Janina in Albanien

DIV. Birmingham Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
DV. Janina in Albanien
DVI. und DVII. Sistow und die Veteranische Höhle in der Türkei
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JANINA
in Albanien

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DV. Janina in Albanien.




Im Lande zwischen dem adriatischen und schwarzen Meere sind die Albanesen dasjenige Volk, welches die größte Fülle von Lebenskraft hat. Es ist ein Urvolk, und das Land, welches es bewohnt, ist sein Besitz seit undenklicher Zeit. Seine Sprache ist die Alt-Illyrische, versetzt mit Alt- und Neugriechisch, Latein und Italienisch, Türkisch und Slavisch. Auch ist durch sie die Stammverwandtschaft mit den Deutschen unzweifelhaft nachgewiesen. Unter 10,000 albanesischen Wörtern sind immer an 1000 rein germanischen Ursprungs.

Eine herrschende Rolle in der Geschichte haben die Albanesen nie gespielt. Erst mit Pyrrhus treten sie auf den geschichtlichen Schauplatz. Später finden wir Albanesen im großen Kampfe Mazedoniens gegen die Römer wieder. Als dieser mit völliger Unterwerfung endigte, wurde Rom’s Joch das erste, welches die freien Söhne des Gebirgs von fremden Eroberern trugen, und noch jetzt geben die im Lande zerstreuten Denkmäler und die Namen der meisten Städte ein Zeugniß von der langen Herrschaft der Siebenhügelstadt.

In der Zeit, wo deutsche Völker Westrom stürzten und Ostrom dem Untergange nahe brachten, erhielten sich in Albanien römische Bildung und Institutionen aufrecht; gebrochen wurden sie erst, als die slavischen Völker im 8ten und 9ten Jahrhundert in’s Land fielen, es verheerten und sich in demselben festsetzten. Ochris (Ochrida) wurde zu jener Zeit die Hauptstadt eines Bulgarenstaats, und bulgarische Häuptlinge herrschten bis nach Arkadien hin. Aber nach dem Sturze der Slavenherrschaft im Jahre 1018, die sich später nur auf kurze Zeit wieder erneuern konnte, traten die alten Völkerschaften wieder auf die Bühne, und das vom Comnenen Michael Angelus um jene Zeit gestiftete epirotische Reich fand in den Albanesen ein paar Jahrhunderte lang seine Stütze und seine Kraft, bis die Zeit kam, wo der Islam die Eroberung von Europa von Osten her versuchte, welche ihm von Westen her nur theilweise gelungen war. Der Osmannensultan führte seine wilden Schaaren über die thrazische Meerenge. Die kraftlosen Griechen konnten sie nicht aufhalten. Wie ein vom Sturmwind getragenes Hagelwetter überzogen und verwüsteten sie ganz Thrazien. Die slavischen Stämme, die hier feste Wohnsitze gewonnen hatten, erlagen nach kurzem Kampfe und die Thore von Albanien waren geöffnet. Aber das harte, unerschrockene Volk vertheidigte seine Schwelle viele Jahre lang, und erst nach gänzlicher Erschöpfung, des ferneren Widerstands unfähig, beugte es sich dem Schwerte der Ueberwinder.

[125] Türkische Statthalter führten fortan ein schweres, drückendes, den Albanesen unerträgliches Regiment. Mehre Aufstände wurden versucht, aber sie mißglückten. Nur einmal gelang es ihnen, unter ihrem berühmten Häuptling Skanderbeg, um 1410, die Ketten zu zerreißen und die Türken aus dem ganzen Lande zu vertreiben. Doch die mit dem Schwerte errungene Freiheit konnte nur mit dem Schwerte behauptet werden. Jedes Jahr kamen die türkischen Heere wieder, das aufgestandene Volk zu züchtigen und neu zu jochen; jedes Jahr verging unter Schlachten, jedes Jahr mehrte der Albanesen Kriegsruhm und reihete neue Siege zu den alten. – Aber wie es in unsern Tagen dem kaukasischen Heldenstamm ergeht, erging es in diesem ungleichen Kampfe den Albanesen. Der Sieg schwächte ihre Kraft und nach einem Kampfe, der in den Annalen der Kriegsgeschichte seines Gleichen sucht, mußten sie endlich der Uebermacht unterliegen. Seitdem hat sich Albanien, trotz vielfältiger Versuche, niemals wieder dem türkischen Szepter ganz entziehen können.

