William-Shakespeare-Urheberschaft

Die William-Shakespeare-Urheberschaft wird seit Mitte des 19. Jahrhunderts diskutiert und dreht sich um zwei Fragen: Hat wirklich William Shakespeare (1564–1616) aus Stratford-upon-Avon die ihm zugeschriebenen Werke verfasst oder stammen sie nicht vielmehr aus der Hand eines oder mehrerer anderer Autoren? Und wer kommt statt seiner als Urheber infrage? Die etablierte Shakespeare-Forschung betrachtet die Debatte als Pseudo-Wissenschaft und Verschwörungstheorie.

Die so genannten „Nicht-Stratfordianer“, die William Shakespeares Autorenschaft anzweifeln, führen für ihre Theorien zwei Hauptargumente an: Erstens fehle es an konkreten Beweisen, dass der als William Shakspere belegte „shareholder“ und Geschäftsmann aus Stratford, tatsächlich das literarische Werk verfasst habe, das seinen Namen trägt. So sei kein einziger Brief und kein Dramen-Manuskript von seiner Hand überliefert und es gebe allzu große Lücken in den historischen Hinterlassenschaften seines Lebens. Zweitens gebe es keinen Beleg dafür, dass Shakespeare wenigstens eine Grammar School oder gar eine Universität besucht habe, und nur dort habe er die umfassende Allgemeinbildung erhalten können, die der Verfasser gehabt haben muss. Die Schlussfolgerung aus all dem sei, dass Shakespeare nur eine Art „Strohmann“ („frontman“) für den wahren Autor gewesen sein könne, der habe anonym bleiben wollen oder müssen.

Seit die amerikanische Pfarrerstochter Delia Bacon 1856 erstmals ihren Namensvetter Sir Francis Bacon (1561–1626) als angeblich wahren Autor der Theaterstücke Shakespeares darstellte, haben die Anti-Startfordianer rund 80 weitere Alternativkandidaten identifiziert, darunter Christopher Marlowe, William Stanley, 6. Earl of Derby und Edward de Vere, 17. Earl of Oxford. Letzterer löste nach 1920 Bacon als bis dahin populärsten Anwärter auf die Urherberschaft von Shakespeares Werken ab.

In der Literaturwissenschaft spielt die Urheberschafts-Debatte praktisch keine Rolle. So befindet etwa Stephen Greenblatt, einer der führenden Shakespeare-Experten, dass es in dieser Frage einen „überwältigenden wissenschaftlichen Konsens“ gebe, der auf der „seriösen Bewertung harter Fakten“ basiere. Frank Günther, einer der führenden deutschen Shakespeare-Kenner und -Übersetzer, kehrt das Hauptagument der Anti-Startfordianer um, indem er darauf verweist, dass es Dutzende externer Zeugnisse, sprich: eindeutige Aussagen von Zeitgenossen gebe, die Skakespeare als Autor seiner Werke benennen, während es nicht einen einzigen historischen Beleg dieser Art für einen anderen Kandidaten gebe.

Während Experten stets sämtliche Theorien zu Alternativkandidaten verworfen haben, war das Interesse an der Urheberschaftsdebatte unter Nichtphilologen immer groß, speziell unter Theater- und Filmschaffenden wie Charlie Chaplin, Derek Jacobi, Vanessa Redgrave, Mark Rylance oder Roland Emmerich. Aber auch so unterschiedlichen Berühmtheiten wie Friedrich Nietzsche, Otto von Bismarck und Sigmund Freud folgten einem Trend, der sich auch im 21. Jahrhundert fortsetzt.

Viele Wissenschaftler und interessierte Laien halten die Frage allerdings für bedeutungslos. So schrieb Egon Friedell in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit:

„Die geringe oder falsche Schätzung, die Shakespeare zu seinen Lebzeiten erfahren hat, ist manchen so paradox erschienen, daß sie auf das Auskunftsmittel verfielen, seine Existenz überhaupt zu leugnen. Das ist allerdings eine sonderbare Art den Widerspruch zu lösen. (…) Vielleicht hieß er nicht Shakespeare: was kümmert uns seine Adresse!“

Robert Neumann wiederum weist ironisch auf das Forschungsergebnis eines britischen Literaturwissenschaftlers hin, demzufolge Shakespeares Stücke nicht von Shakespeare stammten, sondern von einem anderen Autor gleichen Namens.

  1. Ch. Ogburn: The Mysterious William Shakespeare. 1984, S. 173.
  2. National Portrait Gallery: Searching for Shakespeare, NPG Publications, 2006.
  3. Edgar M. Glenn: Shakespeare and His Rivals, A Casebook on the Authorship Controversy. New York 1962, S. 63.
  4. Frank Günther: Unser Shakespeare. Einblicke in Shakespeares fremd-verwandte Zeiten, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014, S. 276
  5. Siehe Gibson The Shakespeare Claimants: A Critical Survey of the Four Principle Theories Concerning the Authorship of the Shakespearean Plays, Routledge 2005, S. 48, 72, 124.
  6. McMichael, S. 159.
  7. Stephen Greenblatt: Letter To the Editor. In: The New York Times, 4. September 2005. (an overwhelming scholarly consensus, based on a serious assessment of hard evidence)
  8. Günther: Unser Shakespeare, S. 300
  9. Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit, Band 1, DTV, München 1997, S. 400