Birmingham (Meyer’s Universum)

DIII. Schloss Wackerstein Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
DIV. Birmingham
DV. Janina in Albanien
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BIRMINGHAM
in England

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DIV. Birmingham.




Unsere Zeit ist die Geburtsstunde einer ganzen verhängnißvollen Zukunft. Bei der regen Bewegung, welche die Gesellschaft jetzt ergriffen hat; bei dem lebhaften Umtausch der Gedanken und Erfahrungen zwischen Volk und Volk; bei der Schnelligkeit des Verkehrs, der, von der Dampfkraft beflügelt, auf Eisenbahnen daher braust und die Pfade über die Meere kürzt; bei der Leichtigkeit, das Entfernteste mit einander in Verbindung zu bringen: ist das Leben der civilisirten Menschheit durchsichtig geworden bis zur Mitte hin und das Getriebe der Staaten wie unter einem Glashause öffentlich zur Schau gestellt. Die Geister berühren sich so nahe, daß sie gleichsam eine ununterbrochene Leitkette bilden, auf welcher jede große Idee, dem Blitze gleich, in allen Richtungen leicht von einem Ende zum andern schlägt. Nichts bleibt mehr verborgen. Jede Thatsache im öffentlichen Leben wird an’s Tageslicht gezogen und ist der Diskussion preisgegeben; jede Erfindung, jede Entdeckung, irgendwo gemacht, wird schnell zum Gemeingut; jeder Zustand in Volk und Staat wird ruchtbar und nach seinen Ursachen besprochen und ergründet; jede geäußerte Meinung findet ihren Gegner, der sie berichtigt, und durch eine unerbittliche Kritik, welche in alle Verhältnisse schneidend und zerlegend eindringt, läutert sich das Urtheil über Dinge und Zustände, Personen und Völker.

In diesem Urtheil offenbart sich die Macht der öffentlichen Meinung. Sie ist eine Macht, vor der alle Mächtigen der gesitteten Welt, gleichviel ob in Demuth oder mit Zähneknirschen, den Nacken beugen. In ihrem scharfen Todtengericht sind alle jene gedruckten Lügen, mit welchen eine verlebte Staatspfiffigkeit so lange Zeit dummgläubige Völker äffte, für nichts mehr geachtet. Alle die hohlen, schönen Phrasen der Heuchelei sind vor ihr wie leerer Wind, aller Mummenschanz, den man der Wahrheit umhängt, wird von ihr ausgezogen, und die da wandeln im Dunkel der Thronsäle und Kabinette, eingehüllt im weiten Mantel ihrer Eitelkeit, sie sind gezeichnet mit den Namen, welche die richtende öffentliche Meinung ihnen zugesprochen, lange vorher schon, ehe die unbestechliche über sie den Stab bricht. Thaten und Begebenheiten, Absichten und Bestrebungen, die sich in der tiefsten Verborgenheit glauben, sie sind aufgedeckt vor aller Welt, und was das Wunderlichste ist, die zunächst dabei Betheiligten glauben meist gerade das Gegentheil, wenn nicht etwa das eigene Gewissen sie dunkel mahnt und sie nun eine Gegenrede ohne vorhergegangene Aufforderung versuchen. Wähne Keiner, daß die Fesselung der Presse, [118] oder die Erkaufung ihrer Organe, der Vehme der öffentlichen Meinung die Macht vermindere. Im Gegentheil. Sie übt sie nur härter und schärfer aus zum Nachtheil Derer, welche die schriftliche Gedankenäußerung in Banden schlagen, und so sich selbst des Mittels der Vertheidigung berauben.

Unter den verschiedenen Bewegungen, welche die Geburtswehen der Zeit charakterisiren, ist keine stärker, als diejenige, welche man schlechthin als die industrielle bezeichnet. Ihr Geist ist durch und durch ein schaffender, der umstürzt, um wieder aufzubauen, und Altes tödtet, um Neues in’s Leben zu rufen. Stolz und stark ringt er um die Herrschaft in der Gegenwart, denn er hält sich berufen zum Herrschen in der Zukunft. Nur dem Fortschritt huldigend, achtet er weder Bestehendes, noch Vergangenes hoch, und alles Positive, was seiner rastlosen Thätigkeit hemmend entgegen tritt, erregt seinen Haß. Der Geist der Industrie, vom Tage gezeugt, der ihn geboren hat, und geringschätzend Vieles, was vor ihm gewesen, kann, in dem Vorausgefühl seiner Uebermacht, der Arroganz sich kaum enthalten, und er proklamirt offen seine Hoffnung, daß sein Wille Gesetz seyn werde für das Kommende.

