Theorie
Eine Theorie ist im umgangssprachlichen Gebrauch eine durch spekulatives Denken oder eine durch Interpretation von Sachverhalten oder von Aussagen gewonnene Erkenntnis. Häufig bildet sie im Ergebnis ein geordnetes System von Grundsätzen bzw. Hypothesen, aus denen sich weitere Erkenntnisse ableiten lassen. Dies entspricht auch dem traditionellen Aristotelischen Verständnis von Theorie als einer dem Geist wesentlich zukommenden Tätigkeit des Anschauens einzelner Bereiche der Wirklichkeit um ihrer selbst willen, als Betrachtung ohne Zweckdienlichkeit. Oft meint Theorie auch das Ergebnis dieser Tätigkeit. Während jede Theorie zunächst als subjektive Theorie hervortritt, erlangen etablierte (objektive) Theorien das Stadium einer Lehre oder Doktrin.
In diesem umgangssprachlichen Gebrauch bildet der Begriff den Gegensatz zur Praxis. Die Frage, in welcher Abhängigkeit Theorie und Praxis zueinander stehen, bleibt davon unberührt und ist eigener Gegenstand philosophischer Reflexion.
Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch ist Theorie ein System begründeter Aussagen und Gesetze, das geeignet ist, eine große Zahl an sinnlich wahrnehmbaren Phänomenen nach (objektiv erkannten) Regelmäßigkeiten zu klassifizieren, im Idealfall diese Regelmäßigkeit auch zu erklären und Prognosen über zukünftige Ereignisse zu erstellen. Die Frage nach dem Geltungsbereich und der Bestätigung, Falsifikation oder Verifikation von Theorien und die Frage, wie eine wissenschaftliche Theorie allgemein beschaffen sein muss, um für derartige Klassifizierungen bzw. für derartige Erklärungsleistungen dienlich zu sein, werden in der Wissenschaftstheorie behandelt. Die Antworten dazu bieten vielfältigste Gestaltungen und Positionen.
Viele bekannte Beispiele für Theorien stammen aus den sogenannten exakten oder mathematischen Wissenschaften, etwa die Relativitätstheorie, die Wahrscheinlichkeitstheorie oder die Komplexitätstheorie. Mathematische Fachdisziplinen führen auch seit dem 19. Jahrhundert eigene Theoriedebatten, etwa beim Theoriengebäude der Physik oder über die Frage des mathematischen Konstruktivismus. Aus nichtmathematischen Gebieten kommen vielfach Theorien, die noch größere Beachtung gefunden haben: die Evolutionstheorie, die Psychoanalyse, Lerntheorien, oder Theorien der empirischen Sozialforschung.
- ↑ Hierbei darf der Interpretationsbegriff ganz allgemein verstanden werden, wie etwa nach Axel Bühler, abgedruckt in A. Mautz, C. Tietz (Hrsg.): Verstehen und Interpretieren - Zum Basisvokabular von Hermeneutik und Interpretationstheorie. (Schöningh-Brill) Paderborn 2020, S. 4:«Verstehen ist […] eine der geistigen Leistungen, die für symbolverwendende Wesen innerhalb einer sprachlichen Gemeinschaft charakteristisch sind. Auslegen und Interpretieren sind Tätigkeiten, die ins Spiel kommen, wenn es nicht gelingt, sprachliche Äußerungen (oder auch andere Zeichen […]) auf Anhieb, mehr oder weniger automatisch zu verstehen.».
- ↑ Siehe R. Eisler (1904), hier unter Weblinks.
- ↑ Siehe dazu G. König, H. Pulte (1998), hier in der Literatur, S. 1128 f. (Abschnitt I Antike bis 19. Jh. – A).
