Das Kurven-, Linien-, Weg- oder Konturintegral erweitert den gewöhnlichen Integralbegriff für die Integration in der komplexen Ebene (Funktionentheorie) oder im mehrdimensionalen Raum (Vektoranalysis).
Den Weg, die Linie oder die Kurve, über die integriert wird, nennt man den Integrationsweg.
Wegintegrale über geschlossene Kurven werden auch als Ringintegral, Umlaufintegral[1] oder Zirkulation bezeichnet und mit dem Symbol geschrieben.
Reelle Wegintegrale
Gegeben ist ein Weg , der von einem Intervall (z.B. interpretiert als Zeitintervall) in den Vektorraum abbildet. gibt dabei den Ort an, an dem man sich beim Wert befindet.
Dabei unterscheidet man
zeitliches, wegabhängige Wegintegrale
Wegintegral erster Art und
Wegintegral zweiter Art.
Zeitliche wegabhängige Wegintegral
Zeitliche wegabhängige Integrale kommen z.B. im Bereich des Risikomanagements zum Einsatz, wenn man auf unterschiedlichen Wegen zwischen einem Punkt und einem Punkt unterschiedlich stark einem Risiko ausgesetzt ist. Dies können z.B. eine Exposition mit schädlicher Strahlung oder mit toxischen Substanzen sein. Ein längerer Weg im Vergleich zu könnte dann zu einem geringeren Risiko führen.
Risikofunktion im Raum
Eine Risikofunktion ist dann z.B. einen Abbildung , die jedem Ort ein Risiko zuordnet.
Definition - Zeitliches wegabhängiges Wegintegral
Sei eine offene wegzusammenhängende Menge und eine integriebare Abbildung, die jedem Ort einen Funktionswert zuordnet. Das zeitliche wegabhängige Wegintegral über einen Weg ist dann wie folgt definiert:
Bemerkung - Zeitliches wegabhängiges Wegintegral
Selbst wenn der Anfangspunkt und der Endpunkt von verschiedenen Wegen unterschiedlichen Wegen und übereinstimmen, können sich die zeitlichen wegabhängigeb Wegintegrale unterscheiden. Die ist bei Integrationwegen z.B. in der Funktionentheorie nicht der Fall, denn dort sind für holomorphe Funktionen auf konvexen Gebieten die Wegintergrale wegunabhängig und sind nur von Anfangspunkt und Endpunkt abhängig.
Bemerkung - Substitutionsregel
Die Verwendung der Abeitung in der Definition eines Wegintegrals bezieht sich auf die Substitutionsregel, die bei einer existierenden Stammfunktion von unmittelbar die Wegunabhängigkeit liefert.
Aufgabe - Wegunabhängigkeit - Wegabhängigkeit
Begründen Sie, warum die obige Gleichung zur Substitutionsregel die Wegunabhängigkeit für das Wegintegral liefert. Erläutern Sie, warum ein Wegintegral, dass die aggregierten Risiken auf dem Weg berechnet im Anwendungskontext in der Regel wegabhängig sein muss, d.h. mit , , und gilt nicht notwendig:
Wegintegral erster Art
Illustration eines Kurvenintegrals erster Art über ein Skalarfeld
entlang eines stückweise stetig differenzierbaren Weges
ist definiert als
Ableitung des Weges
Dabei bezeichnet den Ableitung von nach . Dabei ist und ein Vektor. Der Ableitungsvektor gibt dabei das Veränderungsverhalten in jeder Komponentenfunktion von an.
Bemerkung - Komponentenfunktionen
Die Komponentenfunktionen sind Abbildungen, für die man die Ableitung getrennt für jede Komponente mit dem Wissen aus der reellen Analysis berechnen kann.
Beispiel für einen Weg und dessen Ableitung
Als differnzierbaren Weg wird zuerst definiert mit
Die Spur des Weges bildet eine Ellipse mit den Halbachsen 5 und 3.
Ableitung des Weges im zweidimensionalen Raum
Die Ableitung des Weges ergibt sich unmittelbar aus der Ableitung der Komponentenfunktionen
Beispiel - Ableitung des Weges im dreidimensionalen Raum
Nun sei und ein Vektor. Der Ableitungsvektor gibt dabei das Veränderungsverhalten in jeder Komponentenfunktion von an.
