Sistow und die Veteranische Höhle in der Türkei

DV. Janina in Albanien Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
DVI. und DVII. Sistow und die Veteranische Höhle in der Türkei
DVIII. Vico in der Bay von Neapel
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SISTOW IN BULGARIEN

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DIE VETERANISCHE HÖHLE
in Syrmien

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DVI. und DVII. Sistow und die Veteranische Höhle
in der Türkei.




Das alte Dacien, welches die Landschaften Serbien, Moldau, Walachei und Bulgarien umfaßte, hatte nach dem Wegflug der römischen Adler mehre Jahrhunderte lang zum Durchzug der großen Völkermassen gedient, welche sich von Aufgang nach Niedergang wälzten. Die Ufer der Donau waren zur Heerstraße geworden für mehr als 20 Nationen, und ihre Müden und Nachzügler nahmen, als unstät umherschweifende, stets wechselnde Horden, das Land ein. Endlich, als der Strom stand und Europa sich angefüllt hatte, stauete sich auch in den fruchtbaren Donaulanden die Bevölkerung und mit bleibender Ansiedelung richtete sich der Ackerbau ein. Ein Zweig des großen Slavenstamms setzte sich fest in den dacischen Wäldern, bauete Städte in der neuen Heimath, und die Horden so vieler Nationen schmolzen mit ihm zu einem Volke zusammen, das, kräftig und stark, ausdauernd, bildsam und geschmeidig, der Gesittung ein reiches Feld geboten haben würde, wäre es nicht in seiner Entwickelungsperiode dem Türkenschwerte unterlegen, unter welchem es sich fortan nur krümmen, nie mehr frei und selbstständig bewegen konnte. Als Hintersassen des Türkenreichs, unterworfen einem Volke und einem Herrscher fremden Glaubens, der ihm nie ein anderes Recht zugestanden, als das brutale Schwertrecht, wurde das arme Christenvolk an der Donau zur tiefsten Erniedrigung herabgezogen und seine Geschichte mit furchtbaren Gräueln bedeckt. Mehre Jahrhunderte lang war verschleiert seine Sonne, mußte es verkümmern unter dem schönsten Himmel. In Sklaverei verfallen, der Ehre entfremdet, gleichgültig gegen alle Verbesserung, arbeitend nur aus Zwang und bauend seinen Herren und Drängern das Land um den dürftigen Unterhalt, blieb nichts mehr groß in seiner Seele, als der glühende Haß gegen seine Unterdrücker.

Aber was nicht wohl gemacht ist in dieser Zeit, muß wieder anders gemacht werden. Nichts Böses kann bestehen. Und stützten es auch alle Mächte der Welt, immer auf’s Neue kommt jene verschleierte Hand aus den Wolken herausgefahren und reißt es wieder nieder. Das schuldbedeckte Türkenreich ist längst den Gewalten des Unterreichs vervehmt und keine Macht einer schändlichen und unchristlichen Politik kann es schirmen, oder ihm vor [128] den verfolgenden Rachegeistern erwürgter Nationen ein Asyl gewähren. Der Weltgeist, welcher zürnend, richtend und strafend in die Geschichte getreten, – Er, welcher Unterdrücker und Unterdrückte, Henker und Opfer, Könige und Völker vor seine Assissen ladet, Einen nach dem Andern: – Er hat, nachdem langgedehntes Dräuen fruchtlos geblieben, in Dacien, wie in Hellas, die Grundfesten der alten Pforte so furchtbar gerüttelt, daß alle Angeln sich aus ihren Bändern hoben. Hängt auch in Dacien, durch die verächtliche Politik eines Nachbarlandes, bis zur Stunde die Fessel noch an den blutrünstigen Gliedern, so hat doch der Brennstoff in diesen Gegenden nur um so mächtiger sich angehäuft, und um so sicherer und furchtbarer naht die Flammen-Katastrophe, welche ganz Europa erschüttern muß. Die Diplomatie, welche die Türken als liebe Bundesgenossen herzt, die Götzendiener der absoluten Macht, welche in Konstantinopel ihre Muster und Vorbilder zu suchen gewöhnt sind, – sie können nicht abwenden, was sie als Unglück fürchten, und je mehr sie bemüht sind, in dem Labyrinthe einen Ausweg zu finden, um so gewisser ist ihnen derselbe verschlossen. Der erste, neue, ernste Versuch der türkischen Donauländer, sich zu emanzipiren, wird nicht mißlingen und Europa wird nicht, wie vor 15 Jahren, müßig zusehen, daß ein Volk unter dem Beistand christlicher Monarchen hingewürgt werde, dessen einziges Verbrechen ist, unerträgliche Ketten entschlossen abzuwerfen. Steht das Christenvolk von Neuem auf in diesen Ländern, so wird es geschehen unter der Akklamation aller Völker der gesitteten Welt, und die Kabinetspolitik, welche den Nationen eben so fremd ist wie verhaßt, sie wird erbleichen und – es geschehen lassen. –

„Was haben aber die Landschaftsbilder aus den türkischen Donaulanden mit den Völkergeschichten gemein?“ so fragen mich vielleicht Tausende. Nun Ihr, die Ihr so fragt, mögt mich entschuldigen! –


Unterhalb Belgrad stellt die Donau eine großartige Szenerie zur Schau, ähnlich denen des Rheins auf der Strecke zwischen Bingen und Koblenz; nur viel imposanter. Bald eingeengt durch hohe Felswände, bald seeähnliche Becken füllend, bricht der Riesenstrom, Berge zersägend und Abgründe austiefend, sich durch alle Hindernisse Bahn. Hier, inmitten der wildesten Natur, da, wo der Strom mit furchtbarem Brausen seine ungeheuere Wogenmasse durch einen 470 Fuß tief eingeschnittenen Felskanal jagt, setzte einst Trajan seine Legionen im berühmten Feldzuge gegen die dacischen Völker an das jenseitige Ufer. Noch verkündigen die Trajanstafeln bei der Felsbank Toiko der Nachwelt sein kühnes Unternehmen.

