Düsseldorfer Malerschule

Der Begriff Düsseldorfer Malerschule, auch Düsseldorfer Schule, bezeichnet das soziale und kreative Milieu sowie die Bildende Kunst einer Gruppe von Malern, die vor allem im 19. Jahrhundert – etwa von 1819 bis 1918 – an der Königlich-Preußischen Kunstakademie in Düsseldorf ausgebildet wurden, dort gelehrt, von Lehrern der Kunstakademie Privatunterricht genommen oder im nahen Umfeld der Kunstakademie gewirkt haben.

In den Jahren 1828 bis 1837 wurde der Begriff von Ernst Heinrich Toelken, Romeo Maurenbrecher, August Hagen, Atanazy Raczyński, Friedrich von Uechtritz und Anton Fahne etabliert. Von der weiteren kunsthistorischen Forschung wurde er übernommen und näher charakterisiert. Hinsichtlich eines zeitlichen Rahmens wird die durch Irene Markowitz angesetzte Periode von 1819, dem Jahr der preußischen Neugründung der Düsseldorfer Akademie, durch das „Lange 19. Jahrhundert“ bis zum Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 allgemein zugrunde gelegt. Die Künstler nutzten den Begriff als Dachmarke für die Vermarktung der Bilder, die Händler bis heute. Die Düsseldorfer Malerschule entwickelte sich zu einem ortsunabhängigen Phänomen und war nicht auf einen einheitlichen Stil beschränkt. Ihr werden rund 4000 Künstler zugeordnet.

Die ersten Akademiedirektoren, Peter von Cornelius, besonders aber Wilhelm von Schadow, prägten die anfänglich engere Ausrichtung der Lehranstalt im Sinne der Nazarenerbewegung und des Klassizismus, unterlegt von Kunsttheorien des Deutschen Idealismus. Die Themen, die sie nach der klassischen Genrehierarchie ordneten, umfassten die der Mythologie, des Christentums, wichtige historische Themen sowie die Landschaftsmalerei. In jener Zeit, die kulturgeschichtlich auch als Biedermeier bezeichnet wird, machte sich die Strömung der Spätromantik in Deutschland breit und hielt ihren Einzug in der Akademie. Als ihr Markenzeichen identifizierten Kunstkritiker schon bald eine „Seelenmalerei“, einen typischen Hang zur Elegie und zur Darstellung der Psyche. Unter dem Einfluss des Vormärz erweiterte sich das Programm der Akademie und ihres künstlerischen Umfeldes in der Breite zeitgenössischer Strömungen, so dass auch einer realistischen, gesellschaftskritischen Kunstauffassung sowie der Landschafts- und Genremalerei mehr Raum und Geltung zukamen. Unter den Bildthemen und Stilen der Malerschule sind Historienmalerei, Landschaft, Genre und Stillleben in allen Facetten vertreten, die in der bürgerlich bestimmten Kunst des 19. Jahrhunderts eine Rolle gespielt haben.

Durch Rezensionen, Veröffentlichungen und Ausstellungen, durch die Verbreitung der Werke über den internationalen Kunstmarkt, insbesondere nach London, Amsterdam, Brüssel, Paris, Chicago und New York, durch Reisen, weitverzweigte freundschaftliche und familiäre Verbindungen sowie durch die teilweise globalen schulischen und beruflichen Karrieren ihrer Protagonisten strahlte das Schaffen der Düsseldorfer Malerschule weit aus, vor allem im Zeitraum zwischen 1830 und 1870, durchaus aber auch in späteren Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Weltweit gaben die in Düsseldorf geschulten Maler ihre künstlerischen Techniken, Haltungen, Lehrmethoden, Sujets, Topoi und Diskurse weiter, in anderen Kunstakademien und in den aufkommenden Künstlerkolonien. Insbesondere die Düsseldorfer Historien-, Landschafts- und Genremalerei war viele Jahre führend und stilbildend. Die internationale Reputation der Düsseldorfer Malerschule unter künstlerischen Bildungsstätten Deutschlands wurde erst wieder durch das Bauhaus übertroffen. In der Zeit ihrer frühen und größten Blüte vom Ende der 1820er bis zum Ende der 1830er Jahre lag die Düsseldorfer Malerschule nach Ekkehard Mai mit der Malerei in Paris fast gleichauf, in ihrer fortschrittlichen Historienmalerei noch vor den Kunstzentren Antwerpen und München.

