Wir wollen in reellen Vektorräumen Längen und Winkel von Vektoren messen. Als Methode verallgemeinern wir den Begriff des Skalarproduktes aus der anschaulichen Vektorrechnung im
.
Skalarprodukt
Definition 1.1
- Sei
ein reeller Vektorraum. Eine Abbildung, die jedem Paar von Vektoren
eine reelle Zahl
zuordnet, heißt Skalarprodukt, wenn folgende Regeln erfüllt sind:
ist linear in u und linear in v (bilinear),
(symmetrisch),
für
gilt
(positiv definit).
- Ein Euklidischer Vektorraum ist ein reeller Vektorraum mit einem Skalarprodukt

.
Beispiele
- Der euklidische Standard-Vektorraum ist der
mit dem Standard-Skalarprodukt:
.
- Ein Isomorphismus
induziert auf
ein Skalarprodukt durch
.
- Eine reguläre Matrix
induziert auf
ein Skalarprodukt durch
. Für
erhält man das Standardskalarprodukt.
- Auf dem Vektorraum der stetigen reellen Funktionen über einem abgeschlossenen Intervall
ist
ein Skalarprodukt.
Test: Warum ist das letzte Beispiel ein Skalarprodukt?
Bemerkungen
- Die positive Definitheit erlaubt die Einführung der Norm (Länge) eines Vektors:
.
- Es gelten:
und
gdw.
.
Satz 1.2 (Cauchy-Schwarz-Ungleichung)
, (Zusatz: Gleichheit gilt gdw.
linear abhängig).
Die Cauchy-Schwarz-Ungleichung rechtfertigt die Einführung eines Winkels
zwischen zwei von Null verschiedenen Vektoren durch die Formel:

.
Die Regeln der anschaulichen Geometrie gelten weiter:
Corollar 1.3
- Dreiecksungleichung:
.
- Kossinussatz:
.
Orthogonalität
Der Kosinus eines rechten Winkels hat den Wert Null. Deshalb wird definiert:
Definition 1.4
- Zwei Vektoren
heißen orthogonal, wenn
(Schreibweise:
).
- Eine Menge von Vektoren
heißt Orthonormalsystem (ONS), wenn
.
- Ist die Menge zusätzlich eine Basis, dann heißt sie Orthonormalbasis (ONB).
Hierbei bezeichnet
das Kronecker-Symbol:
.
Lemma 1.5
- Ein ONS ist stets linear unabhängig.
Eigenschaften
Sei
eine ONB, dann gelten die folgenden Formeln:
,
,
,
- Bessel-Ungleichung:
; Zusatz: Gleichheit gdw.
.
Satz 1.6
- Jeder endlich erzeugte Unterraum eines euklidisches Vektorraumes hat eine ONB: Sei
linear unabhängig, dann existieren Vektoren
, so dass
eine ONB von
für
ist.
Der Beweis ergibt sich aus dem Orthonormalisierungsverfahren: Induktiv gilt die folgende Formel

