Die orthoptische Kurve (griechisch ορθοπτική ‚Geradesehen‘) einer ebenen Kurve
ist in der Mathematik der geometrische Ort aller Schnittpunkte orthogonaler Tangenten der Kurve
.
Beispiele:
Die orthoptische Kurve
- einer Parabel ist ihre Leitlinie (Beweis: siehe unten),
- einer Ellipse
ist der Kreis
(s. unten),
- einer Hyperbel
ist der Kreis
(im Fall
gibt es keine orthogonalen Tangenten, s. unten),
- einer Astroide
ist die 4-blättrige Rosette (Quadrifolium)[1] mit der Gleichung (in Polarkoordinaten)
(siehe unten).
Verallgemeinerungen:
- Eine isoptische Kurve einer ebenen Kurve
ist der geometrische Ort aller Schnittpunkte von Tangenten der Kurve
die sich unter einem festen Winkel schneiden (s. unten).
- Eine isoptische Kurve zweier ebener Kurven
ist der geometrische Ort aller Schnittpunkte von Tangenten der Kurven
, die sich unter einem festen Winkel schneiden.
- Der Thaleskreis über einer Strecke
lässt sich als orthoptische Kurve von zwei zu den Punkten
degenerierten Kreisen auffassen.
Bemerkung:
In der Augenheilkunde gibt es die ähnlich lautenden Begriffe Orthoptik und Orthoptistin.
Orthoptische Kurve einer Parabel
Eine beliebige Parabel lässt sich durch eine geeignete Verschiebung und Drehung in einem kartesischen Koordinatensystem durch eine Gleichung
beschreiben. Die Steigung in einem Parabelpunkt
ist
. Ersetzt man in
die Variable
durch
, so erhält man eine Parameterdarstellung der Parabel mit der Steigung als Parameter:
Die Tangente in einem Parabelpunkt hat die Gleichung
mit dem noch unbekannten
-Abschnitt
, der durch Einsetzen der Koordinaten des Parabelpunktes bestimmt werden kann. Man erhält
Für einen beliebigen Punkt
einer solchen Tangente gilt also für die Steigung
die quadratische Gleichung

deren Lösungen
die Steigungen der beiden Tangenten durch
sind. Das Absolutglied dieser Gleichung ist nach dem Satz von Vieta dem Produkt ihrer Lösungen gleich, das wegen der vorausgesetzten Orthogonalität der Tangenten gleich −1 sein muss:

Die letzte Gleichung ist zu

äquivalent. Sie ist die Gleichung der Leitlinie der Parabel.
Orthoptische Kurve einer Ellipse bzw. Hyperbel
Ellipse
Sei
die betrachtete Ellipse.
(1) Die senkrechten Tangenten an
durch die Hauptscheitel
schneiden die waagrechten Tangenten durch die Nebenscheitel
in den Punkten
. Diese vier Schnittpunkte liegen auf einem Kreis um den Koordinatenursprung mit Radius
.
(2) Bis auf die Hauptscheitel ist jeder Punkt
der Ellipse
Berührpunkt einer Tangente mit der Hauptform
. Auflösen der Tangentengleichung
(s. Ellipse) nach
ergibt
und
.
Wegen Punktsymmetrie zum Koordinatenursprung existieren zu jeder Steigung
zwei parallele Tangenten
, deren Hauptformen sich genau im Vorzeichen von
unterscheiden. Für je ein Paar
ist
nur von
abhängig, und die Lage von
auf der Ellipse ermöglicht eine koordinatenfreie Darstellung:

Das ergibt für die allgemeine Hauptform einer nicht senkrechten Tangente an
:

Für einen beliebigen Punkt
einer solchen Tangente ergibt Auflösen der Funktionsgleichung nach
die quadratische Gleichung

deren Lösungen
die Steigungen der beiden Tangenten durch
sind. Das Absolutglied dieser Gleichung ist nach dem Satz von Vieta dem Produkt ihrer Lösungen gleich. Bis auf die in (1) betrachteten schneiden sich zwei Tangenten mit dem Steigungsprodukt orthogonaler Geraden in
genau dann orthogonal, wenn

oder äquivalent
.
(3) Mit (1) und (2) gilt allgemein:
- Die Schnittpunkte orthogonaler Tangenten liegen auf einem Kreis um den Ursprung mit Radius
dieser ist die orthoptische Kurve der Ellipse
. Äquivalent:
- Von einem beliebigen Punkt des orthoptischen Kreises aus erscheint die Ellipse unter einem Öffnungswinkel von

