Lernbehinderung

Klassifikation nach ICD-10
F81 Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten
F81.0 Lese- und Rechtschreibstörung
F81.1 Isolierte Rechtschreibstörung
F81.2 Rechenstörung
F81.3 Kombinierte Störungen schulischer Fertigkeiten
F81.8 Sonstige Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten
F81.9 Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten, nicht näher bezeichnet
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)
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Klassifikation nach ICD-11
6A03 Lernentwicklungsstörung
6A03.0 Lernentwicklungsstörung mit Lesebeeinträchtigung
6A03.1 Lernentwicklungsstörung mit Beeinträchtigung im schriftlichen Ausdruck
6A03.2 Lernentwicklungsstörung mit Beeinträchtigung in Mathematik
6A03.3 Lernentwicklungsstörung mit anderer spezifizierter Beeinträchtigung des Lernens
6A03.Z Lernentwicklungsstörung, nicht näher bezeichnet
ICD-11: EnglischDeutsch (Vorabversion)

Der Begriff der Lernbehinderung existiert im englischsprachigen Raum seit 1948 mit dem ICD-6-WHO als „specific learning defect“ (reading) (mathematics) (strephosymbolia) und wurde unter dem Begriff „Lernstörungen“ (369 Psychoneurosen und Persönlichkeitsstörungen anderer und n.n. bez. Art) 1951 in den ICD-6 Deutsche Ausgabe aufgenommen. In den darauffolgenden ICD's deutscher Ausgabe (ICD-7 „Lernstörungen höheren Grades (nicht organischen Ursprungs)“ (ab 1958), ICD-8 „Spezifische Lernstörung“ Ost, „Spezielle Lernstörungen“ West (ab 1968), ICD-9 „Lese-Rechtschreibschwäche / spezifische Rechenschwäche / Sonstige spezifische Lernschwierigkeiten“ Ost (ab 1979)) wurde dies immer genauer beschrieben bis zum aktuellen ICD-10-GM „Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“ (1994). Aufgenommen wurde dies auch im deutschsprachigen Raum seit den 1960er-Jahren. Seitdem gab es einige Versuche neben der internationalen Klassifikationen seit 1948, den Begriff noch anders zu definieren. Die eingängigste und plausibelste Definition liefert der Pädagoge Gustav Otto Kanter mit der These, dass eine Lernbehinderung ein „langandauerndes, schwerwiegendes und umfängliches Schulleistungsversagen“ bedeutet, das in der Regel mit einer Beeinträchtigung der Intelligenz einhergeht, die jedoch nicht so schwerwiegend ist, dass es sich um einen Fall von geistiger Behinderung handelt.

„Im Sinne“ („sensu“) Kanters präzisiert Karl-Heinz Eser 2005 diese Definition: „Lernbehinderung ist ein breites und vielschichtiges Grenzsyndrom sensu Kanter auf dem Kontinuum zwischen ‚Geistiger Behinderung‘ im engeren Sinne und ‚Normalentwicklung‘, ohne eine qualitativ eigene, eindeutige und klar abgrenzbare Störungskategorie zu bilden“, also eine „Behinderung auf den zweiten Blick“. Laut Eser entspricht der deutschsprachige Begriff „Lernbehinderung“ in etwa dem englischsprachigen Begriff „Borderline Intellectual Functioning“ (wörtlich: „grenzwertige intellektuelle bzw. geistige Leistungsfähigkeit“; vgl. den entsprechenden veralteten Begriff der Grenzdebilität). Das britische Verständnis von „Learning Disability“ (LD) steht dem deutschen näher als das amerikanische, das sich vor allem auf Teilleistungsstörungen (etwa Legasthenie und Dyskalkulie) bezieht.

Von praktischer Bedeutung ist der Begriff der „Lernbehinderung“ vor allem bei der Feststellung eines Anspruchs auf ein sonderpädagogisches Bildungs- und Unterstützungsangebot im Förderschwerpunkt Lernen an einer Förderschule oder allgemeinen Schule. Auch bei Erwachsenen macht sich eine als „Lernbehinderung“ diagnostizierte Schwäche in der Kindheit und Jugend noch negativ bemerkbar, vor allem auf dem Arbeitsmarkt sowie bei den Themen Gesundheit und Strafrecht.

  1. World Health Organisation: Manual of the international Statistical Classification of diseases, injuries, and causes of death. Six Revision of the International Lists of Diseases and Causes of Death. Adopted 1948. (PDF) World Health Organisation, 1949, abgerufen am 10. Juli 2024 (englisch).
  2. ICD-6 deutsche Ausgabe. In: Handbuch der internationalen statistischen Klassifizierung der Krankheiten, Gesundheitsschädigungen und Todesursachen. 6. Überarbeitung des internationalen Verzeichnisses der Krankheiten und Todesursachen. Angenommen 1948 von der Weltgesundheitsorganisation in Genf. Deutsche Ausgabe. Statistisches Bundesamt / Wiesbaden, 1953, abgerufen am 10. Juli 2024.
  3. Karl-Heinz Eser: Lernbehinderung, die Behinderung „auf den zweiten Blick“ – oder: Sind (junge) Menschen mit Lernbehinderung überhaupt behindert? In: Berufliche Rehabilitation, 19 (4). 2005, S. 131–153.
  4. Karl-Heinz Eser: Lernbehinderung im Spiegel der ICF – Systemische Sicht und Definition (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im März 2026. Suche im Internet Archive )  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.. In: „Lernen fördern“. Heft 2/2015, S. 7.