Mentalisierung

Mentalisierung oder auch Mentalisation bezeichnet ein ursprünglich psychoanalytisches Konzept, das die menschliche Fähigkeit beschreibt, „eigenes Verhalten und das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren“. Zugleich werden Vorstellungen darüber gebildet, welche Überzeugungen, Einstellungen, Gefühle und Wünsche dem Verhalten des anderen zugrunde liegen könnten. Die Fähigkeit zur Mentalisierung ermöglicht Perspektivenübernahme und das eigene Erleben und Handeln sowie das des anderen reflexiv zu erfassen.

Für das Verstehen anderer Menschen gibt es eine Überschneidung mit dem Begriff der Empathie. Das Konzept der Mentalisierung umfasst zusätzlich die Wahrnehmung eigener mentaler Zustände.

Auf Grundlage der Erkenntnisse von Säuglingsforschung, Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie wurde der Begriff der Mentalisierung von der Forschergruppe um Peter Fonagy und Mary Target am University College London geprägt. Angelehnt an das Konzept der Theory of Mind fand das Mentalisierungskonzept Eingang in die Entwicklung der mentalisierungsbasierten Psychotherapie. Das Vermögen, sich und andere zu verstehen, muss laut Fonagy und Target erworben werden.

Die Fähigkeit zur Mentalisierung wird ab den ersten Lebensmonaten entwickelt: In einer sicheren Bindungsbeziehung mit den Hauptbezugspersonen geschieht sozialer Austausch. Dabei wird davon ausgegangen, dass Säuglinge zunächst noch kein differenziertes Bewusstsein über ihre emotionalen Zustände und ihr Erleben haben. Dieses entsteht erst allmählich durch eine besondere Art der Affektspiegelung, mit der die frühen Bezugspersonen dem Kind empathisch und Resonanz gebend begegnen. Die Theorie der Mentalisierung beschreibt diese in verschiedenen aufeinander aufbauenden Phasen, die es dem Kind ermöglichen, zunehmend Affekte und Gefühlsbewegungen zu unterscheiden, zu verstehen und zu kontrollieren sowie die eigene Aufmerksamkeit zu regulieren. Die grundlegende Fähigkeit zu mentalisieren ist häufig ab dem vierten Lebensjahr ausgeprägt.

  1. Christiane Montag: Zum Konzept der Mentalisierung in Theorie und Behandlungstechnik der Psychosen. In: Forum Psychoanal. 31, 2015, S. 375–393, doi:10.1007/s00451-015-0217-4 (PDF online)
  2. Melitta Fischer-Kern: Mentalisierung und Depression. In: Spectrum Psychiatrie. 3, 2012 (Online).
  3. Anna Georg: Elterliches Mentalisieren ist ein protektiver Faktor für die gesunde mentale Entwicklung des Kindes. In: Deutsches Ärzteblatt. Deutscher Ärzteverlag GmbH, 23. Dezember 2024, abgerufen am 31. Dezember 2024.
  4. 1 2 Peter Fonagy, György Gergely, Elliot L. Jurist, Mary Target: Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. 6. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-608-96271-0 (englisch: Affect regulation, mentalization and the development of the self. Übersetzt von Elisabeth Vorspohl).