Hyperbel
Der Ellipsenfall lässt sich für den Hyperbelfall fast wörtlich übernehmen. Die einzigen notwendigen Änderungen sind: 1) man ersetze
durch
und 2) schränke
durch
ein. Damit erhält man:
- Die Schnittpunkte orthogonaler Tangenten liegen auf einem festen Kreis mit Radius
Dabei muss
sein.
Orthoptische Kurve einer Astroide
Eine Astroide lässt sich durch die Parameterdarstellung

beschreiben. Mit Hilfe der Bedingung
stellt man fest, in welchem Abstand
(im Parameterbereich) sich eine zu
orthogonale Tangente befindet. Unabhängig vom Parameter
ergibt sich, dass
gilt. Die Gleichungen der (orthogonalen) Tangenten in den Punkten
und
sind:


Ihr Schnittpunkt hat die Koordinaten:


Dies ist zugleich eine Parameterdarstellung der zugehörigen orthoptischen Kurve.
Eliminiert man den Parameter
so ergibt sich die implizite Darstellung

Führt man den neuen Parameter
ein, so ergibt sich (Beweis: Additionstheoreme):


Hieran lässt sich die einfache Polardarstellung

ablesen.
- Die orthoptische Kurve einer Astroide ist ein Vierblatt (Quadrifolium).
Isoptische Kurven von Parabel, Ellipse und Hyperbel
Im Folgenden werden die isoptischen Kurven zu einem Schnittwinkel
angegeben und als
-isoptische Kurven bezeichnet. Zu den Beweisen s. unten.
Gleichungen der isoptischen Kurven
- Parabel
Die
-isoptischen Kurven der Parabel mit der Gleichung
sind die Äste der Hyperbel

Die beiden Äste der Hyperbel liefern die isoptischen Kurven für die beiden Winkel
(s. Bild).
- Ellipse
Die
-isoptischen Kurven der Ellipse mit der Gleichung
sind Teile der Kurve 4. Grades
(s. Bild).
- Hyperbel
Die
-isoptischen Kurven der Hyperbel mit der Gleichung
sind Teile der Kurve 4. Grades

Die isoptischen Kurven von Ellipse und Hyperbel sind spirische Kurven.
Beweise
- Parabel
Eine Parabel
lässt sich durch die Tangentensteigung
parametrisieren:

Die Tangente mit der Steigung
hat die Gleichung

Ein Punkt
liegt auf der Tangente, wenn

gilt, das heißt, die Steigungen
der beiden Tangenten durch
erfüllen die quadratische Gleichung

Damit der Schnittwinkel der beiden Tangenten
oder
ist, muss

gelten. Löst man die quadratische Gleichung für
setzt die beiden Lösungen
in die letzte Gleichung ein, ergibt sich nach Beseitigung der Nenner, die
enthalten, die Gleichung

Dies ist die obige Hyperbelgleichung, deren Äste die beiden isoptischen Kurven der Parabel zu den Winkeln
und
sind.
- Ellipse
Für eine Ellipse
kann man den Ansatz für die orthoptische Kurve bis zur quadratischen Gleichung

übernehmen. Hier muss man, wie im Parabelfall, die quadratische Gleichung lösen, die Lösungen
in die Gleichung
einsetzen und die Nenner beseitigen. Es ergibt sich die behauptete Gleichung 4. Grades:

- Hyperbel
Die Lösung für den Hyperbelfall ergibt sich aus dem Ellipsenfall durch die Ersetzung von
durch
(wie bei den orthoptischen Kurven, siehe oben).
Bemerkung: Zur Visualisierung der Kurven siehe implizite Kurve.
Weblinks
Literatur
- Boris Odehnal: Equioptic Curves of Conic Sections. In: Journal for Geometry and Graphics. Band 14, 2010, Nr. 1, S. 29–43.
- Hermann Schaal: Lineare Algebra und Analytische Geometrie. Band III, Vieweg, 1977, ISBN 3-528-03058-5, S. 220.
- Jacob Steiner’s Vorlesungen über synthetische Geometrie. B. G. Teubner, Leipzig 1867 (Google Books), 2. Teil, S. 186.
- Maurizio Ternullo: Two new sets of ellipse related concyclic points. In: Journal of Geometry. 2009, 94, S. 159–173.
- Thierry Dana-Picard, Nurit Zehavi, Giora Mann: From conic intersections to toric intersections: The case of the isoptic curves of an ellipse. In: The Mathematics Enthusiast. Band 9, Artikel 4 (PDF; 1,6 MB).
Einzelnachweise
- ↑ Quadrifolium in der englischsprachigen Wikipedia.