Geschichte Algeriens
Die Geschichte Algeriens umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Demokratischen Volksrepublik Algerien - von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Sie begann mit den ersten menschlichen Spuren vor 1,78 Millionen Jahren, dem Altpaläolithikum. Diese frühesten Bewohner jagten Nashörner, Elefanten und Pferde in einer Savannenlandschaft, ihre steinernen Artefakte entsprechen der ältesten Bearbeitungstechnologie der Menschheit. Mit einem Alter von etwa 700.000 Jahren fanden sich die frühesten menschlichen Überreste Nordafrikas, wobei die Sahara periodisch über längere Zeiten sehr viel feuchter war als heute und dementsprechend größere Tierherden den Jägern und Sammlern Nahrung, Werkzeuge und Kleidung boten.
Funde in Marokko deuten darauf hin, dass der anatomisch moderne Mensch, der archaische Homo Sapiens, bereits vor 300.000 Jahren Nordwestafrika bewohnte. Spuren abstrakten Denkens reichen rund 100.000 Jahre zurück. Die produzierende Wirtschaftsweise setzte sich nur langsam zu Lasten der aneignenden der Jäger, Sammler und Fischer durch. Auf die Kultur des Ibéromaurusien (ab 17.000 v. Chr.) folgte das Capsien, auf das möglicherweise die Berber (Imazighen) zurückgehen. Wie im Nahen Osten und Nnrdafrika verbreitet, tauchte Keramik schon vor den ersten Bauern auf. Unklar ist, ob diese ersten Bauern ab dem 7. Jahrtausend v. Chr. die vorherige Bevölkerung verdrängten, oder ob diese die neue Lebensweise übernahm. Ab 2500 v. Chr. wurde die Sahara wieder trockener, um 1000 v. Chr. entstanden für die Gegend typische Grabhügel, an der Küste erschienen die Phönizier, die später Karthago gründeten, das um 250 v. Chr. den Osten Algeriens dominierte. Schriftliche Quellen setzen erst im 2. Jahrhundert v. Chr. ein, die Berber entwickelten eine eigene Schrift. Erste Königreiche sind fassbar, Karthago beherrschte den Küstensaum. Bei dessen Bekämpfung durch Rom in den Punischen Kriegen spielten die Könige Mauretaniens und Numidiens, insbesondere Massinissa († 149 v. Chr.), eine wesentliche Rolle. Es dauerte bis 33 v. Chr., bis die Berberreiche Rom unterstanden, wobei hier die Könige Jugurtha und Juba I. im Mittelpunkt standen. 40 n. Chr. wurde Mauretanien von Rom okkupiert und es entstanden Provinzen.
In den rund vier Jahrhunderten römischer Herrschaft kam es zu einer ausgeprägten Verstädterung, wie insgesamt zu einer Romanisierung, ab etwa 200 zur langsamen Christianisierung. Doch blieb die Region weiterhin von der Kultur der Berber geprägt, die wiederum von der neuen Religion stark beeinflusst wurden. Im 4. Jahrhundert kam es zu Aufständen gegen die römische Herrschaft, im Jahr 435 musste Rom Mauretania Tingitana und Mauretania Caesariensis sowie Numidien vertraglich an die 429 nach Afrika übergesetzten Vandalen abtreten. Während es gegen Ende des 5. Jahrhunderts zu Auseinandersetzungen zwischen den arianischen Königen und der katholischen Kirche kam, gelang es den Berbern, ihre Unabhängigkeit zunehmend zurückzugewinnen. Zwar gelang es Ostrom, das Vandalenreich ab 533 zu erobern, doch die Berber verteidigten ihre Gebiete auch gegen die neuen Herren in einer Reihe von Aufständen und Kriegen. Im Kampf gegen die Perser soll es in Ostrom zu Plänen gekommen sein, die Hauptstadt von Konstantinopel nach Karthago zu verlegen.
Gegen die Invasion arabischer Armeen, die das Land für den Islam erobern wollten, wehrten sich die Berber ab 663 gemeinsam mit den Oströmern/Byzantinern. Doch 698 fiel Karthago an die Invasoren, viele der Berber wurden für die neue Religion gewonnen und hatten Anteil an den folgenden Eroberungszügen. Viele schlossen sich der Glaubensrichtung der Charidschiten an. Im 8. Jahrhundert entstanden eigene Emirate, wobei das Land überwiegend arabischen Grundbesitzern gehörte. Während sich die Berber Marokkos mit den sunnitischen Herren der iberischen Halbinsel verbündeten, standen die in Algerien vorherrschenden Sanhādscha den schiitischen Fatimiden näher, die im frühen 10. Jahrhundert das Land besetzten. Davon wiederum setzten sich die charidschitischen Ibaditen Algeriens ab, die Mozabiten, die mit Gewalt in den Süden verdrängt wurden. Unter den von den Fatimiden weitgehend unabhängigen Ziriden wurde im 10. Jahrhundert Algier gegründet. 1015 machten sich die Banu Hammad im Osten Algeriens unabhängig.
