Seite:Zürcher Diskußjonen (13–15) 022.jpg

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

als er in Wirklichkeit war, oder hätte der Stimme Gottes in seinem Innern noch intensiver gelauscht, als es die Landes-Religion gestattet, oder wäre noch fanatischer und patrjotischer gewesen, als er es wirklich war, was könten wir mit der kleinen Diagnose anfangen? Müßten wir nicht auf die Zustände der Zeit, auf die politischen und geistigen Voraussezungen des damaligen Lebens, auf den genius temporis zurükfallen, um zu einer einigermaasen objektiven Beurteilung zu gelangen? Geisteskrankheit ist eine Exkulpazjon für das Einzelindividuum; sie ist keine Entschuldigung vor der Weltgeschichte; sie ist ein Teil von ihr. – Was kümmert uns heute, ob Luther halluzinirt hat, oder ob Savonarola seine Profezeihungen als „Stimmen Gottes“ gehört hat? Was hätte es für Wert gehabt, etwa den Arabern, als sie halb Spanien erobert und bis vor Wien vorgedrungen waren, zu versichern, ihr fatalistisches Religions-Sistem, welches sie zu furchtlosen Kämpfern gemacht, gehe auf die visjonären Delirjen eines Epileptikers zurük? Wenn die großen Ereigniße der Weltgeschichte auf Geisteskrankheit zurükgehen, tant pis für die Weltgeschichte, tant mieux für die Geisteskrankheit. –

Die Alten meinten, Perikles habe nicht gewagt, die lezten Freiheiten des atenjensischen Staates umzustoßen, weil er in seiner Jugend das Preislied auf die beiden Tirannen-Mörder Harmodius und Aristogeiton mitgesungen[1], und weil er wußte, daß, wolte er als Tirann auftreten, sich unter den Atenern immer ein Dolch finden werde, ihn niederzustoßen. Und Lorenzo il Magnifiko ließ auf dem Sterbebett den Halluzinanten Savonarola zu sich bitten, und frug ihn, was er tun müße, um dem Tot ruhig in’s Angesicht sehen zu können. Savonarola antwortete: Gib dem Staat jene freiheitliche Verfaßung zurük, in dem Du ihn vorgefunden! Wie, wenn es im Leben der Völker Zustände gäbe, in denen ein Vorwärtskommen ohne das Eingreifen solch’ exaltirter Persönlichkeiten, wie jener beiden Atener dort, des Florentiners hier, unmöglich wäre, wenn in der geistigen Entwiklung der Nazjonen Bedingungen einträten, wo es, um über den toten Punkt hinwegzukommen, solcher Leute bedürfte, wie Luther, wie Carlstadt, wie Thomas Münzer, Niklas Storch, der Brüder Denk, und wie diese agreßiven Stimulanten der Reformazjon alle heißen, Menschen, in denen auf der einen Seite der Unwille und das Aufbäumen gegen die geistige Knechtschaft in solchem Maase ihr Hirn in Flammen versezt hat, auf der andern Seite die Hemmungen, wie sie natürliche Schlaffheit und bürokratische Erziehung erzeugen, schließlich überwunden werden, so daß sie wie Delirirende erscheinen, Situazionen, in denen der natürliche Mensch nichts mehr vermag, der „Geisteskranke“ in glüklicher, kindlicher Narrheit allein noch das Höchste wagt, – müßten wir dann nicht zu gewißen Zeiten die dunkle Schiksalsgöttin, die die Loose wirft und die Keimplasmas in der Vererbung mischt, anflehen: Schik’ uns Sande, schik’ uns Luthers, schik’ uns Savonarolas, schik’ uns Brutuse? –

Hier wollen wir den Stoff liegen laßen. –

Aber zum Schluß drängt sich uns, indem wir auf den Beginn unserer Arbeit zurükbliken, der von der Burschenschaft und dem Tugendbund, als einer neuen, befruchtenden Geistesströmung in Deutschland ausging, noch eine Bemerkung eigentümlicher Art auf: Mit Ausnahme eines entfernten


  1. „Im Mirtenzweige will den Dolch ich tragen,
    wie Harmodius und Aristogeiton,
    als sie den Tirannen töteten,
    die Atener machten gesezesgleich.

    „Liebster Harmodius! Du, nicht gestorben,
    auf den seligen Inseln, sagt man, bist Du,
    wo auch der Schnell-Läufer Achilles
    und Tydeus Sohn sein soll, Diomedes.

    „Im Mirtenzweige will den Dolch ich tragen,
    wie Harmodius und Aristogeiton,
    da der Atene sie opferten,
    den Tirannen-Menschen schlachteten.

    „Eu’r Ruhm wird verewigt sein auf Erden
    liebster Harmodius und Aristogeiton,
    weil Ihr den Tirannen tötetet,
    weil die Atener Ihr machtet gesezesgleich.“

    siehe Ilgen, Karl, Scolia hoc est carmina convivalia Graecorum. Jena 1798.

Empfohlene Zitierweise:
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 22. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_022.jpg&oldid=- (Version vom 25.12.2025)