Der Begriff der Faserung verallgemeinert den Begriff eines Faserbündels und spielt in der algebraischen Topologie, einem Teilgebiet der Mathematik eine wichtige Rolle.
Anwendung finden Faserungen zum Beispiel in Postnikow-Systemen oder der Obstruktionstheorie.
In diesem Artikel sind alle Abbildungen stetige Abbildungen zwischen topologischen Räumen.
Definitionen
Homotopie-Hochhebungseigenschaft
Eine Abbildung
erfüllt die Homotopie-Hochhebungseigenschaft für einen Raum
, falls:
- für jede Homotopie
und
- für jede Abbildung (auch Lift genannt)
die
hochhebt (bzw. liftet) (d. h.
),
existiert eine Homotopie
die
hochhebt (d. h.
) mit
Das folgende kommutative Diagramm zeigt die Situation:
Faserung
Eine Faserung (oder auch Hurewicz-Faserung) ist eine Abbildung
welche die Homotopie-Hochhebungseigenschaft für alle Räume
erfüllt. Der Raum
wird Basisraum und der Raum
wird Totalraum genannt. Als Faser über
bezeichnet man den Unterraum 
Serre-Faserung
Eine Serre-Faserung (auch schwache Faserung genannt) ist eine Abbildung
welche die Homotopie-Hochhebungseigenschaft für alle CW-Komplexe erfüllt.
Jede Hurewicz-Faserung ist eine Serre-Faserung.
Quasifaserung
Eine Abbildung
wird Quasifaserung genannt, falls für jedes
and
gilt, dass die induzierte Abbildung
ein Isomorphismus ist.
Jede Serre-Faserung ist eine Quasifaserung.
Beispiele
- Die Projektion auf den ersten Faktor
ist eine Faserung.
- Jede Überlagerung
erfüllt die Homotopie-Hochhebungseigenschaft für jeden Raum
Speziell gibt es für jede Homotopie
und jeden Lift
einen eindeutig definierten Lift
mit 
![{\displaystyle ^{[2]S.159}}](./4ef1269fca6589adc19cf28823804bc85672478a.svg)
![{\displaystyle ^{[3]S.50}}](./b9cc5fa92ed9dc891a57bbfe03b66ce022b96c0c.svg)
- Faserbündel
erfüllen die Homotopie-Hochhebungseigenschaft für alle CW-Komplexe.![{\displaystyle ^{[1]S.379}}](./75880ab5cbbcd6af0226007cd936703ac5ebc2c8.svg)
- Ein Faserbündel mit parakompaktem Hausdorff Basisraum erfüllt die Homotopie-Hochhebungseigenschaft für alle Räume.
![{\displaystyle ^{[1]S.379}}](./75880ab5cbbcd6af0226007cd936703ac5ebc2c8.svg)
- Eine Faserung, welche kein Faserbündel ist, ist die von der Inklusion
induzierte Abbildung
wobei
ein topologischer Raum und
der Raum aller stetigen Abbildungen mit der Kompakt-Offen-Topologie ist.![{\displaystyle ^{[2]S.198}}](./cd3372c43881d90c751050e1253bf5f416da3516.svg)
- Die Hopf-Faserung
ist ein nicht triviales Faserbündel und speziell eine Serre-Faserung.
Grundlegende Konzepte
Faser-Homotopieäquivalenz
Eine Abbildung
zwischen Totalräumen von zwei Faserungen
und
mit gleichem Basisraum ist ein Faserungs-Homomorphismus, falls das Diagramm
kommutiert. Die Abbildung
ist eine Faser-Homotopieäquivalenz, falls zusätzlich ein Faserungs-Homomorphismus
existiert, sodass die Verknüpfungen
bzw.
homotop, durch Faserungs-Homomorphismen, zu den Identitäten
bzw.
sind.[1]
Pullback-Faserung
Gegeben seien eine Faserung
und eine Abbildung
. Die Abbildung
ist eine Faserung, wobei
der Pullback ist und die Projektionen von
auf
und
das kommutative Diagramm liefern:
Die Faserung
wird Pullback-Faserung oder auch induzierte Faserung genannt.[1]
Wegeraum-Faserung
Mit der Wegeraumkonstruktion kann jede stetige Abbildung zu einer Faserung erweitert werden, indem man den Definitionsbereich der Abbildung zu einem homotopieäquivalenten Raum vergrößert. Diese Faserung wird dann Wegeraum-Faserung genannt.
Der Totalraum
der Wegeraum-Faserung für eine stetige Abbildung
zwischen topologischen Räumen besteht aus Paaren
mit
und Wegen
mit Startpunkt
, wobei
das Einheitsintervall ist. Der Raum
trägt die Teilraumtopologie von
wobei
den Raum aller Abbildungen
beschreibt und die Kompakt-Offen-Topologie trägt.
Die Wegeraum-Faserung ist durch die Abbildung
mit der Abbildungsvorschrift
gegeben. Die Faser
wird auch Homotopie-Faser von
genannt und besteht aus den Paaren
mit
und Wegen
wobei
und
gilt.
Für den Spezialfall der Inklusion des Basispunktes
ergibt sich ein wichtiges Beispiel der Wegeraum-Faserung. Der Totalraum
besteht aus allen Wegen in
die am Punkt
starten. Dieser Raum wird mit
gekennzeichnet und Wegeraum genannt. Die Wege-Faserung
ordnet jedem Weg seinen Endpunkt zu, weshalb die Faser
aus allen geschlossenen Wegen besteht. Die Faser wird mit
gekennzeichnet und Schleifenraum genannt.
Eigenschaften
- Die Fasern
über
sind für die einzelnen Wegzusammenhangskomponenten von
homotopieäquivalent.![{\displaystyle ^{[1]S.405}}](./87ac01148a17913b491ec1d05e1c6fa017a0af87.svg)
- Für eine Homotopie
sind die Pullback Faserungen
und
Faser homotopieäquivalent.![{\displaystyle ^{[1]S.406}}](./f243654f3765f72610397934735e7645b8ecc1fe.svg)
- Ist der Basisraum
zusammenziehbar, dann ist
Faser homotopieäquivalent zu einer Produkt Faserung 
![{\displaystyle ^{[1]S.406}}](./f243654f3765f72610397934735e7645b8ecc1fe.svg)
- Die Wegeraum-Faserung von
ist sich selbst sehr ähnlich. Genauer gilt: Die Inklusion
ist eine Faser-Homotopieäquivalenz.![{\displaystyle ^{[1]S.408}}](./eae5055d79a8521bc7ad383db5aeeff0b7f6ba67.svg)
- Ist der Totalraum
zusammenziehbar, dann gibt es eine schwache Homotopieäquivalenz 
![{\displaystyle ^{[1]S.408}}](./eae5055d79a8521bc7ad383db5aeeff0b7f6ba67.svg)
Puppe-Sequenz
Für eine Faserung
mit Faser
und Basispunkt
ist die Inklusion
der Faser in die Homotopie-Faser eine Homotopieäquivalenz. Die Abbildung
mit
wobei
und
ein Weg von
nach
im Basisraum sind, ist eine Faserung. Sie ist die Pullback-Faserung der Wege-Faserung
Dieses Vorgehen kann nun wieder auf die Faserung
angewandt und iteriert werden. Dies führt zu einer langen Sequenz:

