Cannonball-Rennen

Die Cannonball-Rennen, mit augenzwinkerndem vollem Pomp Cannonball Baker Sea-to-Shining-Sea Memorial Trophy Dash, waren in den 1970er Jahren fünf von Journalist Brock Yates initiierte vornehmlich spaßorientierte schnelle Autowettfahrten quer durch die USA, die zu mehreren meist klamaukbetonten Verfilmungen führten. Sie sollten als Akt von zivilem Ungehorsam zudem aufzeigen was mit dem Stand der Automobiltechnik und des Straßennetzes möglich ist, gerade wenn in Politik und Medien ganz andere Behauptungen und Zielsetzungen dominieren.

Ein Pionier der nordamerikanischen Transkontinentalfahrten, Erwin G. Baker (1882–1960), genannt „Cannonball“ wie der Schnellzug Cannonball Express, hatte von den 1910er bis 1930er Jahren die Fahrtzeiten mit Motorrad, PKW und Klein-LKW von über einer Woche auf gut zwei Tage verringert (53 Stunden) und dabei bereits 1928 den 20th Century Limited der Eisenbahn geschlagen; moderne ÖPNV-Verbindungen mit Bus-Etappen brauchen gemäß Google-Maps-Angabe knapp drei Tage, der PKW 41 Stunden. Im Alltag der US-Langstreckenreisen dominierten lange Zeit Schnellzüge, die von Flugzeugen abgelöst wurden; schon in den 1960ern wurde Küste zu Küste über Flyover Country hinweg vornehmlich im Düsenflieger gereist, in sechs Stunden, wobei am Ziel Taxi oder Mietwagen genommen wurde.

Der von Baker erzielte Schnitt auf staubigen Landstraßen und durch Orte war schneller als einige Beschränkungen der Höchstgeschwindigkeit auf den seit den 1950ern gebauten Interstate-Autobahnen. Die „klassische“ Straßenroute zum Pazifik orientierte sich dabei im Westen weitgehend an der Route 66 ab Oklahoma, parallel dazu wurde die I-40 gebaut.

Vom 12. bis 14. August 1964 wurde ein britischer Kleinwagen des Typs Hillman Imp als American Rodding Magazine official test car von New York nach Los Angeles gefahren, in der Sommerhitze teils mit geöffneter Heckscheibe. Auf inzwischen vorhandenen Interstate Highways spulte der Kleinwagen die 3011 Meilen (4.846 km) in 48 Stunden, 9 Minuten und 54 Sekunden, ab mit Schnitt 62,5 mph (100,6 km/h). Auch einige Motorradfahrer hatten sich im Lauf der Jahre der Herausforderung gestellt und dafür meist Zusatztanks an die Maschine montiert.

Autojournalisten vom US-Magazin „Car&Driver“, insbesondere Brock Yates samt Sohn, hatten im Mai 1971 die Strecke New York nach Los Angeles in einem V8-angetriebenen Dodge A-Serie Lieferwagen zurückgelegt, dafür zwar weniger als 41 Stunden benötigt aber 314.5 Gallonen Sprit verbraucht und dadurch unterwegs auch liegen geblieben. Andere, die vorher Interesse an einer Teilnahme bekundet hatten, waren nicht erschienen. Yates war damit noch nicht zufrieden. Die Fahrt sollte als Spaßveranstaltung unter Leitung von inoffiziellen Veranstaltern namens „Die Wahren Freunde von Hernando de Soto“ bzw. Yates selber wiederholt werden, ohne Regelwerk abgesehen von Start, Ziel und kürzest möglicher Fahrtzeit.

Am ersten „Küste-zu-glitzernder-Küste-Sprint um den Cannonball-Baker-Gedächtnispokal“ (in Form von zusammengeschweißten Werkzeugen) nahmen im November 1971 acht Fahrzeuge Teil, darunter zwei Lieferwagen und ein Wohnmobil. Gestartet wurde in Manhattan, kurz nach Mitternacht und einzeln, um den Berufsverkehr der Ostküste und Aufsehen möglichst zu vermeiden. Yates selber und Rennfahrer Dan Gurney, mehrfacher Sieger in Formel-1-Rennen u. a. im Porsche 804 und im selbstkonstruierten F1-Rennwagen, zudem nach Le Mans 1967 Erfinder des Sektverspritzens auf dem Siegerpodest, kamen bereits nach anderthalb Tagen zur Mittagszeit an der Westküste an, 35 Stunden 54 Minuten mit Schnitt 130 km/h, wobei sie in Arizona aufgrund einer Lücke in der I-40 über Bergstraßen auf die südlichere I-10 überwechselten. Ausgerechnet ihr Ferrari 365 GTB/4 Daytona, ein von Ferrari-Händler Kirk F. White zur Verfügung gestellter Gran Turismo und in der blauen Farbe der von Sunoco gesponsorten und von Penske eingesetzten Rennwagen, war am unauffälligsten und sparsamsten bewegt worden und hat bei neun Tankstopps nur 50 Minuten durch Standzeit verloren. Gurney versicherte „zu keinem Zeitpunkt haben wir 280 km/h überschritten“. Der launige Bericht wurde vorsichtshalber erst 1972 in der März-Ausgabe von „Car&Driver“ veröffentlicht.