Mit der Verdrängung der Zanata aus Westalgerien nach Marokko wurden die Sanhadscha die Herren Algeriens. Die Ziriden ließen Zehntausende von Schiiten niedermachen und beendeten die Herrschaft der Fatimiden ab 1016. Diese hetzten 1051/1052 die ägyptischen Banū Hilāl und Banū Sulaim gegen den Maghreb auf, was eine Völkerwanderung auslöste. Mit der verstärkten Arabisierung ging eine Intensivierung der Islamisierung einher, das Christentum verschwand. 1007 bis 1050 stieg das Reich der Hammadiden als Rivale der Herren Tunesiens auf, wobei es sich mal den Abbasiden, mal den Fatimiden zuwandte. Dieses Reich wurde 1152 von den Almohaden des westlichen Maghreb erobert. Im 11. Jahrhundert flohen die später Tuareg genannten Berber vor den Kämpfen in den Süden des Landes, wurden jedoch auch aus dem Fessan vertrieben. Mittlerweile stand das Kamel als Reittier zur Verfügung, was den Nord-Süd-Handel erleichterte.
Die Dynastien Marokkos und Tunesiens, die Meriniden und die Hafsiden, setzten das in Algerien dominierende Abdalwadidenreich der Zanata beständig unter militärischen Druck. Um 1250 nahm das iberische Aragon zum ersten Mal diplomatischen Kontakt auf, die Zanata begannen, ihre Hauptstadt von Tlemcen nach Algier zu verlegen. 1509 mussten die Abdalwadiden die Oberhoheit Spaniens anerkennen, als dessen Flotte Oran eroberte; im Gegenzug eroberten 1550 Korsaren im Auftrag der Osmanen Tlemcen.
Die Osmanen errichteten eine Oberherrschaft, die von 1519/74 bis 1830 andauerte. Frankreich, das sich von Spanien, bzw. den Habsburgern bedrängt sah, schloss 1536 mit den Osmanen einen Geheimvertrag, in dem sie sich gegenseitige Unterstützung zur See zusagten. 1541 scheitere der spanische Angriff auf Algier, Tunis wurde 1574 osmanische Provinz. Oran blieb von 1534 bis ins 18. Jahrhundert spanisch, die von den Osmanen eingesetzten Herren über Algier verloren die Herrschaft über das Land, die dortigen Deys herrschten ab 1659. Algerien bestandd aus den drei Provinzen Constantine im Osten, Tittari im Zentrum und Muaskar im Westen, die 1792, nachdem die Spanier es endgültig geräumt hatten, nach Oran verlegt wurde. Mit der Stärkung der iberischen Seemächte, bald auch Englands, Frankreichs und der Niederlande, verlor die Kaperei gegen den christlichen Handel im Mittelmeer an Bedeutung. Algier, das im 17. Jahrhundert über 100.000 Einwohner hatte, geriet ökonomisch zunehmend in einen Rückstand. Um 1830 hatte das Land höchstens 3 Millionen Einwohner.
Schon 1628 und 1694 wurden Handelsverträge zwischen Paris und Algier geschlossen. 1830 besetzte Frankreich Algier, Bône und Oran, es folgte ein umfangreicher Landraub und bald die Verteilung unter Siedler. Schon 1848 wurde Algeriens Norden integraler Bestandteil Frankreichs, danach kamen bis 1954 fast eine Million Siedler ins Land. Es kam zu Aufständen, wie etwa 1870–1871. Danach wurde der Code de l’indigénat ab 1881 installiert, der den Einheimischen eine „besondere Gerichtsbarkeit“ aufzwang, so dass sie in einem permanenten Ausnahmezustand lebten. Der Code war bis 1946 gültig und wurde erst 1962 außer Kraft gesetzt. Die Bevölkerungszahl stieg nach schweren Einbrüchen zwischen 1876 und 1931 von knapp 2,9 Millionen auf über 6,5 Millionen an. Doch die Produktion brach weiter ein. Frankreichs Industrieprodukte zerstörten das örtliche Handwerk, Analphabetismus war weit verbreitet, das Arabische verschwand lange aus den Schulen. Die Zahl der nach Frankreich auswandernden Algerier wuchs vor allem während des Zweiten Weltkriegs. Die Eroberung des Südens Algeriens dauerte bis 1917.
Ab 1911 begann der Kampf gegen die Kolonialmacht, der sich gegen Ende des Krieges intensivierte. Ende 1954 begann der Unabhängigkeitskrieg, der 1962 zum Abzug Frankreichs führte. Die Zahl der Toten ist unbekannt, fast eine Million Siedler mussten das Land verlassen, viele, die mit Franzosen zusammengearbeitet hatten, wurden ermordet; zwischen 1962 und 1965 kamen 324.000 Rückkehrer und 110.000 muslimische Algerier nach Frankreich.
Ein Referendum entschied mit überwältigender Mehrheit für die Unabhängigkeit. Bald sollte ein „algerischer Sozialismus“ entstehen, der jedoch scheiterte (bis 1989). 1991 übernahmen Islamisten die Macht, doch im nächsten Jahr wurden sie durch einen Militärputsch gestürzt. Den Auseinandersetzungen zwischen radikalen Islamisten und der Armee fielen seither über 120.000 Menschen zum Opfer. 2002 konnten die Berber die Anerkennung ihrer Sprache durchsetzen. Abd al-Aziz Bouteflika beherrschte von 1999 bis 2019 das Land und bekämpfte den islamistischen Terror. Sein Nachfolger Abdelmadjid Tebboune geriet 2021 mit Frankreich in Konflikt, während die Streitigkeiten mit Marokko immer wieder aufflammten. 2024 vereinbarte er mit Russland eine Vertiefung der strategischen Allianz, gleichzeitig bestehen wieder freundschaftliche Beziehungen zu Frankreich. Algerien hat inzwischen rund 50 Millionen Einwohner.