.
In einem Euklidischen Vektorraum hat jeder Unterraum einen ausgezeichneten komplementären Unterraum, sein orthogonales
Komplement:
Satz 1.7
- Sei
ein endlich erzeugter Unterraum von
, dann gilt
, wobei das orthogonale Komplement von
durch
gebildet wird.
Test: Warum ist
ein Unterraum?
Der Beweis ergibt sich aus der eindeutigen Zerlegung jedes Vektors in die Summe von seinem Lot bezüglich
aus
und seiner orthogonalen Projektion auf
.
Corollar 1.8
- Sei
eine ONB von
, dann ist die orthogonale Projektion
durch folgende Formel gegeben:
.
Zur Erinnerung: Zu jeder Zerlegung
gehören zwei Projektionsoperatoren
mit den folgenden Eigenschaften:
,
,
gdw.
,
ist die Menge der Eigenwerte von
.
Corollar 1.9
- Sei
ein ONS in einem endlich erzeugten euklidischen Vektorraum, dann existiert eine orthonormierte Ergänzung zu einer ONB.
Die Ergänzung ergibt sich aus einer ONB von
,
erzeugt durch die Vektoren des gegebenen ONS.
Als besonders wichtige Aussage folgt die eindeutige Lösbarkeit des folgenden Minimalproblems:
Corollar 1.10
- Das Minimalproblem
besitzt die eindeutige Lösung
.
Der Abstand
entspricht der Länge des Lotes. Dabei ist das Lot das Bild von
bei der Projektion auf den zweiten Summanden
.
Anwendungsbeispiel: Methode der kleinsten Quadrate und lineare Ausgleichsrechnung.
Ist ein lineares Gleichungssystem nicht lösbar, dann ist die beste Näherungslösung zu bestimmen.
Satz 1.11
- Sei
ein lineares Gleichungssystem, dann ist jede Lösung
der Normalengleichung
eine Lösung des Minimalproblems:
für alle
.
Dabei ist die Normalengleichung stets lösbar, da
, also insbesondere
. Die Lösung ist eindeutig, falls
,
- Spaltenzahl. Zum Beweis benötigen wir das folgende
Lemma 1.12
Die Vektoren
sind linear unabhängig gdw. die Determinante (Gramsche Determinante) der
k-Matrix aus den Skalarprodukten nicht verschwindet
.
Orthogonale Abbildungen und orthogonale Matrizen
Definition 1.13
- Ein linearer Operator auf einem euklidischen Vektorraum, der Längen der Vektoren erhält, heißt orthogonale Abbildung. Eine quadratische Matrix
heißt orthogonale Matrix, wenn
.
Eigenschaften von orthogonalen Abbildungen und Matrizen:
- Ein orthogonaler Operator erhält das Skalarprodukt und ist winkeltreu.
- Ein orthogonaler Operator hat höchstens die Eigenwerte
und
.
- Ein orthogonaler Operator bildet eine ONB auf eine ONB ab.
- Die Determinante einer orthogonalen Matrix ist
oder
.
- Die Menge aller orthogonalen
-Matrizen bildet eine Untergruppe (orthogonale Gruppe)
.
- Die Spalten resp. Zeilen einer orthogonalen Matrix bilden eine ONB des Euklidischen Standardraumes.
Satz 1.14
- Sei
ein Operator von einem Euklidischen Vektorraum
und
eine ONB:
ist orthogonale Abbildung gdw. die Matrixdarstellung
eine orthogonale Matrix ist.
Lemma 1.15
- Ist
ungerade und
, dann folgt aus
stets
und aus
stets
.
Beispiele:
- Im
sind orthogonale Abbildungen Drehungen um dem Ursprung und orthogonale Spiegelungen an Geraden
durch
.
- Die zugehörigen orthogonalen Matrizen sind:

und

.
- Orthogonale Abbildungen im
sind Drehungen um eine Achse oder Drehungen um eine Achse mit anschließender orthogonaler Spiegelung an der zur Drehachse orthogonalen Ebene.
Lemma 1.16
- Ist
orthogonaler Operator und
ein
-invarianter Unterraum, dann ist auch
-invariant, d.h.
.
Hinweis: Für jede orthogonale Abbildung gilt: Sind
und
die Dimensionen der Eigenräume, dann ist
eine Verknüpfung von
Drehungen in
zueinander orthogonalen Ebenen von
und von
orthogonalen Spiegelungen an Hyperebenen, die paarweise orthogonal zueinander sind.
Euklidische Punkträume
Ist der Translationsraum eines reellen affines Raumes mit einem Skalarprodukt versehen, so sprechen wir von einem Euklidischen Punktraum. Hier können Abstände bestimmt und Winkel gemessen werden. Der Abstand zweier Punkte ist die Länge des Verbindungsvektors
.
Definition 1.17
- Der Abstand
zweier (windschiefer) affiner Unterräume ist das Infimum der Abstände zwischen Punkten der beiden Unterräume.
Der Abstand affiner Unterräume ist stets endlich:
Lemma 1.18
- In je zwei affinen Unterräumen
gibt es zwei Punkte
von minimalem Abstand:

.
Testfrage: Unter welchen Bedingungen sind die Punkte
eindeutig bestimmt?
Im Spezialfall Punkt und Hyperebene kann der Abstand aus der Hesseschen Normalform abgelesen werden.
Eine Hyperebene
im euklidischen Standardraum
ist Lösungsmenge einer linearen Gleichung
. Ist der Vektor
normiert, dann heißt die Gleichung Hessesche Normalform der Hyperebene
(evtl. nach Multiplikation der Gleichung mit
gilt stets
und die Normalform ist eindeutig).
Satz 1.19
- Sei
ein Punkt und
die Hessesche Normalform der Hyperebene H, dann gilt

.
Testfrage: Welche geometrische Bedeutung besitzen
und
bzgl.
und das Vorzeichen des Skalarproduktes bzgl. der Lage von
zu
?
Normierte und metrische Räume
An dieser Stelle sei auf verwandte Begriffe hingewiesen, die insbesondere in der Funktionalanalysis benutzt werden:
Definition 1.20
- Ein
-Vektorraum (wobei
) heißt normiert, falls es eine Abbildung (Norm)
gibt, die folgenden Regeln genügt:
(1)
für alle
; (2)
; (3)
.
Definition 1.21
- Eine Menge
heißt metrischer Raum, falls es eine Abbildung (Abstandsfunktion)
gibt, die folgenden Regeln genügt:
(1)
für alle
; (2)
; (3)
.
Jeder euklidische VR ist normiert, jeder normierte VR ist metrisch durch
resp.
. Die Umkehrungen gelten nicht.
Beispiel: Für jeden Körper
definiert der Hamming-Abstand eine Metrik auf
durch

.
Der Hamming-Abstand spielt eine zentrale Rolle bei der Beschreibung effektiver Codes.
Schließlich wollen wir die Begriffsbildungen des euklidischen VR und des Skalarproduktes auf den Fall komplexer Vektorräume ausdehnen. Betrachten wir zunächst den Standardfall:
enthält
als reellen Unterraum und ist selbst ein reeller VR der Dimension
:

.
Wir wollen die reelle Standardnorm so auf
fortsetzen, dass sie mit den obigen Abbildungen verträglich ist. Damit
ergibt sich
.
Definition 1.22
- Eine Abbildung
zwischen komplexen VR heißt semilinear, falls
und
.
Die Abbildung ’komplexe Konjugation’ auf
ist semilinear. Das Standardbeispiel führt auf die folgende Verallgemeinerung des Skalarproduktes im Komplexen:
Definition 1.23
- Ein Paar
eines komplexen Vektorraumes und einer Abbildung
heißt unitär, falls
folgende Regeln erfüllt:
- (1)
ist linear in
und semilinear in
(sesquilinear),
- (2)
(Bedingung (1) + (2) definiert eine Hermitesche Form, speziell ist
reell),
- (3) für
gilt
(positiv definit).
Bemerkungen:
- Jede Matrix
induziert eine sesquilineare Form
auf den
durch
. Dabei entsprechen Realteil bzw. Imaginärteil von
jeweils Bilinearformen auf
induziert durch die Matrizen

bzw.

.
ist Hermitesch gdw.
symmetrisch und
schiefsymmetrisch.
- Ein unitärer VR ist normiert durch
.
- Es gilt die Cauchy-Schwarz-Ungleichung. Damit kann der Winkel zwischen Vektoren definiert werden. Die Begriffe ’orthogonal’, ’orthogonales Komplement’ und ’ONB’ sind wörtlich zu übertragen.
- Ebenso kann das Orthonormierungsverfahren im unitären Raum verwendet werden.
Der Verzicht auf die Bedingung der positiven Definitheit führt zu Vektoren der Länge Null und sogar von imaginärer Länge. So gibt das Modell des
mit der nichteuklidischen ’Länge’

einen mathematischen Hintergrund für die Beschreibung der speziellen Relativitätstheorie und zum Verstehen ihrer Besonderheiten.