In dem Drange einer solchen Zeit und gegenüber dem Drängen eines solchen Geistes sehen wir die meisten Regierungen und Staatsleiter im Konflikte mit den Forderungen, deren Gewährung die Industrie verlangt und die Klugheit gebietet. Man sieht sie mit Widerwillen unabweisliche Einräumungen machen und den dringendsten Ungestüm abweisen mit dürftigen Abschlagszahlungen, die weder nützen noch befriedigen. Phrasen, die schon längst keinen Nennwerth mehr haben, werden dabei reichlich gespendet; Vergünstigungen, die nichts kosten, werden immer wieder aufgerechnet und in Parade aufgezählt; Bewilligungen werden gemacht, welche angehängte Klauseln widerrufen, und hohle Formeln und brillantirte Unwahrheiten gibt man als wirksame Behelfe aus, mit denen eine obsolete Staatsweisheit einen Dämon bannen will, den sie haßt, aber nicht begreift.

Doch der Geist der Gewerbe ist kein kindischer, der Nürnberger Waare als Spielzeug hinnimmt und blaue Dunsterscheinungen bewundert. Er hat seine Kinderschuhe ausgezogen, er steht als Mann in der Gegenwart, er verlangt vom Staate wackern Hausverstand und eine billige, ehrenwerthe, in allen Dingen dem Guten leicht zugängliche und Gutes fördernde, gerechte Ansprüche aber bereitwillig und vollständig gewährende Gesinnung. Was die Industrie preßt und drückt, hemmt und niederhält, hat sie durch ihre Organe, namentlich im Herzen der Civilisation, in Deutschland, diese Zeit her offen zur Sprache gebracht, und so sehr man auch da und dort die Größe und Gerechtigkeit der Beschwerde zu leugnen und zu verhüllen sucht, Abhülfe kann zwar verschoben, jedoch nicht mehr vorenthalten werden. Es ist gewiß, auch in Deutschland verschafft sich die Industrie noch gebührenden vollen Schutz und volles Recht, und es ist nicht zu verkennen, daß, wenn auch [119] vielleicht Beides einzelnen Regierungen wird abgezwungen werden müssen, doch bei den meisten sich die Ansichten und Meinungen die letzten Jahre her zu Gunsten der Frage sehr geändert haben. Diese ist jetzt zu ihrem kritischen Wendepunkt vorgerückt und ihre endliche Lösung wird, ich zweifle nicht, den Ansprüchen einer bis zum innersten Grunde aufgeregten Zeit genügen. –

Während in Deutschland also über industrielle Zustände und Fragen eine gährende, schäumende Bewegung herrscht und gereizte Meinungen sich bekämpfen, sehen wir mit neidischem Auge im Nachbarlande Großbritannien jene ruhigen, erquicklichen Erscheinungen, welche das Produkt harmonischen Zusammenwirkens intelligenter Kräfte von Regierung und Volk sind. In England ist die Geltung der Industrie längst außer Frage gestellt; anerkannt ist sie als das Bedeutungsvollste im Bildungswerke des Jahrhunderts und gepriesen als der Genius, der, schwebend über der Masse und auf den Flügelspitzen der Zeit getragen, dem Volksleben Athem gibt, es erwärmt und wachsen macht, – kurz, anerkannt ist sie als der eigentliche Werkmeister dieser Zeit.


Ein hübsches Bild seiner Schöpfungskraft liegt in der Ansicht vor uns, das wir nun beschreiben wollen.


