Völkerschau

Völkerschau (englisch ethnological exposition oder human zoo, französisch zoo humain) bezeichnet die kommerzielle Zurschaustellung indigener Menschen in Zoos, Panoptiken oder auf Kolonial- und Weltausstellungen. Die Hochphase der besonders in Europa und den USA populären, heute auch als „Menschenzoos“ bezeichneten Vorführungen dauerte von den 1870er bis Anfang der 1930er Jahre. Die als „exotisch“ oder „Wilde“ in Szene gesetzten Menschen zogen viele Millionen zahlender Besucher an. Sie stießen auch auf großes Interesse bei Wissenschaftlern, vor allem in der biologischen Anthropologie sowie bei Anhängern der sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verbreitenden Rassentheorien. Völkerschauen gelten in der heutigen Forschung daher als ein wesentlicher Faktor bei der Verbreitung und Ausprägung rassistischer Stereotype und Denkmuster.

Den Völkerschauen gingen verschiedene, weit in die Vergangenheit zurückreichende Formen der Zurschaustellung als „fremdartig“ wahrgenommener Menschen voraus. Sie entwickelten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts auf Jahrmärkten und in Freak Shows zu einer zunehmend erfolgreichen Gattung der Schaustellerei. Völkerschauen grenzen sich von diesen früheren Formaten durch weit größere und um mehr Authentizität und Immersion bemühte Inszenierungen ab, beispielsweise die Nachbildung ganzer „Eingeborenendörfer“ oder aufwändige Aufführungen von Tänzen oder Schaukämpfen in künstlichen Kulissen. Sie erwiesen sich für die Veranstalter, die sogenannten Impresarios, als lukratives Unterhaltungsgeschäft. Seit der zweiten Hälfte der 1870er Jahre verbreiteten sich die Völkerschauen ausgehend von Hamburg in nur wenigen Jahren über viele Staaten Europas bis in die USA, Japan und Australien. Sie wurden meist als Tourneen geplant, die in unterschiedlichen Staaten, Metropolen und auch in vielen Kleinstädten Station machten. Seit den 1880er Jahren wurden sie zunehmend auch in Welt- und Kolonialausstellungen integriert.

Einzelne Völkerschau-Tourneen haben in der Forschung besondere Beachtung gefunden – wie die „Lappländer“ (1875), die „Eskimos“ (1880/81), die „Feuerländer“ (1881/82), die „Aborigines“ (1883–1888), die „Bella Coola“ (1885/86), die „Amazonen von Dahomey“ (1888–1903), die Samoaner (1895–1911) oder die Sara-Kaba (1930–1932). Zu den gemessen an der Zahl der zur Schau gestellten Personen größten Völkerschauen im Deutschen Reich zählte 1896 die Berliner Kairo-Ausstellung mit über vierhundert Darstellern, die zeitgleich zur ersten Kolonial-Ausstellung mit über einhundert Personen aus den verschiedenen deutschen Kolonien stattfand. Bei der größten Völkerschau weltweit, der Weltausstellung 1904 in St. Louis, wurden etwa 2.000 Personen zur Schau gestellt.

  1. Jean-Pierre Jacquemin: Kongolesen im „imperialen“ Belgien. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 346–352.
    1. S. 347 f.
  2. Bilddokumente – Menschenzoos und Völkerschauen. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 264–293.
    1. S.264 f.
  3. „Exposition Universelle d’Anvers 1894 – Groupe de Congolaise“ (Weltausstellung in Antwerpen – Gruppe von Kongolesen), Foto von Charles Bernhoeft, 1894.