Verdorben – gestorben

[319]

Verdorben – gestorben.

Zwei Tote liegen im Leichenhaus,
– Die Särge zahlt die Gemeinde, –
Ein junges Weib, ein hagerer Mann,
Der Bettler Franz, die Dirn’ Susann’;

5
Im Leben waren sie Feinde.


Sie wuchsen, Nachbarkinder, auf
Und gingen zusammen zur Schule
Und gingen zusammen zum Tisch des Herrn,
Und gingen zusammen zum Tanzplatz gern

10
Und wurden Buhl und Buhle.


Die Alten starben; da haben die Zwei
Sich treulos bald verlassen.
Die Dirn war schön und heiss ihr Blut,
Der Bursch stolz, ohn’ Hab und Gut;

15
Aus Lieben wurde Hassen.


Die Dirne flog von Arm zu Arm
Und ging in seidenen Fetzen;
Der Bursch im Trunk das Leid vergass,
Bis endlich Bettlerbrot er ass,

20
Sich selber ein Entsetzen.


[320]

Die Dirne starb in fremdem Bett,
Der Bursch am Zaun auf der Strasse. –
Nun liegen hier beisammen sie
In kahler Kammer, die sich nie

25
Gegrüsst mehr auf der Gasse.


Nun liegen sie, die Augen starr
Geöffnet nach der Decke;
Und langsam schaufelt und murrt dabei
Der Graubart dorten Gräber zwei

30
Hart an des Kirchhofs Ecke.


Theodor Vulpinus.