Sozialökonomik
Die Sozialökonomik ist (1) die historische Fachbezeichnung einer integrierten Sozial- und Wirtschaftswissenschaft (vgl. Einzelwissenschaft, Disziplin). Als (Sozial-)Ökonomik wird die Wissenschaft selbst bezeichnet, ihr Gegenstand als (Sozial-)Ökonomie. (2) Ein kontextabhängiger Ausdruck für komplexe Zusammenhänge von Gesellschaft und Wirtschaft (vgl. Sozialökonomie bzw. Sozioökonomie).
Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts stand die Bezeichnung im deutschsprachigen Raum für das übergreifende Wissensgebiet von Geschichte, Rechts- und Staatswissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Soziologie. Das jüngere sozialökonomisch wurde oft synonym mit den älteren nationalökonomisch oder volkswirtschaftlich verwendet, womit vor allem der „gesellschaftliche und politische Kontext wirtschaftlicher Aktivität“ hervorgehoben werden sollte. Als charakteristisch gilt der erkenntnistheoretische Versuch, historisch-soziale Wirklichkeitswissenschaft mit wirtschaftstheoretisch-logischer Analyse zu verbinden. Als Wissenschaftskonzept repräsentierte die Sozialökonomik die anfänglich interdisziplinär ausgerichtete universitäre Praxis der institutionalisierten Volkswirtschaftslehre (VWL). Durch methodologische Spezialisierung und akademische Restrukturierung seit den 1950er-Jahren verlor sie jedoch ihren disziplinären Leitbildcharakter.
In der Gegenwart werden Sozial- oder Sozioökonomik und VWL kaum mehr auf derselben Bedeutungsebene verwendet. Dagegen sind unter anderem Sozialpolitik, Sozialstatistik, Sozioökonomische Bildung und Verhaltensforschung, Soziale Arbeit, Sozialwirtschaft, sozial-betriebliche Organisation, sozial-ökologische Transformation oder die Christlichen Soziallehren mit dem Begriff assoziiert. Oft werden im Sprachgebrauch mit sozioökonomisch sozialstatistische Sachverhalte (Sozioökonomischer Status, Sozio-oekonomisches Panel) und mit sozialökonomisch wirtschafts- und sozialpolitische Themen adressiert (Sozialökonomik Erlangen-Nürnberg, FB Sozialökonomie Hamburg). Hierbei wird zuweilen offen auf wirtschaftsethische Prämissen bzw. auf einen notwendigen ethischen Diskurs in den Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaft selbst hingewiesen.
In diesem doppelten Sinne werden zum Beispiel die neueren historisch-sozial wie statistisch-formal angelegten Studien des Ökonomen Thomas Piketty in der Literatur sowohl der älteren Tradition einer disziplinären Sozialökonomik als auch aktuellen sozioökonomischen oder transformativ-wirtschaftspolitischen Forschungsansätzen zugeordnet. Die Juristin Katharina Pistor knüpft rechtshistorisch und rechtstheoretisch an diese Fragestellungen an.
- ↑ Vgl. zum Ganzen ursprünglich Frank Fehlberg: Sozialökonomik – Geschichte und Gegenwart eines Wissenschaftskonzepts (2021), Grundlagentext auf Exploring Economics.
- ↑ Vgl. Alfred Oppolzer: „Sozialökonomie“. Zu Gegenstand, Begriff und Geschichte eines interdisziplinären und praxisbezogenen Wissenschaftskonzeptes, in: Sozialökonomische Beiträge. Zeitschrift für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft 1/1 (1990), S. 6ff.
- ↑ Vgl. Gertraude Mikl-Horke: Traditionen, Problemstellungen und Konstitutionsprobleme der Sozioökonomie, in: Reinhold Hedtke (Hrsg.): Was ist und wozu Sozioökonomie?, Wiesbaden 2015, S. 95ff.; zum erkenntnistheoretischen Zusammenhang treffend Geoffrey M. Hodgson: How Economics Forgot History. The Problem of Historical Specificity in Social Science, London/New York 2001, S. 21ff. Aktueller Christian Fridrich, Reinhold Hedtke, Georg Tafner (Hrsg.): Historizität und Sozialität in der sozioökonomischen Bildung, Wiesbaden 2019.
