Radiologisch isoliertes Syndrom

Ein radiologisch isoliertes Syndrom (RIS) bezeichnet die bei einem beschwerdefreien Menschen zufällig mittels Magnetresonanztomographie (MRT) nachgewiesene Schädigung (Läsion) eines oder mehrerer Orte in Gehirn und/oder Rückenmark, die aufgrund von Lokalisation und Form vereinbar mit einer demyelinisierenden Schädigung bei Multipler Sklerose (MS) ist. Eine andere Erklärung für die Schädigung darf nicht vorliegen.

Eine Multiple Sklerose konnte gemäß der 2017er-Revision der McDonald-Kriterien erst dann diagnostiziert werden, sobald erstmals Symptome aufgetreten sind und die Diagnosekriterien erfüllt waren. Nach den revidierten McDonald-Kriterien von 2024 kann bei Patienten mit einem radiologisch-isolierten Syndrom bei Erfüllung der kernspintomographischen Kriterien einer räumlichen Dissemination (Streuung, Verteilung) und Nachweis liquorspezifischer oligoklonaler Banden und/oder bei Nachweis intrathekal produzierter Kappa-freier Leichtketten (KFLC) die Diagnose einer MS gestellt werden. Daraus folgt eine Behandlungsindikation (Anzeige der Behandlungsnotwendigkeit).

Bei etwa einem Drittel der Betroffen, bei denen im MRT entsprechende Läsionen auffällig geworden waren, traten innerhalb von fünf Jahren Symptome auf, innerhalb von zehn Jahren wird etwa die Hälfte der Betroffenen symptomatisch. Risikofaktoren für die Entwicklung einer Multiplen Sklerose aus einem radiologisch isolierten Syndrom sind ein junges Lebensalter, eine hohe cerebrale Läsionslast, infratentorielle oder spinale Läsionen (unterhalb des Großhirns und im Rückenmark), Kontrastmittel-anreichernde Läsionen, der Nachweis oligoklonaler Banden im Liquor cerebrospinalis sowie pathologische visuell evozierte Potentiale (VEP).

Für das radiologisch isolierte Syndrom ist der Nutzen einer immunmodulierenden Therapie nicht belegt. In seltenen klinischen Konstellationen (Situationen) kann eine Off-Label-Therapie erwogen werden.

  1. 1 2 3 Alan J. Thompson et al.: Diagnosis of multiple sclerosis: 2017 revisions of the McDonald criteria. In: Lancet Neurology. Band 17, Nr. 2, 2018, S. 162–173, doi:10.1016/s1474-4422(17)30470-2, PMID 29275977.
  2. Orhan Aktas et al.: Diagnose der Multiplen Sklerose: Revision der McDonald-Kriterien 2017. In: Nervenarzt. Band 89, Nr. 12, 2018, S. 1344–1354, doi:10.1007/s00115-018-0550-0, PMID 29876600.
  3. Tumani H., Petereit H.-F. et al., Lumbalpunktion und Liquordiagnostik, S1-Leitlinie, 2026, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien
  4. Darin T. Okuda et al.: Radiologically Isolated Syndrome: 5-Year Risk for an Initial Clinical Event. In: PLOS ONE. Band 9, Nr. 3, 2014, S. e90509–e90509, doi:10.1371/journal.pone.0090509, PMID 24598783.
  5. Christine Lebrun-Frenay et al.: Radiologically Isolated Syndrome: 10‐Year Risk Estimate of a Clinical Event. In: Annals of Neurology. Band 88, Nr. 2, 2020, S. 407–417, doi:10.1002/ana.25799, PMID 32500558.
  6. Bernd Hemmer et al.: Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen. In: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. S2k-Leitlinie, Stand 10. Mai 2021.