Es folgten einige weitere „offizielle“ Cannonball-Rennen, dann die Ölkrise, und 1975 trat das kontrovers diskutierte landesweite National Maximum Speed Law in Kraft das Bundes-Gelder für Straßenreparaturen den Staaten vorenthielt die kein Tempolimit von 88 km/h vorgeschrieben hatten. Bereits 1976 waren zum Ärger von Yates die ersten Filme mit Cannonball-Sujet in den Kinos, ohne seine Beteiligung. Während einer weiteren Ölkrise, einer rückblickend als „malaise era“ bezeichneten Sinnkrise der US-Autoindustrie mit größtenteils von Abgasgiften und sehr gründlich von Leistung, Spaß und Stil gereinigten Produkten, wurde im fünften und letzten Cannonball 1979 dank inzwischen geschlossenen Autobahnlücken mit 32 Stunden 51 Minuten und einem Schnitt von 140 km/h der „ewige Rekord“ aufgestellt; mit einem Jaguar XJS war erneut ein europäischer Zwölfzylinder erfolgreich. Yates hat fortan seine Veranstaltungen als „One Lap of America“ auf geschlossene Rennstrecken verlegt und sich an Verfilmungen beteiligt.

Die Burt-Reynolds-Filme der frühen 1980er Jahre brachten einige Nachahmer auf den Plan, auch unverantwortliche gefährliche illegale Autorennen ähnlicher Art und auf anderen Kontinenten wurden veranstaltet. Ab 2006, mit Internet-Medienhype und „Videobeweis“ auf Youtube, wurde die Zeitenjagd wieder aufgenommen, mit modernen leistungsstarken aber sparsamen Fahrzeugen fast ausschließlich aus süddeutscher Produktion, mit Zusatztanks und Radarwarner. Von 31 Stunden und 145 km/h wurde der Rekord bis 2019 auf 27 Stunden gedrückt, wobei Standzeiten von unter 30 Minuten für Tankpausen eingelegt wurden. Auf Pandemie-bedingt leeren Straßen wurden 2020 auch Fahrten um oder unter 26 Stunden publiziert; deren Schnitte von deutlich über 170 zeigen sowohl Leistungsfähigkeit der Verbrennungsmotoren als auch Risikobereitschaft der Besatzungen.

Moderne Routenplaner geben für die Strecke New York über Oklahoma bis Los Angeles ca. 2800 Meilen (4500 km) und mit Verbrenner-PKW 42 Stunden Fahrzeit ohne Pausen an, Schnitt 110 km/h.

Durch die Entwicklung der Elektromobilität wurde die Langstreckenfahrt, für die Studenten-Vehikel von Caltech und MIT 1968 noch fast neun Tage benötigten, eine erneute Herausforderung für Fahrzeug, Ladeinfrastruktur und Fahrtplanung, insbesondere die Wahl der optimalen Geschwindigkeit. Tesla selber hat bereits 2014 zur Demonstration des schnellladefähigen Tesla Model S und dem noch jungen Tesla Supercharger Ladestationsnetzes eine deutlich längere Fahrtstrecke absolviert, 3427 Meilen (5515 km) von Los Angeles nach New York City; dabei wurden 60 Stunden gefahren und 16 Stunden geladen. Dies wurde seither um über 30 Stunden verbessert; im Jahr 2021 wurden Zeiten unter 43 Stunden erzielt, Schnitt ca. 105 km/h.

  1. Google Maps ÖPNV
  2. American Rodding Magazine March, 1965 has many great articles covering ... NYC to LA in 48 hours ... https://www.jalopyjournal.com/forum/threads/american-rodding-magazine-march-1965.1088281/
  3. 3000 Miles in 48 Hours - The incredible story of how a Sunbeam IMP Sportsedan was driven from New York to Los Angeles in only 2 days averaging over 35 miles per gallon! https://www.imps4ever.info/library/1964/ny-to-la-3000miles.html
  4. https://www.hotrod.com/features/history-cannonball-run-sea-shining-sea-part-1
  5. https://www.caranddriver.com/features/columns/a15143608/the-cannonball-baker-sea-to-shining-sea-memorial-trophy-dash-archived-feature/
  6. Google Maps