  1. Bettina Baumgärtel: Der Schadow-Kreis (Die Familie Bendemann und ihre Freunde), 1830/31. In: Bettina Baumgärtel (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819–1918. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-702-9, Band 2, S. 21 f. (Katalog-Nr. 9)
  2. Als die zu betrachtende Zeitspanne der Düsseldorfer Malerschule hat sich nach einer Definition von Irene Markowitz unter Einbeziehung des Langen 19. Jahrhunderts der Zeitraum von 1819, das Jahr der preußischen Neugründung der Kunstakademie Düsseldorf und des Beginns des Direktorats von Peter Cornelius, bis 1918, das Jahr des Endes des Ersten Weltkriegs und des Deutschen Kaiserreichs, allgemein durchgesetzt. Der vom Kunsthistoriker Wolfgang Hütt vertretene Ansatz, das Jahr 1869 als das Datum einer gescheiterten Künstler-Revolte gegen das Direktorat einer „junkerlich-preußischen Beamtenbürokratie“ unter Hermann Altgelt als Ende der Düsseldorfer Malerschule zu betrachten, setzte sich nicht durch. – Vgl. Wolfgang Hütt: Die Düsseldorfer Malerschule 1819–1869. VEB E. A. Seemann Buch- und Kunstverlag, Leipzig 1983, S. 250 f.
  3. In dem Berliner Kunst-Blatt berichtete der Kunsthistoriker Ernst Heinrich Toelken, Sekretär der Preußischen Akademie der Künste, im September 1828 über die unter der Ägide von Wilhelm Schadow an der Düsseldorfer Akademie entstandene, nunmehr auch in Berlin ausgestellte neue Kunst: „(…) Wilhelm Schadow, Director der Kunstakademie zu Düsseldorf, übt einen so entscheidenden Einfluss auf die, welche seiner Leitung sich anvertrauen, dass man die Arbeiten dieser Schule sofort erkennt.“ – Ernst Heinrich Toelken: Ueber die diesjährige Kunstausstellung in Berlin. In: Berliner Kunst-Blatt. Jahrgang 1828, Heft 9 (September), S. 247–263, hier S. 249 (Google Books)
  4. In dem von Ludwig Schorn redigierten Kunst-Blatt, einer feuilletonistischen Beilage des Morgenblatts für gebildete Stände, lobte der Jurist Romeo Maurenbrecher 1828 die unter Wilhelm Schadow an der Düsseldorfer Akademie entstehende Kunst, insbesondere „jene zusammenstrebende Harmonie und Einheit, jene übersichtliche und durchdachte, gefällige Klarheit, Abrundung und Leichtigkeit der Kompositionen (…), welche die wahrhaft stehenden Vorzüge der Bilder aus Schadow’s Schule ausmachen.“ – Vgl. M[aurenbrecher]: Gemäldeausstellung in Düsseldorf im August 1828. In: Kunst-Blatt, Nr. 81, 9. Oktober 1828, S. 322 – Zitiert nach: Christian Scholl: Revisionen der Romantik. Zur Rezeption der „neudeutschen Malerei“ 1817–1906. Akademie-Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-05-005942-6, S. 195 (Google Books) – Maurenbrecher war seinerzeit einer der Ersten, der die entstehende Kunst als Hervorbringung einer Malerschule besprach. Daher ging er als Miturheber des bald darauf kursierenden Begriffs „Düsseldorfer Malerschule“ in die Kunstgeschichte ein. – Bettina Baumgärtel: Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung. In: Bettina Baumgärtel (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819–1918. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-702-9, Band 1, S. 27, 388 (Q5)