Wie man Theben einst die Stadt der hundert Thore nannte, so könnte man Birmingham die Stadt der hunderttausend Amboße heißen: „Wiedertönend ihre Straßen vom Schlage der Hämmer!“ nennt sie schon der alte Camden. „Allein diese Amboße und diese Hämmer,“ berichtet Kohl, „mit denen die Alten das widerstrebende Metall bewältigten, haben sich auf der einen Seite in so gewaltige Maschinen umgewandelt und sind auf der andern Seite in so kleine Amböschen und Hämmerchen zusammengeschrumpft, daß jener poetische Ausdruck nicht mehr ganz passend ist.“

Wenn man in das Alterthum der englischen Fabrikstädte hinaufsteigt und zu der Quelle gelangt, aus welcher ihre jetzige weltumfassende Thätigkeit fließt, so findet man gewöhnlich eine Fabrik zur Verarbeitung des Eisens. Selbst Manchester, die Baumwollstadt, hat einen solchen Ursprung gehabt und seine Spinner- und Weberherren gingen den Schmieden zu Gefolge, die selbst inzwischen die Metamorphose zu Maschinenfabrikanten durchgemacht haben.

Der Britte ist gewohnt, seine metallurgische Fabrikation unter drei Hauptabtheilungen zu bringen. Die erste begreift die Verfertigung großer, schwerer und grober Gegenstände aus Eisen; z. B. eiserne Schiffe, eiserne Brücken, Ankerketten etc. etc. Ihr Hauptsitz ist Wales, namentlich das „von Hochöfen flammende“ Merthyr-Tydvill. [120] Die zweite faßt die Anfertigung großer und kleiner, grober und feiner Maschinen und Maschinen-Theile zusammen: Machinery. Sie hat in Newcastle, in Glasgow, in Manchester, und für Handwerkszeuge (tools) in mehren andern Großstädten von Lancashire ihren Sitz aufgeschlagen. – Für die Anfertigung von dem, was die Engländer „Cutlery ware“ nennen, worunter alle möglichen schneidenden Instrumente verstanden werden, sind die messerschmiedenden Einwohner von Sheffield die Hauptleute; diejenige Fabrikstadt aber, welche die halbe Welt mit den übrigen kleinen und großen Dingen aus Eisen, Kupfer, Messing und andern Metallen, mit der sogenannten harten Waare (Hardware) versorgt, ist Birmingham.

Siebenzigtausend Artikel fabrizirt jetzt Birmingham, und ihre Beschreibung allein gäbe genügenden Inhalt für eine bandreiche Encyklopädie. – Jedes Volk, jedes Land, jeder Kulturzustand findet hier den Diener seines Bedürfnisses. Hundert und sechzig Juweliere schmücken sowohl die Fürstinnen Europa’s, als die schwarzen Königinnen Afrika’s, und auch der ärmste Sklave, der unter der Zuchtpeitsche seines Treibers den heißen Boden Brasiliens bebaut, findet in Birmingham eine geschäftige Hand, die für ein paar Para glänzende Zierrathen in sein Ohrläppchen knüpft und emsig bemüht ist, seinen rohen Geschmack zu treffen und etwas ihm Angenehmes zu liefern. Welch ein genaues, weitumfassendes Studium von Sitten und Gebräuchen der Völker des Erdbodens gehört dazu, um immer das Rechte zu treffen und jeder Zone und jedem Kulturzustande nur das Passende zu bieten! Und welche Masse von ethnographischen Kenntnissen muß hier die Spekulation unterstützen, wo eine einzige Unwissenheit, ein einziger Fehlgriff Ruin nach sich ziehen kann!

