Salafismus

Die Salafiyya (arabisch السلفية as-salafiyya, eingedeutscht Salafismus) ist eine heterogene Strömung innerhalb des sunnitischen Islams, die eine exklusive Rückbesinnung auf den Koran, die Sunna und die Praxis der „frommen Altvorderen“ (arabisch السلف الصالح as-salaf aṣ-ṣāliḥ) propagiert. Als historische Referenzepoche gelten die ersten drei Generationen der muslimischen Gemeinschaft.

Theologisch zentral ist eine strenge, in drei Dimensionen gegliederte Auslegung des Tauhīd (wörtl. „Einheit [Gottes]“, Monotheismus) – die Einheit der Herrschaft Gottes (Tauhīd ar-Rubūbiyya), der göttlichen Namen und Eigenschaften (Tauhīd al-Asmāʾ wa-ṣ-Ṣifāt, unter strikter Ablehnung metaphorischer Deutungen) sowie der Anbetung (Tauhīd al-Ulūhiyya) –, verbunden mit der Ablehnung jeder als religiöse Neuerung (Bidʿa) gewerteten Praxis, insbesondere der Heiligenverehrung und Grabfrömmigkeit als Formen des Schirk (Polytheismus). Ebenso abgelehnt wird theologische Spekulation (Kalām) zugunsten eines skripturalistischen Zugangs zu Koran und Sunna. Nach salafistischem Selbstverständnis handelt es sich bei der Salafiyya nicht um eine historisch kontingente Strömung, sondern um eine zeitlose Methodik (Manhaǧ) zur Wiederherstellung ursprünglicher Glaubenspraxis; die Bewegung beansprucht damit, die einzig verbliebene Orthodoxie (Ahl as-Sunna wa-l-Dschamāʿa, arabisch أهل السنة والجماعة) zu repräsentieren. Abgelehnt wird zudem die unkritische „Nachahmung“ (Taqlid) der etablierten Rechtsschulen, sofern deren Lehren einem als authentisch gewerteten Textbeleg (Dalīl) widersprechen.

Der Begriff bezeichnet kein einheitliches historisches Phänomen. Neuere Forschung argumentiert, dass die ältere Gleichsetzung der islamischen Modernisten des späten 19. Jahrhunderts (Dschamal ad-Din al-Afghani, Muhammad Abduh) mit einer Salafiyya-Bewegung eine nachträgliche Konstruktion ist: Der Begriff bezeichnete zunächst primär eine neo-hanbalitische theologische Haltung, keinen modernistischen Reformansatz. Der zeitgenössische Salafismus als eigenständige puristisch-skripturalistische Strömung formierte sich demnach wesentlich erst im 20. Jahrhundert, maßgeblich durch Raschid Ridas zunehmende Annäherung an den saudi-arabischen Wahhabismus.

In der Konflikt- und Sozialforschung wird der zeitgenössische Salafismus zumeist analytisch in drei Strömungen unterteilt: apolitische Puristen, die sich auf Frömmigkeit und Missionierung (Daʿwa) konzentrieren; politische Salafisten, die aktiv gesellschaftliche Veränderungen anstreben; und Dschihadisten, die Gewalt als legitimes Mittel betrachten. Puristische Theologen lehnen die Gleichsetzung mit dschihadistischen Gruppen strikt ab; Letztere werden binnensalafistisch häufig als Khawaridsch bezeichnet.

  1. Maßgeblich Henri Lauzière: The Making of Salafism: Islamic Reform in the Twentieth Century, Columbia University Press, New York 2016.
  2. Quintan Wiktorowicz: Anatomy of the Salafi Movement. In: Studies in Conflict & Terrorism 29/3 (2006), S. 207–239. Die Kategorien sind analytisch weit verbreitet, empirisch jedoch umstritten; vgl. bspw. Joas Wagemakers: Revisiting Wiktorowicz. In: Francesco Cavatorta, Fabio Merone (Hrsg.): Salafism After the Arab Awakening. Hurst, London 2016.