Seite:Zürcher Diskußjonen (13–15) 021.jpg
| Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen | |
|
|
Also von dieser Seite ist es unmöglich, Sand beizukommen. Das hat auch ganz Deutschland damals gefühlt und ist in de Wette’s Brief zum Ausdruk gekommen: „er hat nun gelebt, da er für den höchsten Trieb seines Herzens zu sterben beschloßen hat“ [Acten 255].
Man hat nun versucht Sand als „geisteskrank“ hinzustellen. Seine burschenschaftlichen Komilitonen von damals haben sich energisch dagegen gewehrt. In den „Acten-Auszügen“ heißt es S. 209: „Seine Jenaer akademischen Freunde wollen von einem Hang zur Schwärmerei bei Sand nichts angetroffen haben. Sie stimmen überein, daß er ein ruhiger, braver, besonnener Mensch gewesen, so daß Jeder ihn habe lieb gewinnen müßen. Tieffühlend habe man ihn gefunden, aber nicht schwärmerisch, vielmehr habe er immer mit ruhiger Besonnenheit gesprochen.“ Der Stadtfisikus zu Mannheim, der ihn untersuchte, sagt in seinem Gutachten, „daß Inquisit im Besitz richtiger Sinne und eines vollkommenen Gedächtnißes sei. Was seine Vernunft betrifft, so hat der Unterzeichnete Stadtphysikus nie eine Zerrüttung an derselben wahrnehmen können“ [Acten 211]. Ueber seine Vernehmung heißt es: „Während seines ganzen Verhörs war er vollkommen bei Verstande. Dies zeigen seine wolüberdachten Antworten im Protokoll“ [ebenda S. 213]. Auch der Bericht des Ober-Hofgerichtes an den Großherzog von Baden in Betreff Bestätigung des Totesurteils, welcher mit Sand außerordentlich glimpflich umgeht, und ein direktes Gnadengesuch nur deshalb zu unterlaßen erklärt, weil es außerhalb seiner Befugnis sei, muß zugestehen, daß „nicht die mindeste Spur eines Wahnsinns“ bei Sand zu finden gewesen sei [Acten 246]. Nur die Verteidigung sprach von einer „fixen Idee“ Sand’s im Hinblik auf die Gefährlichkeit Kotzebue’s für Deutschland. Sand selbst meinte, „seine Grundsäze lägen in der Denkart des Zeitalters, und wären bei manchen seiner Bekanten in der nämlichen Art anzutreffen“ [Acten 205]. Das war wol mit dieser ruhigen Bescheidenheit noch sehr milde ausgedrükt. Ganz Deutschland dachte damals so wie Sand. Er war nur der einzige, der den Mut hatte, „den Gedanken bis zu Ende zu denken.“ Am Nachmittag, da die Nachricht von Sand’s Tat in Jena bekant wurde – schreibt der später hochkonservative Heinrich Leo – hätte man leicht „ganze Schaaren neuer Meuchelmörder“ für Deutschland’s Sache auftreiben können, und diese Stimmung hielt mehrere Tage an [Schneider 80]. Es scheint also, die ganze Jenaer Burschenschaft litt an derselben „Geisteskrankheit“ wie Sand. Und vielleicht war überhaupt die ganze Burschenschaft nur eine jener „Geisteskrankheiten“, wie sie in monarchischen Staaten zu gewißen Zeiten vorkommen.
Bei Beurteilung derartiger Ereigniße darf man sich nicht auf den beschränkten Standpunkt eines preußischen Geschichtsschreibers à la Treitschke stellen, der in der gesamten burschenschaftlichen Bewegung nichts weiter, wie niederträchtiges Demagogentum erblikt[1], weil sie, die einzige tiefere Bewegung der damaligen Zeit, sich aus Preußen’s Grenzen hinwegbegeben, und in Mitteldeutschland ihren Siz aufgeschlagen hatte. Auch die rein-wißenschaftlich-psichologische Auffaßung eines Régis und Lombroso, welche die gemeinsamen psichologischen Merkmale von Leuten wie Brutus, Charlotte Corday, Perowskaja, Wera Saßulitsch, Sand etc. zusammenstelt und die ganze Gruppe der politischen Verbrecher mit patologischen Merkmalen behaftet ansieht, komt hier nicht zum Ziele. Diese Betrachtung hat innerhalb der wißenschaftlichen Grenzen ihre Richtigkeit. Für die Weltgeschichte ist sie belanglos. Die Weltgeschichte hat denn doch eine andere Gangart, und die Faktoren, aus denen sich ihr Gewaltschritt zusammensezt, entziehen sich einer lediglich neurologischen Betrachtung. Zugegeben einmal, Sand hätte das eine oder andere patologische Merkmal dargeboten, er wäre noch schwärmerischer gewesen,
- ↑ Oder man lese z. B. das hilflose Gejammer eines heutigen deutschen Profeßors, Fr. von Bezold’s, in „Zur Geschichte des politischen Meuchelmords“, Beil. z. Allg. Ztg. 1899. Nr. 92–93, wo, ähnlich wie in Zenker’s Buch, die Furcht vor der Konfiskazion, oder die Angst, es möchte die ruhig-objektive Behandlung einer heute schwierig-gestalteten Frage die Gunst in einer höheren Region verscherzen, oder ein Blatt in gewißen Kreisen misliebig machen, zu niedrigen Schergendiensten zwingt. Die „Beilage“ nahm ehedem eine stolzere Haltung ein. Nirgends mehr eine Spur von jener antiken Größe, welche sich mit seinem Schiksal identifizirt und das Unvermeidliche mit Patos und heldischer Seelenruhe vollführt. Ist das etwa die Folge der ausschließlichen Beschäftigung mit Naturwißenschaften und der Vernachläßigung der klaßischen Studien? Dann wäre es gut, wenn die Herrn zu Zeiten wieder etwas Latein läsen: Cicero, de officiis, oder Seneca, de providentia. Und nirgends eine Spur von jenem Gefühl für die Aeternität des Geschehens und des Anstands, der für Jahrhunderte wirkt. Würde denn irgend einer dieser Herrn sich heute herbeilaßen, etwa einen Bericht über Brutus’ Tat von einem Hof-Historiografen der Kaisers Oktavian zu lesen? Würden sie die Scharteke nicht in die Eke werfen? Würden sie nicht unweigerlich zu Tazitus greifen? Nun, und wollen sie denn einmal in die Eke geworfen werden? Und werden sie nicht einmal zweifellos in die Eke geworfen werden? Quid profitemini professores? – Was bekennet Ihr Herrn Profeßoren? – Komt denn Profeßor von Profit, und nicht von profiteri, bekennen? –
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_021.jpg&oldid=- (Version vom 24.12.2025)