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| Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen | |
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Hamburger Arztes, der Sand nie gesehen noch gesprochen, hat im Jahre 1819 und bis auf die jüngste Zeit kein Mensch ernstlich an Sand’s kompleter geistiger Intaktheit gezweifelt. Dies wäre auch angesichts des Lebenden, mit dem viele Hunderte verkehrt hatten, angesichts seiner Briefe, Reden und Programme, die in aller Hände waren und sogleich nach seinem Tote reichlich gedrukt wurden, ein fast wahnsinniges Unterfangen gewesen. Wir haben auch an Sand’s Prosa-Ergüßen gezeigt, wie dieselben nach Form wie Ideengang durchaus im Stile der damaligen Zeit lagen, ja an Schwung und pochender Forderung von einigen Gleichzeitigen noch übertroffen wurden. Noch Nietzsche spricht sich in seiner Basler Vorlesung „Ueber die Zukunft unsrer Bildungsanstalten“ im Jahr 1872 (jezt in Gesammelte Werke Bd. IX) fast bewundernd über ihn aus. Auch hat die Psichjatrie in diesem Jahrhundert keine solchen Fortschritte gemacht, daß etwa da, wo früher Gesundheit oder Vaterlandsliebe oder Dichtkunst oder Begeisterung gefunden worden, jezt „Geisteskrankheit“ konstatirt werden könte. Und auch das, was Lombroso an patologischen Merkmalen aneinanderreiht, indem er die Biografien aller politischen Verbrecher durchgeht, ist ja genau dasselbe, was er auch bei großen Dichtern, Denkern, Feldherrn, Künstlern, überhaupt bei genjalischen Naturen findet; Wahrheiten, die innerhalb der psichologischen Feinmeßkunst gewiß ihre Berechtigung haben, aber nicht direkt in’s große Leben, in die Kulturgeschichte übertragen werden können; denn wir würden uns ja doch gewiß wehren, Byron und Napoleon deswegen für „geisteskrank“ erklärt zu sehen, weil sie einzelne patologische Merkmale mit dem Schenie-Tipus Lombroso’s aufweisen. –
Erst in neuester Zeit ist der Versuch unternommen worden, Sand für „geisteskrank“ zu erklären. [Langguth spricht sich fast spöttisch über diese Versuche aus (II, 1)]. Und merkwürdig: von burschenschaftlicher Seite geht heute dieser Versuch aus. Dr. Langreuter findet bei Sand „allgemeine geistige Inferiorität“ und „Unzurechnungsfähigkeit“, deren Weiterentwiklung zur kompleten „Originären Verrücktheit“ wahrscheinlich das Schwert des Scharfrichters abgeschnitten habe [Burschenschaftliche Blätter 1896/97. Nr. 3]. Die originäre Verrüktheit ist, wie schon der Name sagt, niemals ein sekundäres Leiden, sondern ein primäres, und gehört nicht erst den „späteren Entwiklungsjahren“ an, sondern schon der frühesten Jugendzeit. Ob der Herr Doktor wol jemals einen Fall von originärer Verrüktheit am Lebenden beobachtet hat? Und ob er wol jemals die Schriften Sand’s mit Sorgfalt studirt hat? –
Die Burschenschaft hat verschiedene Versuche gemacht, auf den Knieen rutschend dem Trone in Berlin zu nahen. Es war vergebens. Man hofte und wartete und blieb in demütiger Stellung. Es kam aber nichts. Schließlich telegrafirte sie einstimmig bei schiklicher Gelegenheit, daß „Wilhelm der Große“ wirklich „Wilhelm der Große“ gewesen. Es war wieder vergebens. Es erfolgte keine Antwort. – Im Oktober vorigen Jahres ging durch die Blätter folgende Notiz: „Aus Eisenach schreibt man: Der auf dem Wartenberg zu Pfingsten 1897 mit großen Feierlichkeiten gelegte Grundstein zu dem Burschenschaftsdenkmal ist auf Weisung aus Berlin wieder ausgegraben worden“ [Frankf. Ztg. vom 24. Oktober 1898]. Arme Burschenschaft!
Armes Preußen! Nachdem Du eine Genjalität vom Range Bismarck’s hervorgebracht, die unter sorgsamster Ausnüzung aller Umstände, unter peinlichster Berechnung aller Faktoren und Kräfte-Aequivalente ein Deutsches Reich zu Stande gebracht hat, welches das in der Wirklichkeit war, was jenes Burschenschafts-Verlangen in der Idee gewesen, mußt Du in die Hände eines Frevlers fallen – ich rede vom Kultusminister Boße – der Stein für Stein abträgt, alle sorgsamen Schonungen in ihr Gegenteil verkehrt, und unter grundsäzlicher Verachtung aller aufbauenden Kräfte eine Zerstörungs-Arbeit begint, bei deren Anblik auch ein Nicht-Deutscher, auch ein geschworner Deutschen-Feind, auch ein Franzose, eines gewißen Mitleids sich kaum erwehren kann. Ausgrabung des Burschenschafts-Denkmals bei Eisenach, was heißt das? – Das heißt doch soviel, als: Euer Deutsches Reich, das aus den idealen Kräften des Deutschen Volkes hervorgegangen, deßen „Wiege“, wie jüngst der Großherzog von Weimar mit vollem Recht betont hat, „in Weimar und Jena gestanden“, ist mir zu schmuzig. Ich will ein Reich, welches nur aus der Dinastie hervorgegangen, nur von ihr abhängt, nur auf sie hinzielt; und deswegen trenne ich getane Arbeit auf, rechne die Weltgeschichte nach rükwärts und laße die Denkmäler Eurer Einheitsideale ausgraben. – Und was wird nun geschehen? Es werden
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 23. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_023.jpg&oldid=- (Version vom 26.12.2025)