- ↑ Zur geschichtlichen Entwicklung der VWL zu einer „mathematisch und axiomatisch argumentierenden Wirtschaftstheorie“ vgl. Jan-Otmar Hesse: Wirtschaft als Wissenschaft. Die Volkswirtschaftslehre in der frühen Bundesrepublik, Frankfurt am Main 2010.
- ↑ Vgl. Gertraude Mikl-Horke: Was für eine Ökonomie ist die Sozialökonomie/Sozioökonomie? Begriffsverwendungen in Geschichte und Gegenwart, in: Arne Heise, Kathrin Deumelandt (Hrsg.): Sozialökonomie – ein Zukunftsprojekt, Marburg 2015, S. 13ff. und breiter in Verbindung mit dem Bildungsbegriff vgl. Andreas Fischer, Bettina Zurstrassen (Hrsg.): Sozioökonomische Bildung, Bonn 2014 sowie Tim Engartner, Christian Fridrich, Silja Graupe, Reinhold Hedtke, Georg Tafner (Hrsg.): Sozioökonomische Bildung und Wissenschaft. Entwicklungslinien und Perspektiven, Wiesbaden 2018 und Christian Fridrich, Reinhold Hedtke, Walter Otto Ötsch (Hrsg.): Grenzen überschreiten, Pluralismus wagen. Perspektiven sozioökonomischer Hochschullehre, Wiesbaden 2020. Zur Verbindung von Sozialer Arbeit und Sozialwirtschaft vgl. Klaus Schellberg: Die Wirtschaftswissenschaften und ihr Verhältnis zur Sozialwirtschaft (und der Sozialen Arbeit), in: Reinhilde Beck, Armin Wöhrle, Klaus Grunwald, Klaus Schellberg, Gotthart Schwarz, Wolf Rainer Wendt: Grundlagen des Managements in der Sozialwirtschaft, Baden-Baden 2013, S. 117ff.
- ↑ Vgl. zu Pikettys „Kapital im 21. Jahrhundert“ (2014) Frank Fehlberg: Sozialökonomik und Kapitalistik. Karl Rodbertus’ Beitrag zur Sozioökonomie, in: Jakob Kapeller, Stephan Pühringer, Katrin Hirte, Walter O. Ötsch (Hrsg.): Ökonomie! Welche Ökonomie? Stand und Status der Wirtschaftswissenschaften, Marburg 2016, S. 231ff. und Till van Treeck: Zur Bedeutung von r > g in Pikettys „Kapital im 21. Jahrhundert“, in: Peter Bofinger, Gustav A. Horn, Kai D. Schmid, Till van Treeck (Hrsg.): Thomas Piketty und die Verteilungsfrage. Analysen, Bewertungen und wirtschaftspolitische Implikationen für Deutschland, o. O. 2015, S. 73ff.
- ↑ Vgl. Katharina Pistor: Der Code des Kapitals. Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft (engl. Orig. 2019), Berlin 2020, S. 20. Zum Verhältnis von Rechts- und Wirtschaftsentwicklung vgl. den Handbuch-Eintrag Dies.: Rechtssystem und Wirtschaftsentwicklung, in: Raj Kollmorgen, Wolfgang Merkel, Hans-Jürgen Wagener (Hrsg.): Handbuch Transformationsforschung, Wiesbaden 2015, S. 657ff.
- ↑ Karsten Nowrot: Sozialökonomie als disziplinäre Wissenschaft. Alternative Gedanken zur sozialökonomischen Forschung, Lehre und (Eliten-)Bildung (Vortrag 2014), erschienen in: Rechtswissenschaftliche Beiträge der Hamburger Sozialökonomie, Heft 2, Hamburg 2015.