Korea unter japanischer Herrschaft
Die japanische Besetzung Koreas, im Koreanischen als Ilje Gangjeomgi (koreanisch 일제강점기) bekannt, bezeichnet die Zeit von der formellen Annexion Koreas durch das Japanische Kaiserreich am 29. August 1910 bis zur Kapitulation Japans am 15. August 1945, die zur Befreiung Koreas führte. Aufgrund der Besatzung kam es letztendlich zu der darauffolgenden Spaltung Koreas.
Die japanische Besatzungspolitik in Korea ging über reine sozioökonomische Ausbeutung hinaus und verfolgte das Ziel der systematischen Auslöschung der koreanischen Identität. Instrumente dieser Politik waren die Manipulation der Geschichtsschreibung, die Unterdrückung des Gebrauchs der koreanischen Sprache und die Zerstörung des kulturellen Erbes. Der Schwerpunkt der japanischen Kolonialpolitik lag bewusst und gezielt auf psychologischen und kulturellen Aspekten. Mit den „Verordnung Nr. 19“ von 1939 wurde die zwangsweise Umbenennung der Bevölkerung in japanische Namen (japanisch 創氏改名, Sōshi-kaimei) eingeleitet. Koreaner sollten dabei gleichzeitig, entgegen der formellen legalen Gleichberechtigung, als diskriminierte Unterklasse Japan Arbeitskraft und Zwangsrekruten liefern. Die „Chōsen Bildungsverordnung“ (jap. 朝鮮教育令, Chōsen Kyōiku Rei) von 1911 schuf ein getrenntes und kürzeres Bildungssystem für Koreaner, das sich auf Grundfertigkeiten und Loyalität gegenüber Japan konzentrierte. Spätere Revisionen, insbesondere die Dritte „Chōsen Bildungsverordnung“ (1938) und die Vierte „Chōsen Bildungsverordnung“ (1943), schrieben Japanisch als alleinige Unterrichtssprache (jap. Kokugo, 国語 – „Nationalsprache“, „Landessprache“, sinngemäß „amtliche Sprache eines Landes“) vor, verboten den Unterricht der koreanischen Sprache und intensivierten die Kaiserverehrung sowie die militaristische Indoktrination, mit dem Ziel, die koreanische Jugend vollständig zu assimilieren.
Die Besatzungsverwaltung behauptete unter Verweis auf eine vermeintlich gemeinsame Abstammung, der Zwang für Koreaner zur Annahme japanischer Namen, Sprache und Götterverehrung – einschließlich des Kaisers als Nachkomme vermeintlich gemeinsamer mythologischer Ahnen – sei keine kulturelle Fremdbestimmung, sondern eine „Rückkehr“ zu gemeinsamen Wurzeln. Diese Ideologie sollte die Auslöschung koreanischer Eigenständigkeit legitimieren, die Naisen-Ittai-Politik („Japan und Korea als ein Körper“, jap. 内鮮一体) als natürlich und unausweichlich darstellen und rechtfertigte so die Unterdrückung koreanischer Identität und Unabhängigkeit. Die Tatsache, dass die japanischen Besatzer die Existenz einer von den Japanern separaten koreanischen Ethnie von vornherein nicht anerkannten und die Annexion Koreas lediglich als rechtliche Eingliederung in den japanischen Staat – und nicht als Kolonisierung – betrachteten, findet bis heute Nutzung als revisionistisches Gegenargument für die Kategorisierung der Besatzungspolitik als kulturellen Völkermord.
1938 wurde das „Gesetz zur nationalen Mobilmachung“ (jap. 国家総動員法, Kokka Sōdōin Hō) als Rechtsgrundlage für die Massenrekrutierung koreanischer Arbeitskräfte auf Korea ausgeweitet. Unter verschiedenen auf diesem Gesetz basierenden Erlassen (wie der Verordnung zur nationalen Dienstverpflichtung – jap. 国民徴用令, Kokumin Chōyō Rei) wurden Millionen Koreaner zwangsmobilisiert und in alle Teile des Kaiserreichs, insbesondere Hokkaido und Sakhalin deportiert um in Minen und Fabriken zu arbeiten. Es ebnete auch den Weg für die militärische Zwangsrekrutierung.
Informationen über koreanische Tote unter japanischer Besatzung sind schwer zu finden, da Korea nicht zur Teilnahme am Nachkriegs-Kriegsverbrecherprozess eingeladen wurde. Ab 1939 wurden 5,4 Millionen Koreaner als Zwangsarbeiter eingezogen; die Sterbeziffer konnte jedoch nur grob geschätzt werden. Die Arbeitsbedingungen der koreanischen Zwangsarbeiter waren zwar besser als die anderer Länder, blieben jedoch so schlecht, dass viele starben. Selbst japanische Kulis, die zur Arbeit ins Ausland gezwungen wurden, erlitten Misshandlungen, die häufig zum Tod führten. Von den fast 670.000 koreanischen Arbeitern, die zwischen 1939 und 1945 nach Japan gebracht worden waren, starben 60.000. Schätzungen deuten auf eine mögliche Spanne der koreanischen Sterberate von 5 bis 15 Prozent hin, mit einer mittleren Schätzung von 7 Prozent. Dies sollten konservative Schätzungen sein, wenn man bedenkt, dass in Japan, wo von besseren Arbeitsbedingungen ausgegangen werden kann als in Korea oder der Mandschurei, fast 9 Prozent starben und die Sterberaten in China und Indonesien weit mehr als doppelt so hoch waren. Doch selbst mit diesen niedrigeren Raten ergibt sich für Korea eine Zahl von 270.000 bis 810.000 Todesfällen innerhalb von sieben Jahren.
Die Besatzung verhinderte die Modernisierung Koreas, 1945 eines der ärmsten Länder der Erde, und brachte gesellschaftliche Entwicklungen zum Stillstand. Aufgrund der Beteiligung Japans im Zweiten Weltkrieg kam es zur Besetzung durch die siegreichen Alliierten und der entstehenden Teilung des Landes. Die traumatischen Erlebnisse der Besatzung und die heutige Vertuschung bzw. geschichtsrevisionistischen Darstellung von begangenen Verbrechen durch die nationalistisch tendierenden, LDP-geführten Regierungen Japans sind bis heute eines der Hauptgründe für die schlechten Beziehungen zwischen den beiden Ländern. 1999 entschied die Internationale Arbeitsorganisation, dass es sich bei der Unfreiwilligen Einberufung von Koreanern um einen Verstoß gegen die IAO Konvention Nummer 29 handelt, was jedoch von der japanischen Regierung dementiert wurde mit dem Argument, dass es sich hierbei um die Wehrpflicht der eigenen Staatsbürger gehandelt habe.
- ↑ 용하(서울대학교, 사회학) 신: 일제강점기 (日帝强占期). In: 한국민족문화대백과사전 [Encyclopedia of Korean Culture]. Academy of Korean Studies (koreanisch, Online [abgerufen am 18. April 2025]).
- 1 2 CGS 1st Workshop: “Cultural Genocide” and the Japanese Occupation of Korea. Abgerufen am 19. April 2025 (englisch).
- ↑ Rudolf J. Rummel: Statistics of democide: genocide and mass murder since 1900 (= Macht und Gesellschaft. Band 2). LIT, Münster 1998, ISBN 3-8258-4010-7 (englisch).
- ↑ [단독]일본, '징용은 강제노동' ILO보고서도 부정하나. Yonhap News Agency, 10. Juli 2015, abgerufen am 23. August 2025 (koreanisch).