Transgeschlechtlichkeit

Transgeschlechtlichkeit (von lateinisch trans ‚hinüber‘ ‚jenseits‘; englisch transgender; adjektivisch transgeschlechtlich, kurz trans) oder Transidentität (von lateinisch identitas ‚Wesenseinheit‘ ‚Identität‘) bezeichnet bei Personen, dass ihre Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig mit dem in der Regel anhand äußerer Merkmale vor oder unmittelbar nach der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.

Transgeschlechtlichkeit ist ein Überbegriff für viele Personen, die sich dem queeren bzw. LGBT-Spektrum zuordnen. Sie ist unabhängig von sexueller Orientierung. Zum Überbegriff gehören binäre Transmenschen, beispielsweise Transfrauen und Transmänner, genauso wie nichtbinäre Transpersonen, die sich über die Geschlechtergrenzen hinaus identifizieren bzw. eine geschlechtliche Zuordnung vollkommen verweigern. Menschen, die nicht trans sind, werden entsprechend als cisgeschlechtlich oder einfach cis bezeichnet.

Der Grad, zu dem Personen sich mit ihrer äußerlichen Erscheinung wohlfühlen und ihre authentische Identität annehmen, wird auch als Transgender-Kongruenz bezeichnet (englisch transgender congruence). Manche Transpersonen erleben Geschlechtsdysphorie, leiden also darunter, dass sie sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde (Geschlechtsinkongruenz). Einige von ihnen streben deshalb medizinische Maßnahmen an, etwa Hormonersatztherapie und geschlechtsangleichende Operationen.

Das heutige Verständnis von Transgeschlechtlichkeit ist wenige Jahrzehnte alt, und auch die älteren Konzepte der Transsexualität und des Transvestitismus reichen nur bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück. In vielen Gesellschaften wurden Transpersonen von Zeitgenossen aufgrund ihrer Weigerung, in gesellschaftlich vorgeschriebene Geschlechterrollen zu passen, mit Argwohn betrachtet oder für unnatürlich bzw. psychisch krank gehalten.

Magnus Hirschfeld war ab etwa 1910 ein Pionier der Forschung an Transmenschen und deren medizinischer Behandlung, und darauf aufbauend wurde bis in die 1990er-Jahre Transgeschlechtlichkeit besonders unter den medizinischen Aspekten betrachtet. Um die Jahrtausendwende vollzog sich ein Paradigmenwechsel, da Transmenschen anfingen, sich nicht mehr durch das biologische Geschlecht und dessen Veränderungen zu definieren, sondern durch die Geschlechtsidentität und deren Ausdruck. Zur gleichen Zeit, teilweise bereits seit den 1970er-Jahren, verbesserte sich in vielen Ländern die rechtliche und soziale Situation von Transpersonen. Allerdings ist seit 2020 in manchen Regionen wie den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich ein erneutes Aufkommen von Transfeindlichkeit (Transphobie) zu beobachten.

  1. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. DSM-5-TR Auflage. American Psychiatric Association Publishing, 2022, ISBN 978-0-89042-575-6, doi:10.1176/appi.books.9780890425787.x14_gender_dysophoria (englisch, Online [abgerufen am 10. Mai 2024]).
  2. Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit. S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung. In: Timo O. Nieder, Bernhard Strauß (Hrsg.): Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit. Nomos Verlagsgesellschaft, 2021, S. 23–192, doi:10.30820/9783837977585-23.
  3. Sexual orientation and gender identity. American Psychological Association, 2011, abgerufen am 21. Oktober 2021 (englisch).
  4. Wissen: Transmensch. In: Die Welt. 15. April 2012, abgerufen am 9. November 2021 („Wer sind Transsexuelle und Transgender-Personen?“).
  5. Worteintrag: Transmensch, der. In: Duden online. Abgerufen am 9. November 2021; Bedeutung: „Mensch, der transgender oder transsexuell ist“.
  6. Worteintrag: Transperson, die. In: Duden online. Abgerufen am 9. November 2021.
  7. LSBTIQ*: Glossar zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt. In: bmbfsfj.bund.de. Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 20. Januar 2026, abgerufen am 1. Februar 2026.
  8. Gutachten: Begrifflichkeiten, Definitionen und disziplinäre Zugänge zu Trans- und Intergeschlechtlichkeiten. (PDF; 1,09 MB) Begleitmaterial zur Interministeriellen Arbeitsgruppe Inter- & Transsexualität – Band 1. Berlin. In: bmbfsfj.bund.de. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Mai 2015, S. 121-123, abgerufen am 19. Dezember 2025.
  9. Holly B. Kozee, Tracy L. Tylka, L. Andrew Bauerband: Measuring Transgender Individuals’ Comfort With Gender Identity and Appearance Measuring Transgender Individuals’ Comfort With Gender Identity and Appearance: Development and Validation of the Transgender Congruence Scale. In: Psychology of Women Quarterly. Band 36, Nr. 2, 1. Juni 2012, S. 179–196, doi:10.1177/0361684312442161 (englisch).
  10. Magnus Hirschfeld: Die Transvestiten: Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb, mit umfangreichem kasuistischem und historischem Material. Alfred Pulvermacher, Berlin 1910 (online auf digitaltransgenderarchive.net).
  11. Emily St James: The time to panic about anti-trans legislation is now. 24. März 2022, abgerufen am 20. Juli 2023 (englisch).