Schenkökonomie
Der Begriff Schenkökonomie (auch „Kultur des Schenkens“ bzw. Umsonstökonomie) bezeichnet eine soziologische Theorie, die dem Strukturfunktionalismus zugeordnet wird. Die Schenkökonomie ist demzufolge ein soziales System, in dem Güter und Dienstleistungen ohne direkte oder zukünftige erkennbare (monetäre) Gegenleistung weitergegeben werden, tatsächlich allerdings meist mit verzögerter Reziprozität. Auf längere Sicht handelt es sich dann um eine Form von Tauschen, die sich aber vom Tauschhandel unterscheidet – man spricht von Gabentausch als Gegensatz zum Warentausch. Die Schenkökonomie gründet sich häufig auf dem Prinzip allgemeiner Solidarität. Ursprünglich wurde der Begriff für ein vorherrschendes Phänomen in urgeschichtlichen und Stammesgesellschaften verwendet, in denen soziale oder immaterielle Gegenleistungen wie Karma, Ansehen oder Loyalität und andere Formen von Dank erwartet wurden. Anthropologen und anderen Wissenschaftlern ist es gelungen, den Gabentausch auch in gegenwärtigen Kulturen nachzuweisen.
- ↑ Umsonst-Ökonomie:Marktplatz des Vertrauens, von Katharina Brunner, München, und Helmut Martin-Jung, Berlin, Süddeutsche Zeitung 2. Juni 2015
- ↑ David Cheal: „The Gift Economy“ (1998), Routledge, S. 105.
- ↑ A. Offer „Between the Gift and the Market: The Economy of Regard“, The Economic History Review, New Series, Vol. 50, No. 3 (Aug., 1997), S. 450–476.
- ↑ Frank Hillebrandt: Praktiken des Tauschens. Zur Soziologie symbolischer Formen der Reziprozität. 1. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16040-5, S. 94 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 20. Juli 2019]): „Zur Entwicklung eines allgemeinen Begriffs des Tausches muss zusätzlich berücksichtigt werden, dass die Praxis des Tausches in der Gegenwartsgesellschaft mit der kultursoziologischen Rekonstruktion des Warentausches nicht hinreichend analysiert ist.“
- ↑ R. Kranton: Reciprocal exchange: a self-sustaining system. In: American Economic Review. Band 86, Nr. 4 (September), 1996, S. 830–851.