Aufgabe
Zeichnen Sie die Spur des Weges im (Ellipse) und plotten Sie die Spur des Weges im mit CAS4Wiki-Plots.
mit einer ebenfalls so parametrisierten Kurve ist definiert als das Integral über das Skalarprodukt aus und :
Einfluss der Parametrisierung
Sind und einfache (d. h., und sind injektiv) Wege mit und und demselben Bild, parametrisieren sie also dieselbe Kurve in derselben Richtung und durchlaufen sie die Kurve (bis auf Doppelpunkte) genau einmal, so stimmen die Integrale entlang und überein. Dies rechtfertigt den Namen Kurvenintegral; ist die Integrationsrichtung aus dem Kontext ersichtlich oder irrelevant, kann der Weg in der Notation unterdrückt werden.
Kurvenintegrale
Da eine Kurve das Bild eines Weges ist, entsprechen die Definitionen der Kurvenintegrale im Wesentlichen den Wegintegralen.
Kurvenintegral 1. Art
Kurvenintegral 2. Art
Länge einer Kurve
Ein Spezialfall ist wieder die Länge der durch parametrisierten Kurve :
Wegelement und Längenelement
Der in den Kurvenintegralen erster Art auftretende Ausdruck
heißt skalares Wegelement oder Längenelement.
Der in den Kurvenintegralen zweiter Art auftretende Ausdruck
heißt vektorielles Wegelement.
Rechenregeln
Seien , Kurvenintegrale gleicher Art (also entweder beide erster oder beide zweiter Art), sei das Urbild der beiden Funktionen und von gleicher Dimension und sei . Dann gelten für , und die folgenden Rechenregeln:
(Linearität)
(Zerlegungsadditivität)
Notation für Kurvenintegrale von geschlossenen Kurven
Ist ein geschlossener Weg, so schreibt man
statt auch
und analog für geschlossene Kurven
statt auch .
Mit dem Kreis im Integral möchte man deutlich machen, dass geschlossen ist. Der einzige Unterschied liegt hierbei in der Notation.
Beispiele
Ist der Graph einer Funktion , so wird diese Kurve durch den Weg
parametrisiert. Wegen
ist die Länge der Kurve gleich
Eine Ellipse mit großer Halbachse und kleiner Halbachse wird durch für parametrisiert. Ihr Umfang ist also
was gerade dem Integranden des Wegintegrals über auf entspricht.
Abhängigkeit von Integralgrenzen 1
Daraus folgt für eine gegebene Kurve
Zwei beliebige Kurven und in einem Gradientenfeld
Abhängigkeit von Integralgrenzen 2
Dies bedeutet, dass das Integral von über ausschließlich von den Punkten und abhängt und der Weg dazwischen irrelevant für das Ergebnis ist. Aus diesem Grund wird das Integral eines Gradientenfeldes als „wegunabhängig“ bezeichnet.
Bemerkung - geschlossene Wege - Ringintegral
Insbesondere gilt für das Ringintegral über die geschlossene Kurve mit zwei beliebigen Wegen und :
Anwendung in der Physik
Dies ist insbesondere in der Physik von großer Bedeutung, da beispielsweise die Gravitation diese Eigenschaften besitzt. Da die Energie in diesen Kraftfeldern stets eine Erhaltungsgröße ist, werden sie in der Physik als konservative Kraftfelder bezeichnet.
Skalare Felder - Potentielle Energie
Das skalare Feld ist dabei das Potential oder die potentielle Energie. Konservative Kraftfelder erhalten die mechanische Energie, d. i. die Summe aus kinetischer Energie und potentieller Energie. Gemäß dem obigen Integral wird auf einer geschlossenen Kurve insgesamt eine Arbeit von 0 J aufgebracht.
Ist das Vektorfeld nur in einer (kleinen) Umgebung eines Punktes nicht als Gradientenfeld darstellbar, so ist das geschlossene Wegintegral von Kurven außerhalb von proportional zur Windungszahl um diesen Punkt und ansonsten unabhängig vom genauen Verlauf der Kurve (siehe Algebraische Topologie: Methodik).
Bemerkung - Komplexe Wegintegrale
Ersetzt man durch behandelt man komplexe Wegintegrale, die in der Funktionentheorie behandelt werden.
Literatur
Harro Heuser: Lehrbuch der Analysis – Teil 2. 1981, 5. Auflage, Teubner 1990, ISBN 3-519-42222-0. S. 369, Satz 180.1; S. 391, Satz 184.1; S. 393, Satz 185.1.
Einzelnachweise
↑ Klaus Knothe, Heribert Wessels: Finite Elemente. Eine Einführung für Ingenieure. 3. Auflage. 1999, ISBN 3-540-64491-1, S. 524.