Funktionalismus (Psychologie)

Der Funktionalismus in der Psychologie stellt eine seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA entstandene Forschungsrichtung dar, die sich von dem bis dahin üblichen Konzept der Bewusstseinspsychologie abzuheben suchte.

Die älteren Vorstellungen der Psychologie wurden aus der neu entstandenen Perspektive heraus als „Strukturalismus“ bezeichnet. Unter Strukturalismus verstand man in tadelnder Hinsicht nicht nur die Aufteilung verschiedener Bewusstseinsinhalte im Sinne der älteren Elementenpsychologie, sondern auch den deduktiven Charakter der früheren Vermögenspsychologie. Unter Funktionalismus als einer induktiv bestimmten Lehre wird vielmehr die durch die Sinnesorgane vermittelte Verstandestätigkeit verstanden. Diese Denkgegenstände sind somit nach der empirisch ausgerichteten Lehre nicht Realitäten, sondern nur Funktionen (Relationen) anderer Gegebenheiten.

Durch die insgesamt vom Bewusstsein „als solchem“ (William James 1892) ausgehenden Wirkungen in fortlaufender Interaktion mit der Umwelt – und in Anpassung („adjustment“) an äußere Bedingungen sollte das Verständnis des Bewusstseins ermöglicht und verbessert werden. Dem psychologisch verstandenen Begriff des Funktionalismus liegt somit keine grundlegende Definition von »Funktion« zugrunde. Er bezeichnet nur die dem Bewusstsein insgesamt programmatisch zugeordneten Wirkungen und funktionellen Tendenzen. Psychische Phänomene sollten als unmittelbare Begleit- und Folgeerscheinungen körperlicher Abläufe verstanden werden. Dabei folgte man der Analogie zu (mechanischen) Apparaten und ihren Leistungen (Leistungspsychologie), die den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen der Selbst- und Arterhaltung entsprechen. Bereits René Descartes (1596–1650) hatte diese körperlichen Abläufe (Maschinenparadigma) als automatenhaft bezeichnet (res extensa). In der Tat gingen von der funktionalistischen Theorie eine Reihe anthropologischer, soziologischer, ethnologischer und pädagogischer Impulse aus.

    1. S. 207 f. zu Lemma „Funktion“.
    1. S. 71, 206 zu Stw. „automatenhaft nach physikalischen Gesetzen funktionierende Körperwelt (res extensa)“.
    1. S. 130 ff. zu Stw. „Leistungspsychologie“.
    1. Sp. 651 zu Lemma. „Funktionalismus“.
  1. Dennoch wird auf die Definition des Begriffs »Funktion« von Carl Stumpf verwiesen, wie sie im Exkurs 1 zu Kap. Arendt gegeben ist. Carl Stumpf war mit William James befreundet. Die Bindung des Funktionalismus an den Begriff des auch subjektiv bestimmbaren Bewusstseins (Qualia) unterscheidet ihn von dem späteren Behaviourismus, der die Begrifflichkeit des Bewusstseins als verzichtbar erklärt. (Watson 1919)
  2. Hier wird die Nähe zum Darwinismus deutlich und dem hier gebrauchten Terminus des Kampfs ums Überleben, vgl. auch die zentrale Bedeutung der Anpassung (Evolutionstheorie, Evolutionäre Anpassung, die pädagogische Bedeutung der Sozialisation). Die Positionen der „Anpassung“ und der darwinistischen Orientierung werden auch vom amerikanischen Behaviourismus übernommen.