Verfallener Stollen


[55]

Verfallener Stollen.
Von Karl Reinecke, Altenau.


     Im Holz ein uraltes Stollenloch,
Verlassen und vergessen.
Lang morschten Pfosten und Verzug,
Dreihundert Jahre, die fressen.

5
     Ging alles drin zu Bruch.

Es stürzten First und Wange,
Und Brocke um Brock türmte sich hoch,
Verbaute Sohle und Gang.

     Da hinten drinnen irgendwo,

10
Von Berg und Dunkel nun vermauert,

Ging eine Hoffnung einst zur Ruhe,
Hat wer auf Glück gelauert.

     Fand Erzstreifen nicht und Ader er? —
Die Stollenwasser fließen:

15
Wer will nach dreimal hundert Jahr

Noch Schicksal und Geheimnis lösen.

     Das alte Mundloch guckt und sinnt,
Wie schlaflos, fluchbeladen
Und über dunklem Torweg spinnt

20
Die Kreuzspinne ihre Faden.


     Es rauschen Tannen drüber hin,
Vor’m Eingang Himbeeren nicken.
Es schlafen Kräte und Molch darin,
Es spielen im Sonnenschein die Mücken.

25
     Vom First herab tröpfelt klitsch und klatsch

Geheimnisvolles Gefunkel,
Und Steine poltern pitsch und patsch —
Gespenster gehn im Dunkel.

     Drum horchen Farn und Fingerhut

30
Und Himbeeren hinein und harren,

Ob nicht ein Fäustel klampern tut
Und Schiebkarrenräder knarren.

     Ob nicht aus Dunst und Spinnengewebe
Ein Unschlittlicht noch leuchte,

35
Ob nicht der Berggeist, eine Fee,

Ein Wunder herauswärts brächte.