Weiter hinab, jenseits der Stromschlucht Greben, breiten sich die Gewässer wieder zu einer 6000 Fuß breiten, seeartigen Fläche aus; doch ehe noch jene beruhigt sind, reißen Felsen schon wieder den Strom in [129] zwei Hälften aus einander, deren eine, und zwar die größere, als Katarakt zur Tiefe donnert. Wehe dem ungeschickten Schiffer, der nicht wüßte zeitig in den kleineren Arm einzulenken; er würde unfehlbar zerschmettert werden. – Unterhalb des Katarakts steigen die Ufer senkrecht, wie die Mauern eines Thors, das Cyklopen erbaut haben, in die Lüfte. Hier hat die Donau die Tiefe von 170 Fuß und ist auf 522 Fuß eingeengt. Eine schöne Kunststraße, dem Fels abgewonnen, führt am Ufer hin. Es ist die Prachtpartie der ganzen Donaufahrt, welche alles Andere, was sie an erhabenen Naturszenen zeigt, hinter sich läßt. Tiefe, dunkle Grotten von ungeheuerer Größe sperren ihre dunklen Rachen auf, schroffe, schwarze Felsklippen thürmen sich, weite, überhangende Wände bedräuen aus der Höhe mit Vernichtung, und, bald zischend und brausend, bald rollend, bald heulend fluthet der Strom, eilig, voll Ungestüm, um sich in die Arme des Euxinus zu stürzen.

Im linken Ufer sind eine Menge Grotten ausgehöhlt, von denen einige tief in’s Gebirge dringen und im Innern durch Seitengänge verbunden sind. Die berühmteste derselben ist die Höhle Veterani’s, zu Ehren des österreichischen Generals so geheißen, der im Türkenkriege, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, eine Festung daraus machte. Schon die Römer hatten sie zu gleichem Zweck benutzt. Davon zeugen noch die antiken Inschriften über dem Haupteingange.

Veterani ließ die Seitengänge aufräumen, richtete Magazine für Munition und Proviant und eine Feldbäckerei in derselben ein, versah die Zugänge mit eisernen Thoren und Kanonen, und die dreihundert Mann starke Besatzung hielt mehre Belagerungen der Türken mit Erfolg aus. Man sieht viele Ueberbleibsel jener kriegerischen Einrichtungen, und mit Grauen den Abgrund, in welchen die türkischen Gefangenen hinab gelassen wurden, wo sie umkamen. –

Weiter abwärts, unterhalb Orsowa, bietet die Stromfahrt noch ein höchst imposantes Bild dar. Schon in stündiger Entfernung hört man die tosende Brandung, und es bevölkert sich der Strom mit abenteuerlichen Gestalten, Klippen und Zacken, zwischen denen Schaumwirbel den Feenreigen tanzen. Das ist Demirkapi, das eiserne Thor, der Schrecken der Schiffer.


Jenseits des eisernen Thors ist Alles verändert. Das ziehende lange Meer der Donau breitet sich aus, und sanft und beruhigt wallt es dahin, anfangs zwischen rebenbepflanzten Hügeln, dann durch die unabsehbaren Ebenen Bulgariens. Ein frischeres Weltgrün, ein tieferes Himmelsblau scheint aufgethan – Alles haucht [130] wärmer an, die Landschaft strahlt in tieferem Farbenglanz, die Luft selbst scheint eine andere Mischung. Aus dem ganzen Erdenleben tritt eine reichere, innere Fülle hervor; man fühlt des Morgenlandes Nähe und scheidet von Europa, noch ehe man es verlassen.

Bald zwischen zahllosen Inseln, die baumhohes Schilf, von unzähligen Wasservögeln belebt, bedecken, bald an üppigen Ufergeländern hin, deren Dörfer zwischen schlanken Zypressen und schattenden Platanen freundlich hervorschauen, geht die Fahrt fort, bis Sistow’s liebliche Ansicht das Auge fesselt. Keine Stadt an der untern Donau nimmt sich aus der Ferne so reizend aus. Terrassenartig steigen die Straßen von der Mitte eines hohen Bergkegels zum Strome nieder, und auf dem Gipfel ragt schützend und drohend das alte Kastell, das schon die Römer zu einem Waffenplatz erkiesten. Das glänzende Weiß der Häuser mischt sich mit dem dunkeln Grün der Zypressenwäldchen und Gärten, welche einen großen Theil des Raums innerhalb der Stadtmauer einnehmen, und die schlanken Minarets sehen aus wie Riesenkandelabers, bestimmt, das ganze Bild zu beleuchten und zu verherrlichen. Hinter der Stadt aber baut sich das Gebirge des Hämus in blauer Färbung und schönen Formen auf.

Sistow ist das erste ganze Stück des Morgenlandes, und von da an verändert es seinen Charakter nicht mehr. Im großen Buche der Natur sind nun andere Blätter aufgeschlagen – ihre Typen haben eine andere Gestalt, Flora und Fauna tragen andere Formen. So Kostüm und Sitte, so Physiognomie und Charakter der Menschen.

Sistow ist ein aufblühender Ort und enthält fast 4000 Häuser. Die Lage, das gesunde Klima und die Fruchtbarkeit der Gegend sind die Stützen seines Wohlstandes, der um so lieber bemerkt wird, je sichtbarer die übrigen Städte der untern Donau, Braila und Galatz etwa ausgenommen, verarmen und verfallen.