Verführungstheorie
Sigmund Freuds Verführungstheorie ist eine Mitte der 1890er Jahre aufgestellte Theorie, die sich mit dem Ursprung, der Entwicklung und der möglichen Heilung von Hysterie und Neurosen beschäftigt. Laut Theorie sind verdrängte Erinnerungen an die Erfahrung sexuellen Missbrauchs oder sexueller Belästigung in der frühen Kindheit zentrale Voraussetzung für hysterische, obsessive und neurotische Symptome. Insofern erscheint der Terminus "Verführung" irreführend, da es sich bei den beschriebenen Umständen um Missbrauch und Schädigung und aus heutiger Sicht um Straftaten handelt, die vom Tatopfer nicht gewollt werden.
Anfänglich ging Freud in der Entwicklung seiner Theorie davon aus, dass seine Patienten glaubhafte Berichte tatsächlich erfolgter sexueller Misshandlung und sexuellen Missbrauchs gaben, welche für ihre Neurosen und anderen psychischen Probleme verantwortlich waren. Nach einigen Jahren gab Freud diese für die damalige Zeit noch wesentlich skandalösere Theorie wegen scharfer Proteste aus der Fachwelt (u. a. bei seinem Vortrag vor der Wiener Vereinigung für Psychiatrie und Neurologie am 21. April 1896) auf und stellte seine Verführungstheorie selbst wieder infrage. Am 21. September 1897 schrieb er an seinen Freund Wilhelm Fließ, dass er an seine „Neurotica“ nicht mehr glaube, und verfolgte die Theorie, dass die Erinnerungen an sexuellen Missbrauch de facto imaginäre Fantasien seien (siehe Ödipuskonflikt).
- ↑ Masson (ed.) (1985), p. 187; Jones, E. (1953). Sigmund Freud: Life and Work. Volume 1. London: Hogarth Press, p. 289; Clark, R. W. (1980). Freud: The Man and the Cause. Jonathan Cape, p. 156.
- ↑ Jahoda, M. (1977). Freud and the Dilemmas of Psychology. London: Hogarth Press, p. 28; Clark (1980), p. 156; Gay, P. (1988). Freud: A Life for Our Time, Norton, S. 92–94.
- ↑ Jeffrey Masson: The Assault on Truth: Freud's Suppression of the Seduction Theory. Farrar Straus & Giroux, 1984, ISBN 0-374-10642-8 Deutsche Übersetzung: Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie, Reinbek bei Hamburg, (1. Auflage) 1984, ISBN 978-3-498-04284-4.
- ↑ Sándor Ferenczi: Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind. dissoziation-und-trauma.de, Aus: Sándor Ferenczi: Infantil-Angriffe: Über sexuelle Gewalt, Trauma und Dissoziation, Berlin 2014, ISBN 978-3-923211-36-4 (PDF, 150 Seiten, 1,6 MB).
- ↑ Jeffrey M. Massons: Der Widerruf der Mißbrauchstheorie ("Verführungstheorie") durch Sigmund Freud. Rudolf Sponsel, Abteilung Kritische Arbeiten zur Psychoanalyse und Analytischen Psychotherapie. IP-GIPT. Erlangen.
- ↑ Christian Pape: So erniedrigt wurde das menschliche Wesen wohl nie, wie durch die Psychoanalyse. Universität Wien, Diplomarbeit, S. 20 (PDF, 150 S., 3,2 MB).
- ↑ Jahoda (1977), p. 28; Gay (1988), p. 96.