  5. 1833 besprach der preußische Kunstschriftsteller August Hagen Gemälde dreier Düsseldorfer Maler als „geschichtliche Gemälde der Düsseldorfer Schule“. – August Hagen: Ueber drei geschichtliche Gemälde der Düsseldorfer Schule. Königsberg 1833 (Google Books)
  6. 1836 schrieb der Berliner Kunstkenner Atanazy Raczyński: „Es sind erst sieben Jahre her, daß Schadow an der Spitze der Düsseldorfer Akademie steht; es sind nur vier Jahre, daß seine Schüler sich durch ihre ersten Versuche bekannt gemacht haben, und schon hat diese Schule sich zu einer bedeutenden Höhe erhoben.“ – Atanazy Raczyński: Geschichte der neueren deutschen Kunst. Band 1: Düsseldorf und das Rheinland, mit einem Anhange: Ausflug nach Paris. Berlin 1836, S. 119
  7. 1837 beschrieb Friedrich von Uechtritz das Wirken des Malerkreises um Wilhelm von Schadow als „Düsseldorfer Schule“ (Blicke in das Düsseldorfer Kunst- und Künstlerleben. Erster Band. Düsseldorf, 1839, S. 21–22). Im gleichen Jahr folgten Carl Gustav Carus (Bemerkungen über die Bilder der Düsseldorfer Schule, ausgestellt in Dresden im Dezember 1836. Kunst-Blatt Nr. 28, 1837) und Anton Fahne, der schließlich den Begriff „Düsseldorfer Maler-Schule“ kreierte (Die Düsseldorfer Maler-Schule in den Jahren 1834, 1835 und 1836. Düsseldorf 1837, S. 30–31). 1839 verwendet Hermann Püttmann den Begriff „Düsseldorfer Malerschule“ ohne Bindestrich (Die Düsseldorfer Malerschule und ihre Leistungen seit Errichtung des Kunstvereins im Jahre 1829. Leipzig 1839, S. 108).
  8. Nadine Müller: Kunst & Marketing. Selbstvermarktung von Künstlern der Düsseldorfer Malerschule und das Düsseldorfer Vermarktungssystem 1826–1860. Schnell & Steiner, Regensburg 2010, ISBN 978-3-795-42342-1, S. 85 ff.
  9. Bereits 1843 nahm der Schweizer Reiseschriftsteller Wilhelm Füssli die Düsseldorfer Malerschule als ein ortsunabhängiges Phänomen wahr. Er rechnete „[…] im weitern Sinn auch jene Künstler dazu, welche selbst nicht mehr in Düsseldorf wirkten, aber den Charakter der Anstalt in sich aufgenommen und anderwärts ihren Wirkungskreis sich geschaffen hatten, wie Hübner und Bendemann in Dresden, Rethel in Frankfurt die beiden Lasinski [sic] am Rhein und Andere.“ – Vgl. Wilhelm Füssli: Zürich und die wichtigsten Städte am Rhein mit Bezug auf alte und neue Werke der Architektur, Skulptur und Malerei. 2 Bände, Zürich, Comptoirs 1842–1843, S. 536. Zitiert nach: Bettina Baumgärtel: Zum Projekt. In: Bettina Baumgärtel (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819–1918. Band 1, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-702-9, S. 18
  10. Hans Paffrath: Meisterwerke der Düsseldorfer Malerschule 1819–1918. Droste, Düsseldorf 1995, S. 7.
  11. Ekkehard Mai: Die Düsseldorfer Kunstakademie im 19. Jahrhundert – Cornelius, Schadow und die Folgen. In: Gerhard Kurz (Hrsg.): Düsseldorf in der deutschen Geistesgeschichte (1750–1850), Schwann, Düsseldorf 1984, S. 197 ff., ISBN 3-590-30244-5
  12. Ein Jahrhundert wird besichtigt: Die Düsseldorfer Malerschule. In: FAZ.net, 5. September 1998; abgerufen am 1. August 2015
  13. Ekkehard Mai: Die Düsseldorfer Malerschule und die Malerei des 19. Jahrhunderts. In: Wend von Kalnein: Die Düsseldorfer Malerschule. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-8053-0409-9, S. 19