Die Theilung der Arbeit ist der Schlüssel, welcher das Räthsel löst, warum Birmingham seine Waare wohlfeiler als alle andern Orte liefern kann, obschon die Handarbeit wohl nirgends ein reichlicheres Einkommen gibt, als eben hier. Fast jeder Artikel hat nämlich hier seine Zunft, und der Hahnspornfabrikant und der Sargnägelfertiger werden im Leben keine andern Sporen und Nägel machen und beider gewerbliches Dichten und Trachten wird nie auf etwas Anderes gerichtet seyn, als auf Einrichtungen, welche die Herstellung eines Hahnsporns, oder eines Sargnagels erleichtern oder verwohlfeilern. Man erstaunt, auf welche winzigen, unbedeutend scheinenden Artikel hier große Fabrikanlagen gegründet sind, und wie Hunderttausende von Kapital zu sinnreichen Maschinen verwendet werden, die keine höhere Bestimmung haben, als die, bei irgend einem Theile des Arbeitsprozesses die menschliche Handleistung zu ersparen und an den Fabrikationskosten eine kleine Fraktion zu gewinnen, die vielleicht für tausend und aber tausend Stücke noch keinen Schilling beträgt. So ist die Schreibfeder von Stahl, ein erst in unsern Tagen aufgekommener Artikel, in Birmingham ein Gegenstand der Großfabrikation geworden, der gegenwärtig über 2000 Arbeiter, Dampfmaschinen von zusammen 400 Pferdekräften und Millionen Kapital beschäftigt. Ein Arbeiter fertigt hier mit Hülfe der Maschinen im Jahre nahe an 1 Million Stück Federn, ganz Birmingham [121] also an 2000 Millionen, und manche Fabrik verbraucht über 1000 Zentner Stahlblech dazu. In gleicher Kathegorie stehen die Fischangelmacher, welche jetzt mit diesem Artikel die ganze Welt fast ausschließlich versorgen. Die Fabriken von platirten Waaren nähren viele tausend Arbeiter, und die Masse von Silber, welches hier zum Versilbern aufgeht, übersteigt allen Glauben. 16,000 Menschen finden bei den Arbeiten aus Papiermaché Beschäftigung, 14,000 bei der Knopffabrikation, eine noch größere Anzahl bei der Fertigung von Feuergewehren und Hiebwaffen, womit Birmingham nicht blos die meisten europäischen, sondern auch die Armeen der übrigen Welt und die Völker aller Zonen regelmäßig versorgt. In den Musterzimmern der Fabrikanten sieht man Waffen aller Formen und für jeden Geschmack, von der langen, reichverzierten Flinte der Tscherkessen an bis zu dem kurzen Stutz, mit dem der Abyssinier die Gazelle erlegt. Die wöchentliche Fabrikation von Feuergewehren ist in Birmingham gegenwärtig etwa 6000 Stück; aber die Einrichtungen und Arbeitskräfte lassen es zu, mehr als das Dreifache zu verfertigen. Seit Beginn dieses Jahrhunderts hat Birmingham nicht weniger als 28 Millionen Feuergewehre geliefert; eine Anzahl, groß genug, um die ganze kriegsfähige Bevölkerung Europa’s zu bewaffnen.

Birmingham, eine Stadt von mehr als 200,000 Einwohnern und mindestens zweimal so groß als Hamburg, nimmt sich mit seinem Walde von Riesenschlöten, den Wahrzeichen der Großindustrie, in der Ferne sehr imposant aus. Sein Inneres rechtfertigt jedoch nicht die erlangte Vorstellung. Es steht in architektonischer Pracht gegen viele andern Fabrikstädte Englands, namentlich gegen Manchester, entschieden zurück. Während Manchester von großartigen Fabriketablissements und gigantischen Waarenhäusern, die vollen Anspruch auf Schönheit haben, wimmelt, und die prächtigen, oft mit verschwenderischem Luxus gebauten Bahnhöfe von einem Dutzend Eisenwegen sich erheben, trägt in Birmingham die Industrie meist noch das einfache Gewand des Nothwendigen, und von Schienenwegen laufen erst wenige hier zusammen. Die meisten Fabrikanten haben nicht mehr als das der Ausdehnung ihres Geschäfts angemessene Kapital, welches folglich große Ausgaben für Luxusbauten verbietet, und der zahlreichere Theil der unabhängigen Bevölkerung besteht aus kleinen Manufakturisten, die 2 bis 3000 Pfund besitzen. Er ist überdies mit solchen Arbeitsprozessen und Artikeln beschäftigt, die den Gedanken an so ungeheuere Anlagen, wie das Spinnen oder Weben der Baumwolle etc. sie gestattet, gar nicht aufkommen lassen. Kolossaler Reichthum ist in Birmingham selten, und wo er ist, trägt er sich nicht zur Schau. Dagegen ist eine Wohlhabenheit, die von dem Reichthum eben so fern ist als von der Dürftigkeit, hier allgemein.