Die Eroberung brachte große Veränderungen in den Volksverhältnissen hervor. Bis auf Skanderbeg war Albanien christlich gewesen; mit den türkischen Machthabern drang Mohameds Lehre herein und der Koran verdrängte bei der Mehrzahl die Bibel. Von dem angestammten Thätigkeitsgeiste getrieben, nahmen die Albanesen die Gewohnheit an, Kriegsdienste bei der Pforte zu suchen, welche in dem kampfgeübten Volke seitdem die Hauptstärke ihrer Heere fand. Die Nordalbanesen liefern den Türken die gewandteste Reiterei und das südliche Albanien gibt ihnen das abgehärtetste und behendeste Fußvolk. Als Söldlinge sind sie seit Jahrhunderten, noch mehr aber seit dem Verfall der Janitscharen, im ganzen türkischen Reiche zerstreut, und auch eine Menge der wichtigsten und einflußreichsten Staatsämter sind fortwährend in ihren Händen. Albanesen sitzen im Divan, geben den meisten Provinzen ihre Pascha’s, und jetzt haben sie in allen Zweigen der türkischen Verwaltung eine Macht erlangt, die jene der Türken bei weitem überragt und erst beim Einsturze des Reichs voll gewürdigt werden wird.

Albanien, obschon der Pforte unterworfen, ist doch nicht ohne ein gewisses Maas von Freiheit, welches hinreicht, das Streben nach Unabhängigkeit zu nähren und zu begünstigen. Jeder Distrikt, jede Stadt bildet ein Gemeinwesen, in welchem unter den Namen Aga’s oder Beg’s, die Häupter der vornehmsten Familien herrschen. Häufig geschieht es, daß der eine oder der andere unter diesen Häuptlingen, durch persönliche Eigenschaften, oder durch die Macht der Pforte unterstützt, zu ungewöhnlichem Ansehen gelangt und einen überwiegenden Einfluß geltend macht, der nicht selten Denen gefährlich wurde, unter deren Schutz er sich bildete. So kam zu Ende des vorigen Jahrhunderts Ali Pascha, der, als Söldling, der Pforte viele und große Dienste geleistet hatte und deshalb mit dem Gouvernement von Trikala beliehen worden war, zu ausgedehnter Macht. Ganz Albanien gerieth nach und nach unter seine Botmäßigkeit, und der erkaufte Divan that seinem Treiben selbst dann nicht Einhalt, als er seine Unternehmungen bis in das Herz von Griechenland erweiterte. Dann erst, als er [126] übermüthig das Schwert gegen die türkische Herrschaft selbst erhob, ermannte sich Konstantinopel und bereitete ihm, im Jahre 1820, weniger durch die Macht der Waffen, als durch Verrath und Abfall, den Untergang.

Ali Pascha hatte Janina zu seiner Residenz erkoren. Aus einem ehemals unansehnlichen Flecken war es die schönste und reichste Stadt des ganzen Landes geworden, und ein von den europäischen Großmächten mit Gesandten beschickter Hof gab dem dortigen Leben Glanz wie in einer Königsstadt. Seit Ali’s Sturz ist derselbe geschwunden. Verödet stehen die Paläste und in den leblosen Straßen wächst das Gras; aber die große Natur wirft nach wie vor ihren Zaubermantel um Janina, und wenn auch Ali’s Prachtgebäude verfallen sind, wird sich noch Bewunderung an diesen Fleck der Erde knüpfen.

Man denke sich einen Thalkessel, in dessen Tiefe die grünlich-blauen Wogen eines Sees den südlichen Himmel widerspiegeln. Schroffe Felsen umgeben ihn im weiten Halbkreise und hinter ihnen thürmt sich der Pindus auf, groß und majestätisch, mit seinen an 3000 Fuß hohen Spitzen. Hohe Vorgebirge strecken sich weit in die Fluth hinein, auf deren Firsten dunkle Zypressen empor steigen, oder Platanen ein breites Dach bilden, das dunkle Schatten auf die Wogen wirft. – Auf der größten dieser Halbinseln steht Janina. Jenes Gebäude auf dem Bilde, welches auf dem hohen Uferrande prangt, ist die große Moschee mit ihren Minarets; ihr gegenüber liegt das Seraglio Ali Pascha’s, ein ungeheueres Werk, in welchem sich alle Pracht des türkischen Baustyls vereinigt. Landeinwärts glänzen von den Höhen die weißen Kiosks und Lustschlösser Ali’s und seiner Günstlinge zwischen dunkeln Zypressen. Der Zugang der Stadt von der Landseite ist durch starke Festungswerke vertheidigt, und die von Ali oft gerühmte Unüberwindlichkeit seiner Hauptstadt würde, türkischen Heeren gegenüber, sich wohl erprobt haben, wenn ein treuloser Despot jemals auf die Treue seiner Werkzeuge rechnen dürfte. –