Kanakische Ehe

Kanakische Ehe bezeichnet den Eheschluss bei den Kanak in Neukaledonien nach ihrem Gewohnheitsrecht und ihren Traditionen. Nach der vom Sénat coutumier verabschiedeten Charta des Kanak-Volkes (Charte du Peuple Kanak) von 2014 ist die Ehe ein Zusammenschluss zweier Familien oder Clans, nicht nur zweier Individuen. Nach ihren Statuten pflanzen sich die Clans durch Allianzen oder Ehen fort. Die Auflösung einer Ehe hat somit Auswirkungen, die über das Ehepaar hinausgehen, und nach dem kanakischen Gewohnheitsrecht ist die einmal eingegangene inter-clanische Verbindung unauflösbar, insbesondere wenn aus dem Zusammenschluss Kinder hervorgegangen sind. Die Betrachtungsweise, dass das Konzept „Familie“ weit über die Kernfamilie hinausgeht und ein ganzes Netzwerk der Clan-Solidarität darstellt, ist auch bei anderen autochthonen Völkern verbreitet. Die Charta des Kanak-Volkes stellt im Artikel 56 fest: „Die kanakische Gesellschaft ist eine patriarchalische Gesellschaft. Ihr Sozialsystem funktioniert auf Basis der Übertragung von Rechten, Befugnissen und Verantwortlichkeiten des Mannes.“

In Neukaledonien gelten zwei Arten von Zivilrecht, für die Kanak das 1967 eingeführte und 1999 als „loi organique“ aufgewertete kanakische Gewohnheitsrecht und für die Nicht-Kanak das normale französische Gemeinschaftsrecht. Im kanakischen Gewohnheitsrecht entscheiden nach alter Tradition die Clans nach ihren eigenen Interessen, wer wen heiratet, was jedoch bei immer mehr jungen Kanak auf Widerstand stößt. Infolgedessen versuchen sie allmählich, das Gewohnheitsrecht anzupassen und individuellere Werte zu integrieren. So haben beispielsweise die Clans in Yaté mittlerweile eingeräumt, dass die Ursache und erste Voraussetzung einer Ehe der Wunsch der Partner ist, zusammenzuleben und auf der Liebe beruht. Nach der „Modernisierung“ ihrer Statute werden unehelich geborene Kinder jedoch ganz nach traditioneller Logik automatisch dem väterlichen Clan zugeordnet. In anderen Gegenden, wie z. B. auf den Loyalitätsinseln, werden manche junge Mädchen jedoch von ihren Eltern schwer misshandelt, wenn sie sich weigern, eine arrangierte Ehe einzugehen.

  1. Ghislain Otis: Contributions à l'étude des systèmes juridiques autochtones et coutumiers Presses de l'Université Laval, 2018, ISBN 978-2-7637-3667-9, S. 174 (französisch)
  2. Coutumes et société, quelles places pour les femmes ? dnc.nc, 3. Mai 2024, abgerufen am 16. Juni 2025 (französisch)
  3. Organisation de la société kanak adraf.nc, abgerufen am 16. Juni 2025 (französisch)
  4. Ghislain Otis: Contributions à l'étude des systèmes juridiques autochtones et coutumiers Presses de l'Université Laval, 2018, ISBN 978-2-7637-3667-9, S. 178 (französisch)
  5. Rouée de coups pour avoir refuser un mariage forcé la1ere.francetvinfo.fr, 22. August 2016, abgerufen am 18. Juni 2025 (französisch)