Die Faser von
über einem Punkt
besteht aus genau den Paaren
mit geschlossenen Wegen
und Startpunkt
, also dem Schleifenraum
Die Inklusion
ist eine Homotopieäquivalenz und durch Iteration ergibt sich die Sequenz:

Durch die Dualität von Faserung und Kofaserung existiert auch eine Sequenz von Kofaserungen. Diese beiden Sequenzen sind unter dem Namen Puppe-Sequenzen oder auch Sequenz von Faserungen bzw. Kofaserungen bekannt.
Hauptfaserung
Eine Faserung
mit Faser
wird Hauptfaserung genannt, falls ein kommutatives Diagramm existiert:
Die untere Zeile ist eine Sequenz von Faserungen und die vertikalen Abbildungen sind schwache Homotopieäquivalenzen. Hauptfaserungen spielen eine wichtige Rolle bei Postnikow-Türmen.
Lange exakte Homotopiesequenz
Für eine Serre-Faserung
existiert eine lange exakte Sequenz von Homotopiegruppen. Für Basispunkte
und
ist diese gegeben durch:

Die Homomorphismen
und
sind die induzierten Homomorphismen der Inklusion
und der Projektion 
Hopf-Faserungen
Unter den Hopf-Faserungen versteht man eine Familie von Faserbündeln, deren Faser, Totalraum und Basisraum Sphären sind:




Die lange exakte Homotopiesequenz der Hopf-Faserung
liefert:

Die Sequenz zerfällt in kurze exakte Sequenzen, da die Faser
in
zu einem Punkt zusammengezogen werden kann:

Diese kurze exakte Sequenz zerfällt wegen des Einhängungshomomorphismus
und es gibt Isomorphismen:

