Stonehenge in Wiltshire (England)
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STONEHENGE
Dicht verschleiert liegen die Anfänge aller Geschichte im Schooße vergangener Jahrtausende. Einige wenige Sagen, deren Zeiten weit von einander abstehen, schweben uns vor, und Entfernung und Finsterniß hindern das klare Erkennen. Nur zu häufig bleibt die Forschung unschlüssig, ob das, was sie zu sehen glaubt, wahre, oder bloße Traumgestalten seyen.
Zu den dunkelsten und noch unbekanntesten Regionen der Forschung gehört das Gebiet des britischen Alterthums. Albions Götter verließen ihre Völker auf der Schwelle der Durchgangspforte aus dem Naturreiche in’s Reich des Geistes, und ihre Priester, die einzigen Inhaber der Geschichte, die Bewahrer der Traditionen, verschwanden im Vorhofe des Tempels des Weisen von Judäa. Sobald der Geist in die der römischen Eroberung vorangehenden Zeiten zu dringen strebt, vergehen auch die letzten geschichtlichen Spuren und finstere Nacht macht jede Untersuchung zu Schanden. Von dem Daseyn gewesener Kultur reden inzwischen untrügliche Zeugen; allenthalben trägt noch der Boden, auf welchem sie bestand, auf welchem die Menschen, die ihr angehörten, lebten, ihre Spur; noch weht der Geist, der das britische Alterthum erfüllte, aus Denkmälern unser Geschlecht an und gibt uns eine Vorstellung von der zwar rohen, aber gewaltigen Willenskraft, welche sie erzeugt hat.
In den nördlichen Gegenden Englands, in Irland und den südschottischen Grafschaften, sind die meisten und besterhaltenen Monumente jener ältesten Kultur vorhanden. Zu den merkwürdigsten und wahrscheinlich auch zu den allerältesten gehört das, von dem wir eine Abbildung vor uns haben.
Zwei Stunden von der Stadt Salisbury in Wiltshire streckt sich eine weite, wenig bebaute Fläche aus. In der Mitte derselben ragt, wie eine Schaar Giganten, ein Doppelkreis von theils aufrechtstehenden, theils umgeworfenen Felsblöcken von so großen Dimensionen, daß man nicht begreifen kann, wie es möglich war, sie aus einer unbezweifelt weiten Entfernung an diesen Ort zu schaffen und aufzurichten. Die größten Steine sind 28 Fuß hoch und wiegen über 70,000 Pfund. Der Obelisk von Luxor, das Wunder der Pariser, ist nicht viel größer an Masse, und hier sind über vierzig solcher Obelisken neben einander aufgerichtet. Ursprünglich standen stets zwei zusammen, auf welchen ein dritter Felsblock, als Balken, lag, so daß die drei ein Thor bildeten. Viele haben noch diese Stellung; andere liegen umgestürzt am Boden.
Ueber die Bestimmung dieses gewaltigen Baues, der nur durch die vereinte Anstrengung Tausender erstehen konnte, sind die Meinungen getheilt. Manche wollen sie für einen Tempel halten und suchen in der Mitte [127] des Raums den heiligen Heerd, wo die Priester den Göttern opferten; Andere halten sie für Orte, wo die Häupter des Volks das Volk versammelten, Recht sprachen und über seine Angelegenheiten beratheten. – Denkmäler gleicher Form gibt es zwar mehre in England und Schottland; keins aber ist so groß, als das von Stonehenge, auf welches der Reisende mit um so größerer Bewunderung hinblickt, wenn er die Mittel erwägt, die Denen zu Gebote standen, welche ein so ungeheures Werk zu Stande brachten.