Lineare Systeme von gewöhnlichen Differentialgleichungen
Wir betrachten folgendes System von Differentialgleichungen.
Für eine gegebene stetige Matrixfunktion
, eine stetige Funktion der rechten Seite
und
finde die Lösung
der Anfangswertaufgabe
(In diesem Absatz bezeichnen wir mit
die vektorwertige Funktion und ihre Komponenten mit
,
.)
Alle Lösungen
des inhomogenen Problems (2.11) findet man als Superposition (Summe) der Lösung
der homogenen Anfangswertaufgabe
und einer speziellen Lösung
der inhomogenen Anfangswertaufgabe (2.11) mit homogenen Anfangsbedingungen
. D.h. jede Lösung kann geschrieben werden als
Wir befassen uns erstmal mit dem homogenen System (2.12) und suchen die Lösung dieses Systems. Betrachten wir eine Abbildung
, die den Anfangsvektor
auf die Lösung
von (2.12) abbildet. Aus Beispiel 2.1 wissen wir, dass das lineare System (2.12) global eindeutig lösbar ist, falls die Matrixnorm von
beschränkt ist, was der Fall ist. Die Abbildung
ist also bijektiv (und linear) und damit hat der Lösungsraum auch die Dimension
. Das heißt aber auch, dass die Abbildung
die
Basisvektoren
auf
linear unabhängige Vektoren abbildet. Diese bezeichnen wir jeweils mit Hilfe des Indexes
als
. Wir haben also
unabhängige Lösungen von
Definition 2.3 (Fundamentalmatrix). Die Fundamentalmatrix ist eine
-Matrix, deren Spalten die Lösungen
von (2.13) bilden,
Mit Hilfe der Fundamentalmatrix kann man die Lösung des homogenen System mit allgemeinen Anfagsbedingungen (2.12) schreiben als
Die Fundamentalmatrix gegeben duch die Lösung von (2.13) erfüllt in
. Man kann die Fundamentalmatrix auch mithilfe einer anderen Basis d.h. anderer Anfangsbedingung in (2.13) definieren, zum Beispiel nimmt man den Eigenraum einer konstanter Matrix, wie im nächsten Abschnitt beschieben. In diesem all ist
, aber regulär. In diesem Fall lässt sich die Lösung des homogenen System mit allgemeinen Anfagsbedingungen (2.12) bestimmen als 
Eine wichtige Eigenschaft der Fundamentalmatrix ist folgendes Lemma:
Lemma 2.3. Gilt
für ein
, dann ist
für alle
.
Beweis. Der Beweis wird durch Widerspruch durchgeführt. Ist
für ein
und existiert ein
mit
, dann gibt es einen Vektor
mit
. Der Vektor
ist eine Linearkombination der Lösungen des Systems
, also auch eine Lösung dieses Systems, die zur Zeit
verschwindet. Das lineare System ist eindeutig lösbar, und damit ist die eindeutige Lösung, die zur Zeit
verschwindet, die triviale Lösung
. Dies führt zum Widerspruch zu
, da dann die Lösung auch zur Zeit
verschwindet,
aber
. ◻
Das obige Lemma garantiert für das homogene System (2.13), dass die zugehörige Fundamentalmatrix auch in
regulär bleibt (
).
Die spezielle Lösung des inhomogenen Systems (2.11) mit homogenen Startwerten
lautet
Dies kann man leicht nachrechen. Nach dem Ableiten der rechten Seite nach
erhält man
Gleichzeitig gilt für das Integral
, siehe (2.16), also insgesamt
Da die Fundamentalmatrix
aus den Lösungen von (2.13) besteht, gilt
. Das Einsetzen in die rechte Seite der oberen Gleichung führt schließlich zu
damit ist
aus (2.16) die Lösung von (2.11) mit
.
Das Prinzip der Superposition mit den Formeln (2.14) bzw. (2.15) und (2.16) liefert uns schließlich die Lösungsformel für das inhomogene System (2.11),
Um mit dieser Formel die Lösung
bestimmen zu können, muss man die Fundamentalmatrix
ausrechnen und invertieren. Für allgemeine
gibt es keine allgemeine explizite Darstellung der Fundamentalmatrix. Ist allerdings
eine konstante Matrix, kann man die Lösungen
, und damit die Fundamentalmatrix
explizit bestimmen. Diesen Lösungsansatz beschreiben wir im nächstem Abschnitt.