Die öffentliche Meinung
Die öffentliche Meinung (englischer Originaltitel Public Opinion) ist eine Monographie Walter Lippmanns aus dem Jahr 1922. Sie kritisiert das partizipatorische Modell der modernen Demokratie und analysiert die ambivalente Rolle der Massenkommunikation bei der Erzeugung der öffentlichen Meinung. Lippmann befürwortet die Steuerung der öffentlichen Meinung durch eine intellektuelle Elite im „allgemeinen Interesse“, für das Gemeinwohl im Sinne der Staatsräson.
Wie Lippmann in der Einleitung Die Außenwelt und die Bilder im Kopf ausführt (vgl. S. 3–21 der englischen Ausgabe), stehen hinter der politischen Orientierung der meisten Menschen subjektive, irrationale und von Eigeninteresse geleitete perspektivische Wahrnehmungen und mentale Bilder, die der komplexen Wirklichkeit nicht gerecht werden, sondern eine vereinfachte „Pseudo-Umwelt“ erschaffen. Die kognitiven Einschränkungen führen dazu, dass diese Weltsicht sich mithilfe von medial vermittelten und verstärkten Stereotypen, Symbolen oder Klischeevorstellungen bildet, die Lippmann im Einzelnen ausführlich darstellt.
Lippmann schließt seine Einleitung mit der Zusammenfassung der Hauptaussagen seines Werks (S. 31f.):
The substance of the argument is that democracy in its original form never seriously faced the problem which arises because the pictures inside people's heads do not automatically correspond with the world outside. (…) My conclusion is that they (the English socialists) ignore the difficulties, as completely as did the original democrats, because they, too, assume, and in a much more complicated civilization, that somehow mysteriously there exists in the hearts of men a knowledge of the world beyond their reach. This organization (of public opinions) I conceive to be in the first instance the task of a political science that has won its proper place as formulator, in advance of real decision, instead of apologist, critic, or reporter after the decision has been made. I try to indicate that the perplexities of government and industry are conspiring to give political science this enormous opportunity to enrich itself and to serve the public. And, of course, I hope that these pages will help a few people to realize that opportunity more vividly, and therefore to pursue it more consciously.
Public Opinion wurde zu einem grundlegenden Text für die Medienwissenschaften, die Politikwissenschaft und die Sozialpsychologie. Es gilt als das originellste und wertvollste Buch Lippmanns. 1997 erschien es in Neuauflage mit einem Vorwort seines Biografen Ronald Steel.
Erstmals erschien eine deutsche Übersetzung des Buches unter dem Titel Die öffentliche Meinung in der Übersetzung durch Hermann Reidt 1964 bei Rütten & Loening in München. Diese Übersetzung wurde 2018 im Westend Verlag mit einem ausführlichen Vorwort neu aufgelegt;
Das Werk The Phantom Public ("Die Öffentlichkeit als Phantom") von 1925 gilt als Fortsetzung des Werks "Die öffentliche Meinung".
Lippmanns Einfluss wird besonders in Edward Bernays’ Werk Crystallizing Public Opinion deutlich.
- ↑ Walter Lippmann: 1922 (Public Opinion – Internet Archive).
- ↑ Benjamin F. Wright: Five Public Philosophies of Walter Lippmann. University of Texas Press, 2014, ISBN 978-1-4773-0531-7 (com.ph [abgerufen am 30. August 2019]).
- ↑ Ronald Steel: Walter Lippmann and the American Century. Routledge, 2017, ISBN 978-1-351-29975-6, S. 172 ff. (com.ph [abgerufen am 30. August 2019]).
- ↑ Andreas M. Wüst: Politbarometer. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-663-11058-3 (com.ph [abgerufen am 30. August 2019]).
- ↑ Hilfsübersetzung: Der wesentliche Gehalt meiner Argumentation besteht darin, dass Demokratie in ihrer ursprünglichen Form (in Athen, A.d.V.) niemals vor dem von mir beschriebenen Problem stand, das sich aus der Nichtübereinstimmung der Außenwelt mit dem Bild in den Köpfen der Menschen ergibt. (…) Ich komme zu dem Schluss, dass sie (die englischen Sozialisten, A.d.V.) die Schwierigkeiten genauso verkennen wie die ursprünglichen Demokraten, weil sie auch annehmen, und das in einer unvergleichlich komplizierteren Zivilisation, dass im Herzen aller Menschen auf geheimnisvolle Weise ein Wissen von der Welt außerhalb ihres Zugriffs existiert.
- ↑ (Hilfsübersetzung): Die Organisation (der öffentlichen Meinung, A.d.V.) sehe ich in erster Linie als Aufgabe einer politischen Wissenschaft, die ihren angemessenen Platz vor den Entscheidungen innehat, indem sie Formulierungen findet, anstatt im Nachhinein zu berichten, zu rechtfertigen oder Kritik zu üben. Ich versuche zu zeigen, dass die Verwirrungen der Politik und Wirtschaft zu dem Zweck zusammenwirken, der politischen Wissenschaft diese gewaltige Gelegenheit zu bieten, reichere Erfahrung zu sammeln und der Öffentlichkeit zu dienen. Und natürlich hoffe ich, dass diese Seiten einige Menschen dazu bringen, diese Gelegenheit lebhafter zu erkennen und sie bewusster zu nutzen.
- ↑ Elliot King, Jane Chapman: Key Readings in Journalism. Routledge, 2012, ISBN 978-1-135-76767-9 (com.ph [abgerufen am 29. August 2019]).
- ↑ Doris Appel Graber: The politics of news: the news of politics. CQ Press, 1998, ISBN 978-1-56802-412-7 (com.ph [abgerufen am 29. August 2019]).
- ↑ John Durham Peters, Peter Simonson: Mass Communication and American Social Thought: Key Texts, 1919-1968. Rowman & Littlefield, 2004, ISBN 978-0-7425-2839-0 (com.ph [abgerufen am 29. August 2019]).
- ↑ John Gray Geer: Public Opinion and Polling Around the World: A Historical Encyclopedia. ABC-CLIO, 2004, ISBN 978-1-57607-911-9 (com.ph [abgerufen am 30. August 2019]).
- ↑ Ronald Steel: Walter Lippmann and the American Century. Routledge, 2017, ISBN 978-1-351-29975-6 (com.ph [abgerufen am 30. August 2019]).
- ↑ Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung. Wie sie entsteht und manipuliert wird. Mit einer Einführung von Walter Ötsch und Silja Graupe. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-86489-223-3 (westendverlag.de).
- ↑ Vincent Price: Public Opinion. SAGE, 1992, ISBN 978-0-8039-4023-9 (com.ph [abgerufen am 30. August 2019]).
- ↑ Edward L. Bernays: Crystallizing Public Opinion. Open Road Media, 2015, ISBN 978-1-4976-9880-2 (com.ph [abgerufen am 30. August 2019] vgl. Einführung von Stuart Ewen).