Zedler:Xangti


Xangti, ein Chinesisches Wort, welches höchster Kayser bedeutet, und des allerhöchsten GOttes Nahmen bey denen Chinesern anzeiget. Gegen das Ende des 17 Jahrhunderts entstunden Streitigkeiten zwischen den Jesuiten und Dominicanern über die Frage: Ob man den wahren GOtt mit den Sinesischen Nahmen Xangti, oder oberster Kayser, und Tien oder Himmel benennen könne? Die Jesuiten machten sich darüber so wenig Bedencken, daß sie auch selbst in ihren Sinesischen Kirchen die Tafeln mit der Aufschrifft King Tien, Ehre dem Himmel, aufhiengen; die Dominicaner hingegen eyfferten deswegen, weil bey den Chinesern Xangti nichts anders, als der unsichtbare und edelste Theil des Himmels sey, Tien aber den sichtbaren oder Stern-Himmel anzeige, und also ihre Religion auf eine subtile Atheisterey hinaus lauffe. Die Päbste haben seit langen Zeiten in dieser Sache, weil sie keinem von beyden Theilen gerne wehe thun wollen, allerhand Umschweiffe gebraucht, ihre Aussprüche aufzuhalten, oder haben sich unter einander selbst dergestalt widersprochen, daß keine Parthey beständig auf einem Päbstlichen Ausspruch sich beruffen können. Zuletzt aber haben es die Jesuiten etwas gar zu arg gemacht, daß man unmöglich zu ihren Unternehmen allemal stille schweigen können, sondern von Rom verschiedene Sätze wider sie ergehen lassen. Einen der merckwürdigsten Umstände macht zu den neuern Zeiten derjenige Befehl aus, welchen der Päbstliche Vicarius in der Provintz Fockien und Bischoff zu Conon, Carl Maigrot, im Jahr 1693 auf Ansuchen der Dominicaner publicirte, und der unter andern foigendes Inhalts ist: 1) Daß der wahre GOtt mit dem Chinesischen Nahmen Xangti und Tien nicht zu benennen, sondern vielmehr stattdessen das Wort Tienchu, das ist, der Herr des Himmels, zu gebrauchen; 2) Daß man in den Tempeln keine Tafeln mit den Worten King-Tien, welches so viel ist, als: verehret den Himmel, aufhengen solle, u. a. m. Endlich ward der Pabst Clementz XI. bewogen, den 25 September des Jahrs 1710 ein Decret zu publiciren, in welchem er nicht nur die schon vorhin wider die Jesuiten ergangene Decrete nochmahls bestätigte, sondern auch beyden Partheyen ein Stillschweigen auferlegte. Ausführlicher findet man diesen Streit in Ludovici Schau-Platz der Allgemeinen Welt-Geschichte, Th. I, p. 14 und 22. Es hat zwar der Herr von Leibnitz gar ausführlich der Parthey der Jesuiten das Wort geredet, und zu beweisen gesuchet, daß Xangti den höchsten Gott bedeuten könne, wenn man, wie es billig sey, nicht so wohl die neuen Ausleger, als die vornehmsten Bücher der Chineser zu Rathe ziehe, in dissert. sur la Philosophie des Chinois, p. 446. u. ff. Allein da diese Bücher zweydeutig, die Beschaffenheit der gantzen Sache, auf welche doch nach seiner eigenen Erinnerung l. c. p. 454. insonderheit [596] Acht zu haben ist, für die Dominicaner und wider die Jesuiten spricht, auch alle Ausleger alter und neuer Zeiten, und also die gantze Nation der Chineser der gesündern Erklärung zuwider ist, so ist kein Zweiffel, daß man in solchen zweiffelhafften Ausdrückungen, die einen bösen und guten Verstand haben können, mehr auf das zu mercken habe, was der Zusammenhang der Sache, und die gewöhnliche Auslegung sage, als was die Beybehaltung des Interesse dieser und jener Person erfordere. Denn auf solche Art können wir alle alte Atheistische Sätze endlich erträglich erklären, wenn man ihren Lehren einen andern Verstand giebt, und das, was zuwider ist, als eine unrichtige Auslegung alsbald verwirfft. So läugnet der Herr Baron von Wolf auch nicht, daß diese Leute keine Wissenschafft von GOtt haben. Deutsche Staats-Geogr. p. 124. Kurtze Fragen aus der Kirchen-Historie des Neuen Testaments, IX Theil, p. 8. 9. 18. Bruckers Philosophische Histor. VII Theil, p. 1183. u. ff.