Burg Alt-Leiningen

DCCXXIX. Die kleinen Fälle von St. Anthony Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXX. Burg Alt-Leiningen
DCCXXXI. Die Stone-Walls (Fels-Mauern) am Missouri, in Nordamerika
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BURG ALT-LEININGEN in der PFALZ

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DCCXXX. Burg Alt-Leiningen.




Aus der bayerischen Pfalz! Wer möchte da nicht de jure Ceremonienmeister für die Präsentation des Landes seyn, nicht, zwischen Obstbäumen und Reben versteckt, dort eine Hütte haben, und durch Grund und Wald, durch die Thäler und über die Höhen wandern, um der Welt von unbekannten verborgenen Schönheiten zu erzählen! Vergeblich Sehnen! Da sitze ich in einer ungroßmüthigen Zeit unter ungroßmüthigen Gewalten in einer dürftigen Natur, bis mich die Welt entläßt und meines Pfades Spur der Wind verweht, wie die Spur, welche der Gazelle Fuß dem Wüstensande aufdrückt. –

Die Pfalz ist ein Garten. Steige einen Berg hinan, welchen Du willst, und sey gewiß, eine Aussicht zu finden, die Dich entzückt: weite, lachende, mit Städtchen und Flecken besäete Gegenden, oder trauliche Thäler und Gründe, die ihren Reichthum bescheiden verbergen; – verliere Dich in die frischen Wälder, in die grünen Auen, in [84] die heimlichen Gründe, von Felsen und Schluchten bewahrt; verfolge Deinen stillen Pfad, auf dem Dich der Gesang der Vögel begleitet, zu den epheuumsponnenen Ruinen von Klöstern und Burgen, und Du wirst die Schweiz um ihre grünen Matten und freundlichen Alpen, um ihre Staubbäche und Gletscherfirnen kaum beneiden. –

Aber nicht bloß wegen der Reize, mit denen die Natur diese Gegenden übergossen hat, laden sie zu einem Besuche ein; auch die geschichtlichen Erinnerungen, welche sich an das Land überhaupt, wie an einzelne Orte, knüpfen, nehmen das allgemeine Interesse in Anspruch. In der Pfalz war’s, wo sich die Hoheit und der Glanz des deutschen Volks und Reichs am prächtigsten entfalteten; dort war der Schauplatz der Begebenheiten, die seinen Ruhm in die ewigen Tafeln der Geschichte geschrieben mit sammt seinem Jammer und mit sammt seiner Schmach; dort war’s, wo die Eroberer und Länderstürmer, von Cäsar an bis zum Mann aus Korsika, deutsches Land und Volk niedertraten, plünderten und jochten; dort war’s, wo sich die deutschen Stämme, vom ewigen Fluche der Uneinigkeit betroffen, einander bekriegten und verdrängten; von dort gingen die großen politischen und kirchlichen Kämpfe und Reformen aus, dort trieb das Mittelalter seine schönsten und seine giftigsten Blüthen, dort wuchsen die großen Geschlechter empor, welche Deutschland Häupter und Fürsten gaben. Noch blühen manche derselben in vielen Verzweigungen, wennschon Kauz und Sperber seit Jahrhunderten auf dem verfallenen Gemäuer ihrer Burgen nisten.

Das Bild eines solchen alten Dynastensitzes liegt vor uns. Alt-Leiningen ist das Stammhaus des Leininger Grafengeschlechts, welches, mit großen Gütern in der Umgegend, gegenwärtig der Linie Leiningen-Westerburg gehört. – Die tiefen und in den Fels gehenden Doppel-Gräben, die gewaltigen Mauern mit den langen regelmäßigen Fensterreihen, die ungeheuern massiven Kreuzgewölbe sind Zeugen von der Größe und Schönheit dieses berühmten Schlosses. Ein Graf Emich I. von Leiningen erbaute es im 13. Jahrhundert auf der Stelle der ältesten Burg; der Bauernkrieg ließ es im 16. Jahrhundert als Ruine zurück. Noch einmal stiegen Mauern und Thürme empor, bis der Vandalenzug der Franzosen zu Ende des 17. Jahrhunderts die Pfalz durch Feuer und Schwert verheerte und auch die Leininger Burg in Trümmer legte. Ihre Herren wurden vertrieben, und erst im Ryswicker Frieden erhielten sie ihre Besitzungen zurück.

Das am Fuße des Schloßbergs kauernde Dorf entlieh von der Burg seinen Namen; die über 1000 Seelen starke Bevölkerung desselben nährt sich meist von ihrer Handarbeit auf den Gütern und in den Forsten der Leininger. Dürftig genug! Man würde sich überhaupt sehr täuschen, wenn man die Bewohner der Pfalz, dieses Paradieses, für so glücklich hielte, als die Gegend es zu verbürgen scheint. Der den Boden bebaut, erfreut sich seiner weniger als Der, dem er gehört. Es ist hier wie fast allenthalben. Genuß und Arbeit sind mit ungleichem Maß vertheilt. –