komers- und Liederbücher damaliger Zeit, befindet sich gegenwärtig im Besiz der Buchhändler Breslauer und Meyer in Berlin (W., Leipzigerstraße 134), eine andere Anzahl Sand betreffender Porträts und Illustrazionen besizt das Antiquariat von Emil Hirsch in München (Karlsstraße 6). Beide Handlungen haben mir das Wertvollste daraus in freundlichster Weise zur Verfügung gestelt.
- ↑ Bei Ditfurth, F. W. Frhr. von, Historische Volkslieder der Zeit von 1756–1871. Berlin 1872. Bd. II. S. 9 – Dort
auf S. 10 ein zweites. – Siehe auch das höchst sentimentale:
„Siehst Du vorm Thor die Wiese grün
und bunte Maienblümlein blühn? …“in „Noch acht Beiträge“ S. 93. – Welchen Umfang diese Flugschriften-Literatur angenommen hatte, mag ein östreichisches Rundschreiben v. J. 1820 erweisen, welches die Grazer Tagespost jüngst mitteilte und das folgendermaasen lautete: „Circulare. An sämmtliche Bezirkskommißariate. Die k. k. Polizey-Hofstelle hat unterm 8. gegenwärtigen Monaths Folgendes zu erinnern befunden: Unter die bösen Zeichen der gegenwärtigen Zeit gehört die Erscheinung, daß die Hinrichtung des Mörders Sand seine fanatischen Anhänger neuerdings zu mancherley Umtrieben und Versuchen, ihre schlechten Grundsätze zu verbreiten, angespornt hat. Unter andern vernehme diese Hofstelle, daß die Greuelthat des Mörders in einer Menge von Liedern, Gedichten und Flugschriften, welche in Winkelbuchdruckereyen ohne Wißen der auf diesen Unfug gegenwärtig aufmerksamen deutschen Regierungen zu Tag gefördert werden, wenn auch nicht vollständig angepriesen, dennoch in einem Licht dargestellt wird, welches Mitleiden, Theilnahme und selbst Hochschätzung dieses Meuchelmörders erzeugt. Diese Lieder, Gedichte und Flugschriften finden nach neuen Wahrnehmungen auch Eingang in die k. k. Staaten, zwar nicht auf dem gewöhnlichen Wege durch den Buchhandel, sondern durch Reisende, Handwerkspurschen, Studenten und Handlungsdiener. In dieser Hinsicht wurde dieses k. k. Kreisamt mit hoher Präsidialverordnung vom 22. dieses, und heutigem Empfange Nr. 1683 befehliget, sämmtliche Bezirksobrigkeiten
wird immer zur Glut auffordern. – So wie die Tat geschehen ist, durch diesen reinen, frommen Jüngling, mit diesem Glauben, mit dieser Zuversicht, ist sie ein schönes Zeichen der Zeit. – Wer das Leben wagen kann, hat das wahre Hochgefühl desselben, und schäze man doch nicht den Wert desselben nach seiner Dauer, sondern nach seiner inneren Fülle und Schönheit. – Ein Jüngling sezt sein Leben daran, einen Menschen auszurotten, den so Viele als einen Gözen verehren. Solte das ohne alle Wirkung sein?“ – Der berühmte Teologe und Herausgeber der Briefe Luther’s wurde wegen dieses Schreibens gegen den Willen der Universität vom König von Preußen abgesezt. –
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 19. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_019.jpg&oldid=- (Version vom 25.12.2025)