Wissenschaftstheorie

Die Wissenschaftstheorie (auch Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftslehre) ist ein Teilgebiet der Philosophie, das sich mit den Voraussetzungen, Methoden und Zielen von Wissenschaft und ihrer Form der Erkenntnisgewinnung beschäftigt.

In Abgrenzung zur Logik und Erkenntnistheorie wird Wissenschaftstheorie gelegentlich zu derjenigen philosophischen Disziplin erklärt, die sich mit den Erkenntnissen der empirischen Wissenschaften beschäftigt. Seit dem 20. Jahrhundert umfasst sie vor allem die einheitliche Strömung der so genannten Wissenschaftslogik, die versucht, wissenschaftlich genannte Ansichten als formallogische Theorien oder Begriffssysteme zu rekonstruieren, und sie umfasst die Auflösung und Kritik an diesem Unternehmen.

Anders gesagt, reflektiert Wissenschaftstheorie den Prozess der Theoriebildung (der ein sachlicher, ein logischer und ein historischer Prozess sein kann) wie auch den strukturellen Aufbau von wissenschaftlichen Theorien selbst.

  1. „Die Wissenschaftstheorie beschäftigt sich mit den Voraussetzungen und Grundlagen der Erkenntnis in den Einzelwissenschaften. Dabei werden deren Methoden, Grundsätze, Begriffe und Ziele geklärt und einer kritischen Prüfung unterzogen.“ Seite 13 in P. Kunzmann, F.-P. Burkart, F. Wiedmann (Hrsg.), Philosophie. (dtv) München 71998.
  2. Siehe etwa Franz von Kutschera, Wissenschaftstheorie und Logik. Teil IV in Orientierung durch Philosophie : ein Lehrbuch nach Teilgebieten, hrsg. v. Peter Koslowski, S. 263–275, darin insbes. S. 272, Abschnitt III: Vom Nutzen der Wissenschaftstheorie. (Mohr) Tübingen 1991. Online verfügbar: epub.uni-regensburg.de .
  3. Der Terminus – eine Provokation - entstammt dem, in wissenschaftstheoretischer Hinsicht grundlegenden Werk Logische Syntax der Sprache von Rudolf Carnap. (Springer) Wien, New York 1934 (zweite Auflage 1968). Das Vorwort (S. III. f.) eröffnet gleichsam das Programm zu Carnaps eigener formalsprachlicher Darstellung, wie auch zu sämtlichen nachfolgenden Tendenzen, die sich (wenn auch mittelbar) darauf beziehen mussten: »Philosophie wird durch Wissenschaftslogik, d. h. logische Analyse der Begriffe und Sätze der Wissenschaft ersetzt. Wissenschaftslogik ist nichts anderes als logische Syntax der Wissenschaftsprache«.
  4. Wolfgang Stegmüller, Wissenschaftstheorie. In: A. Diemer, I. Frenzel (Hrsg.), Philosophie. (Fischer) Frankfurt am Main (19S8): Seite 327 (Allgemeines).
  5. Martin Carrier, Wege der Wissenschaftsphilosophie im 20. Jahrhundert. In A. Bartels, M. Stöckler (Hrsg.), Wissenschaftstheorie. (mentis) Paderborn 2007: Abschnitt 2 (Sprache und Wissenschaft: Wiener Kreis und Logischer Empirismus), S. 22; sowie Seite 44, worin es zum aktuellen Status heißt: „Insbesondere hat die Wissenschaftsphilosophie wirksam die stets drohende Gefahr der Ausbildung einer neuen Scholastik gebannt“.
  6. Siehe dazu auch Friedrich Stadler, History of the Philosophy of Science. From Wissenschaftslogik (Logic of Science) to Philosophy of Science: Europe and America 1930–1960, S. 577–658, in: Theo A. F. Kuipers (Hrsg.), General Philosophy of Science. In der Reihe Handbook of Philosophy of Science. In: Science Direct, North-Holland 2007. Darin (S. 577 u. 590) verortet Stadler den Beginn einer vielfältigen Forschung auf dem Gebiet der Wissenschaftsphilosophie historisch erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts und stellt zugleich fest, dass die ursprüngliche Idee der Einheitswissenschaft und die Idee der strukturellen, formgebenden Vorgaben einer Wissenschaftslogik die dafür wichtigsten Grundlagen bildeten. Der internationale Einfluss der ersten, von Carnap mitgegründeten Erkenntnis-Bände habe besonders zu der einseitigen Aufmerksamkeit auf Wissenschaftslogik geführt. Als weiterer, prägender Faktor für die zentrale Behandlung der Wissenschaftslogik ist die enge, auch migrationsbedingte Beziehung zwischen der zentraleuropäischen und der amerikanischen Wissenschaftsphilosophie seit den 1930ern zu nennen (ebd., S. 647).
  7. Frederick Suppe beginnt die übersichtsartige und umfassende Einleitung seines Standardwerks The Structure of Scientific Theories (Illinois Univ. Press, Urbana 21977) mit den Worten: „Wenn irgendein Problem in der Wissenschaftsphilosophie mit Fug und Recht zum zentralsten und bedeutendsten erklärt werden kann, so ist es die Natur und Struktur von wissenschaftlichen Theorien, einschließlich der Frage nach den unterschiedlichen Rollen, welche Theorien in wissenschaftlichen Unternehmungen spielen.“ (S. 3). Der historische Hintergrund geht hierbei allerdings nur bis zum Logischen Positivismus im 19. Jahrhundert zurück, versucht dafür aber den gesamten wissenschaftstheoretischen Bereich als »Überlieferte Sicht« (Received View) bis Mitte des 20. Jahrhunderts zusammenzufassen.
  8. Siehe auch Franz von Kutschera, Wissenschaftstheorie und Logik. Teil IV in Orientierung durch Philosophie : ein Lehrbuch nach Teilgebieten, hrsg. v. Peter Koslowski, (Mohr) Tübingen 1991. S. 272 f., Abschnitt III: Vom Nutzen der Wissenschaftstheorie: „Man kann also auch sagen: Der Gegenstand der Wissenschaftstheorie sind empirische Theorien, ihre Struktur und ihre Überprüfung“.