Wende und friedliche Revolution in der DDR
Als Wende oder friedliche Revolution in der DDR (auch Wendezeit oder Zusammenbruch der DDR) wird der Prozess gesellschaftspolitischen Wandels bezeichnet, der 1989 in der Deutschen Demokratischen Republik die Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) beendete, den Übergang zu einem parlamentarischen Regierungssystem nach westdeutschem Vorbild begleitete und die deutsche Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 möglich machte.
Die grundlegenden Veränderungen in der DDR, bedingt durch die von Teilen der DDR-Bevölkerung ausgehenden gewaltfreien Initiativen, Proteste und Demonstrationserfolge, fielen in den Zeitraum zwischen den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 und der einzigen freien Volkskammerwahl im März 1990. Zu den innergesellschaftlich treibenden Kräften des Reformprozesses zählten Intellektuelle und kirchlich gebundene Menschen, die sich zu Protest- und Bürgerinitiativen zusammenfanden, sowie die wachsende Zahl friedlich demonstrierender Bürger, die der erlebten und verstärkt drohenden Konfrontation mit staatlicher Gewalt und Repression nicht mehr zu weichen bereit waren. Parallel zu den sich ausweitenden Bürgerprotesten geriet das SED-Regime ab dem Sommer 1989 auch durch eine zunehmende Fluchtbewegung von DDR-Bürgern über andere Ostblockstaaten wie Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen unter Druck.
Ermöglicht wurde diese Entwicklung nicht zuletzt durch die veränderte Außenpolitik der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow, die den im Warschauer Pakt verbundenen Ostblockstaaten ein nationales Selbstbestimmungsrecht zubilligte und – anders als beim Aufstand vom 17. Juni 1953 – auf den Einsatz des eigenen Militärs gegen die Volkserhebung verzichtete. Auch die wegen ihrer reformfeindlichen Einstellung unter den „sozialistischen Bruderländern“ zunehmend isolierte, offensichtlich delegitimierte und weitgehend ratlose SED-Führung verzichtete zuletzt auf den Einsatz von Gewalt gegen das sich in immer größeren Demonstrationszügen formierende Volk und ließ am 9. November 1989 die Grenzöffnung an der Berliner Mauer zu.
Durch einen Wechsel in der Partei- und Staatsführung sowie durch Dialogbereitschaft mit den oppositionellen Kräften suchte die SED-Spitze vergeblich die politische Initiative zurückzugewinnen. Die Regierung von Ministerpräsident Hans Modrow wurde seit Anfang Dezember 1989 vom Zentralen Runden Tisch kontrolliert, der im Zusammenwirken mit landesweiten spontanen Massenaktionen für die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mit seinem Bespitzelungs- und Unterdrückungsapparat sorgte und die Wahlen zu einer frei gewählten Volksvertretung maßgeblich mit vorbereitete. Wegen anhaltender Instabilität der politischen Gemengelage und insbesondere im Hinblick auf die DDR-Staatsfinanzen ging die politische Initiative mehr und mehr auf die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl über. Der hohe Wahlsieg der Allianz für Deutschland stellte schließlich die Weichen für eine schnelle Vereinigung beider deutscher Staaten.
- ↑ Zur Rolle der Sicherheitsorgane, insbesondere der NVA vgl. Horst Klein: Die Nationale Volksarmee der DDR in der friedlichen Revolution im Herbst 1989. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft III/2009.