Die Stadt bedeckt einen Raum von etwa neun englischen Quadratmeilen. Die Straßen sind licht, weit und regelmäßig angelegt; aber im Ganzen sehr einförmig. Man kann manchmal eine Viertelstunde gehen, ehe man ein Gebäude trifft, das durch Größe oder Geschmack imponirt. Selbst die öffentlichen Bauwerke [122] theilen den Charakter der Privatwohnungen; nur wenige können sich jenen von Manchester, York etc. an die Seite stellen. Sie sind im Kern der Stadt zusammengedrängt, wo auf dem Raume einer halben englischen Geviertmeile die Hauptkirche, das Rathhaus, die Gymnasien, die größten Hotels, Börse, Museum etc. zu finden sind. Birmingham hat keinen Strom, der seiner Umgebung ein größeres Leben einhauchte. Ein unbedeutender Bach speist einige Kanäle, deren schmutziges, übelriechendes Wasser nicht dazu beitragen, die äußern Annehmlichkeiten der Stadt zu erhöhen.

Noch weit über die Grenzen der Stadt hinaus setzt sich die metall-bearbeitende Fabrikthätigkeit, von der Birmingham das Centrum ist, fort und es dauert lange, bis man aus dem weitgehenden Bereiche der Nagelschmiede, der Leuchter-, Lampen-, Angel-, Schrauben-, Schnallen-, Feilen-, Nadel-, Haken-, Ring- und Knopfmacher herauskommt. Dudley, Wollsall, Wednesbury, Wolverhampton, Bilston und Stourbridge sind lauter Städte in der Hardware-line, und die Fabrikthätigkeit jeder dieser Orte ist größer als die von Iserlohn und Remscheid.

Birmingham fabrizirt jährlich für 70 Millionen Gulden und mit Ausnahme der wenigen Länder, welche ihrer Metallwarenindustrie hinlänglichen Schutz verliehen haben, ist die ganze Welt sein Markt. Nur eine Konkurrenz hat es einmal zu fürchten: die deutsche. Aber bevor die deutsche Metallwaarenindustrie mit der englischen erfolgreich ringen kann, muß sie stark und kapitalkräftig werden, wie die englische, und das kann sie erst dann, wenn ihr dieselbe Mutterbrust gereicht wird, an der England seine Gewerbe groß säugte. Seit dreiviertel Jahrhunderten haben die Engländer durch ein vernünftiges Schutzzollsystem am Bau ihrer industriellen Größe gearbeitet und während sie die gewonnenen positiven Schätze immer wieder angelegt haben zu hundertfältigem Ertrage in ihren Fabriken und in Unternehmen des öffentlichen Nutzens, haben wir uns abgemüht, die albernen Theorien unserer Schulmeister über Handelsfreiheit zu bestreiten, haben wir einträchtig gearbeitet, unsere Abhängigkeit zu kultiviren und durch Traktate die Fesseln fester zu nieten, die uns die fremde Uebermacht und die einheimische Beschränktheit anlegte, haben wir Milliarden an ausländische Arbeit verschleudert und die wichtigsten heimathlichen Industrien systematisch zu Grunde gerichtet. Und was haben wir damit gewonnen? den Spott des Auslandes und die Verachtung im eigenen Herzen. Wenn aber, wie jetzt geschieht, der schutzlose Zustand unserer wichtigsten Gewerbe als das gemeinsame Wirken mißbrauchter Staatsgewalt allgemein anerkannt und verurtheilt wird, ist es dann nicht siebenfache Thorheit, sich noch dem Verlassen dieses Zustandes durch störrigen Widerspruch und reaktionäres Thun entgegenzustemmen und sich mit den Wünschen der Nation, die sich selbst wiederzufinden angefangen hat und einstimmig den festen Willen ausspricht, von ihrem unveräußerlichen Rechte, an ihrem eignen Wohl zu bauen, guten Gebrauch zu machen, in Gegensatz zu bringen? Aber es wird ihnen nichts helfen. [123] Mögen dienstfertige Knechte der Gewalt auf jeden glimmenden Funken deutschen Selbstgefühls und auf jede warme Aeußerung des rechtmäßigen Verlangens ihre Wassereimer gießen und den Aufschrei deutscher Gewerbe nach angemessenem Schutz mit dem Interdikt belegen: – das Kind unserer industriellen Größe ist empfangen und es muß an den Tag hinaus, wenn auch zögerndes Schnürbrustlüften die Gebärerin länger als es seyn sollte in den Wehen hält.