Die Homotopiegruppen
sind für
trivial, weshalb es Isomorphismen zwischen
und
ab
gibt. Analog kann die Faser
in
und die Faser
in
zu einem Punkt zusammengezogen werden. Die kurzen exakten Sequenzen zerfallen weiter, wodurch es Familien von Isomorphismen gibt:
und 
![{\displaystyle ^{[6]S.111}}](./5d229c9e157c1545408782d80bc6b7d81ed6e21b.svg)
Spektralsequenz
Spektralsequenzen sind wichtige Hilfsmittel in der algebraischen Topologie zur Berechnung von (Ko-)Homologiegruppen.
Die Leray-Serre-Spektralsequenz stellt einen Zusammenhang zwischen der (Ko-)Homologie von Totalraum und Faser mit der (Ko-)Homologie des Basisraums einer Faserung her. Für eine Faserung
mit Faser
, wobei der Basisraum ein wegzusammenhängender CW-Komplex ist, und einer additiven Homologietheorie
existiert eine Spektralsequenz:

![{\displaystyle ^{[7]S.242}}](./86155e155ea0ed44d88a145a74cdb905ed26d260.svg)
Faserungen liefern in der Homologie keine langen exakten Sequenzen, wie in der Homotopie. Aber unter bestimmten Bedingungen, liefern Faserungen exakte Sequenzen in der Homologie. Für eine Faserung
mit Faser
, wobei Basisraum und Faser wegzusammenhängend sind, die Fundamentalgruppe
auf
trivial operiert und zusätzlich die Bedingungen
für
und
für
gelten, existiert eine exakte Sequenz:

![{\displaystyle ^{[7]S.250}}](./5b51d3606622927eaee717ac9182ebb8227cbcc6.svg)
Diese Sequenz kann z. B. benutzt werden, um den Satz von Hurewicz zu beweisen oder um die Homologiegruppen von Schleifenräumen der Form
zu berechnen:

![{\displaystyle ^{[8]S.162}}](./599746a595967e03a35de339e155f7a5e061f132.svg)
Für den Spezialfall einer Faserung
bei welcher der Basisraum eine
-Sphäre mit Faser
ist, existieren exakte Sequenzen (auch Wang Sequenzen genannt) für Homologie und Kohomologie:


![{\displaystyle ^{[4]S.456}}](./360b78e76097309f486a116d1d11cf8662081f51.svg)
Orientierbarkeit
Für eine Faserung
mit Faser
und einem festen kommutativen Ring
mit Eins existiert ein kontravarianter Funktor von dem Fundamentalgruppoid von
zur Kategorie von graduierten
-Moduln, welcher jedem
den Modul
und der Wegeklasse
den Homomorphismus
zuordnet, wobei
eine Homotopieklasse in
ist.
Eine Faserung wird orientierbar über
genannt, falls für jeden geschlossenen Weg
in
gilt: ![{\displaystyle h[\omega ]_{*}=1.}](./c63d461f1303f65a7715736dd61c3fd4116a7d0e.svg)
Euler-Charakteristik
Für eine über einem Körper
orientierbare Faserung
mit Faser
und wegzusammenhängendem Basisraum ist die Euler-Charakteristik des Totalraums definiert durch:

Die Euler-Charakteristiken des Basisraums und der Faser sind dabei über dem Körper
definiert.
Literatur
- [1] Allen Hatcher: Algebraic Topology. Cambridge University Press, NY 2001, ISBN 0-521-79160-X.
- [2] Gerd Laures, Markus Szymik: Grundkurs Topologie. 2. Auflage. Springer Spektrum, Berlin / Heidelberg 2014, ISBN 978-3-662-45952-2, doi:10.1007/978-3-662-45953-9.
- [3] J.P. May: A Concise Course in Algebraic Topology.
- [4] Edwin H. Spanier: Algebraic Topology. Springer Science & Business Media, ISBN 978-0-387-94426-5, doi:10.1007/978-1-4684-9322-1.
- [5] Albrecht Dold, René Thom: Quasifaserungen und Unendlich Symmetrische Produkte. Annals of Mathematics, 1958, doi:10.2307/1970005.
- [6] Norman Steenrod: The Topology of Fibre Bundles. Princeton University Press, Princeton NJ 1951, ISBN 0-691-08055-0.
- [7] James F. Davis, Paul Kirk: Lecture Notes in Algebraic Topology. 1991.
- [8] Ralph L. Cohen: The Topology of Fiber Bundles Lecture Notes. August 1998.
Einzelnachweise
- ↑ a b Allen Hatcher: Algebraic topology. 14th printing 2015 Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 2015, ISBN 978-0-521-79160-1, S. 405–406.