- ↑ Das ist eine mehrheitlich wissenschaftsgeschichtliche Betrachtung von Theorien. So findet man beispielsweise in Anneliese Maiers Untersuchung der Impetustheorie (in: Die Impetustheorie der Scholastik, Rom 1940) folgende Formulierung (Seite 172): „So haben sich im 17. Jahrhundert die Fronten genau so klar geschieden wie im 14.: während damals die Impetustheorie als die neue Lehre der genuinen aristotelischen Auffassung entgegentrat, ist sie jetzt selbst zur offiziellen Doktrin der Schule und damit zur Repräsentantin des Aristotelismus geworden, die von einer neuen Lehre – der Mechanik des Trägheitsprinzips – bekämpft und allmählich überwunden wird.“
- ↑ Nach Aristoteles (Die Nikomachischen Ethik, Buch X, Kap. 7, 1177 b 33) ist etwa ein Leben in reiner Theorie unmöglich, aber erstrebenswert. Vgl. G. König, H. Pulte (1998), hier in der Literatur, S. 1128 (42.914).
- ↑ Immanuel Kant begreift Theorie im gewöhnlichen Sinne operational, als Abstraktion von Handlungsvorschriften, hin zu deren Prinzipien und Maximen. Er sieht also einen notwendigen Rückbezug zum Gegenstand der „Erfahrung“, von dem die Praxis ausgeht, wenn nach der „Tauglichkeit“ von Theorie gefragt wird. Siehe dazu Kant, Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. Band 9 (Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik), Teil 1 in Immanuel Kant: Werke in zehn Bänden, hrsg. W. Weischedel. Darmstadt 51983 (auch hier unter Literatur angegeben). Darin auf Seite 127: „Man nennt einen Inbegriff selbst von praktischen Regeln alsdann Theorie, wenn diese Regeln, als Prinzipien, in einer gewissen Allgemeinheit gedacht werden, und dabei von einer Menge Bedingungen abstrahiert wird, die doch auf ihre Ausübung notwendig Einfluß haben. Umgekehrt, heißt nicht jede Hantierung, sondern nur diejenige Bewirkung eines Zwecks Praxis, welche als Befolgung gewisser im allgemeinen vorgestellten Prinzipien des Verfahrens gedacht wird.“ Nach Kant könne die Tauglichkeit bei idealen Gegenständen der Mathematik und Philosophie auch misslingen (vgl. ebd., S. 129). Die erkenntnistheoretischen Bedingungen dafür, dass eine sinnvolle Bestimmung des Gegenstandes und eine objektive Theorie möglich wird, untersuchte Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft.
- ↑ in gleicher Weise betonte Émile Durkheim (abgedruckt in R. König (Hrsg.): Soziologie, Fischer, Frankfurt am Main 1958, Seite 10): „Wir sind der Meinung, dass unsere Forschungen nicht eine Stunde Arbeit wert wären, wenn sie nur ein spekulatives Interesse haben sollten. Wenn wir die theoretischen Probleme sorgsam von den praktischen trennen, so nicht, um die letzteren zu vernachlässigen, sondern umgekehrt, um uns in die Lage zu versetzen, sie besser zu lösen“.
- ↑ So die instrumentelle Verwendung wissenschaftlicher Theorien nach etwa Pierre Duhem, Ziel und Struktur der physikalischen Theorien. Hrsg. v. Lothar Schäfer, mit einer Einleitung versehen (Duhems Bedeutung für die Entwicklung der Wissenschaftstheorie). Nach der Übersetzung von F. Adler aus dem Jahr 1908. Meiner, Hamburg 1998, ISBN 978-3-7873-1457-7.
- ↑ Siehe die Formulierung in A. F. Chalmers, Wege der Wissenschaft. Zweite deutsche Auflage, übersetzt und herausgegeben von N. Bergemann. (Springer) Berlin, Heidelberg, New York 1989: S. 11 (Der naive Induktivismus).
- ↑ Siehe etwa P. Suppes (2002), Representation and Invariance, hier in der Literatur: Kap 1.2 (What is a Scientific Theory?), ab Seite 2.
- ↑ Vgl. auch M. Carrier, Wege der Wissenschaftsphilosophie im 20. Jahrhundert, Kap. 1.4 (Entwicklungslinien der Wissenschaftsphilosophie), ab Seite 20, in: A. Hüttemann, M. Stöckler (Hrsg.): Wissenschaftstheorie. (mentis) Paderborn 2007.