Die Stone-Walls (Fels-Mauern) am Missouri, in Nordamerika

DCCXXX. Burg Alt-Leiningen Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXXI. Die Stone-Walls (Fels-Mauern) am Missouri, in Nordamerika
DCCXXXII und DCCXXXIII. Die Semmering-Eisenbahn
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THE STONE WALLS
(UPPER MISSOURI)

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DCCXXXI. Die Stone-Walls (Fels-Mauern)
am Missouri, in Nordamerika.




An erhabener, seltener, malerischer Wildheit sind die Rocky-Mountains[1] von keiner Gebirgsgegend der Erde übertroffen. Der junge Missouri bildet in diesem Alpenlande eine dreizackige Gabel, welche von Lewis und Clark, den ersten Entdeckern, Jefferson, Madison und Gallatin getauft wurde. Diese drei Quellflüsse vereinigen ihre Wassermassen dicht oberhalb der Stelle, wo sie, dem Hochgebirg enteilend, durch eine schauerliche Schlucht zwischen senkrechten Felsen auf ein tieferes Terrain hinabstürzen. Ueber 1000 Fuß hoch erheben sich da die Wände über den brausenden Strom, in grotesker, abenteuerlicher Gestaltung. Eine Strecke entlang sieht man nichts als nackte Felsblöcke wild über und unter einander geworfen; ein Bild der trostlosen Wildniß. Anderswo sind sie mit Cedern, Fichten und Farren bekleidet. Weite Hochebenen sind mit den Trümmern eingestürzter Berge bestreut und tiefe Schluchten, von Giesbächen durchrast, wechseln ab mit der grünen, stillen Alp, wo die Gazelle grast oder der stolze Hirsch üppige Weide findet. Oft schallt aus tiefen Seitenthälern das Getöse der Katarakte, welche die Staffage zu den Bildern vollenden, die den schönsten unserer Alpenwelt gleichen.

Prachtvoller und imposanter als der Rheinsturz bei Schaffhausen sind die Fälle des Missouri, der, nach der Vereinigung seiner drei Quellflüsse, an Wassermasse dem deutschen Strom nicht nachsteht. Der erste Fall mißt 98 Fuß senkrechte Hohe, der zweite 20 Fuß, der dritte 47 und der vierte 26 Fuß. Unterhalb dieser Fälle kommt der ruhige und schone Fluß, welchen die französischen Kanadier Marias nennen, von nordwärts hinzu und vermischt seine friedlichen Wasser mit dem ungestümen Sohne der nordamerikanischen Alpen. Wenige englische [86] Meilen weiter abwärts wird das Auge durch die merkwürdige Scenerie überrascht, welche unser Stich so vortrefflich darstellt. – Die Stone-Walls sind kein isolirtes Prachtstück der Natur; sie setzen mehrere Meilen weit fort, wechseln ihre Formen in der größten Mannigfaltigkeit; sind immer neu, unerwartet, gewaltig und großartig, und oft von den wildesten und schrecklichsten Gestalten. Streckenweise repetiren sie die Bilder unsers romantischen Rheingaus, nur in viel größeren Verhältnissen; ein Landschaftsmaler könnte dort Stoff für eine ganze Gallerie der seltensten Veduten auf einem verhältnißmäßig kleinen Raum sammeln. Erst in der Gegend, wo der Yellow-Stone-River seine grünen Wogen mit denen des Missouri vereinigt, im Lande der Sioux, legt der nun schon groß gewordene Strom den romantischen Charakter ab, und ruhig, wie der zum Mann gereifte Jüngling, wälzt er seine Gewässer durch die unermeßlichen Prairien, welche, der Kultur durch den weißen Menschen harrend, gegenwärtig die Jagdgebiete der Indianerstämme bilden. – Doch kehren wir zur Betrachtung unseres Bildes zurück! Die geologische Struktur der Felsen, ein horizontal geschichteter Quadersandstein von ungleicher Farbe, ähnlich dem Sandstein der sächsischen Schweiz, hat die Bildung so abenteuerlicher Formen durch die tausendjährigen Wirkungen von Wasser und Luft möglich gemacht. Die Felsen sind zuweilen von oben bis unten zerklüftet und gespalten, und die Auswaschungen haben die sonderbaren Gestalten, Schlössern, Ritterburgen, Ruinen, Thürmen, Minarets und Obelisken ähnlich, zurückgelassen. In manchen Fällen ragen diese Gebilde 600 Fuß hoch empor. Die bunte Färbung des Sandsteins in den verschiedenen Schichten – bald ist sie röthlich, bald gelb, weiß oder braun, – gibt den Gestalten ein schäckiges Ansehen und macht sie um so befremdender. Stürme und Regengüsse lösen die leichter zerstörbaren Theile des Gesteins ab und bringen eine fortdauernde Umänderung der phantastischen Formen hervor. – Der Geolog erkennt in den Stone-Walls die letzten Außenposten der eigentlichen Rocky-Mountains. Die innern Züge dieses Gebirgs gehören älteren Formationen an. Seine stolzen Gipfel, die der Reisende vom Missouri aus zuerst gewahr wird, sind schroffe Granitkegel, von Gneiß, Glimmer- und Thonschiefer mantelförmig umlagert. Einige sind kahler, öder Fels ohne alle Zeichen der Vegetation, andere sind mit verkrüppelten Cedern, Kiefern und Buschwerk spärlich bewachsen, während das Gras in den Schluchten den Büffeln, Antilopen, Bären und andern Thieren eine kümmerliche Nahrung gewährt. Bisonheerden werden während des Sommers in den tiefen Thälern dieser unwirthlichen Gegenden angetroffen, und dann kommen die kriegerischen Indianer-Stämme und die räuberischen Horden verwilderter Trappers in das rauhe Bergland, um den Bison und den grauen Bären zu jagen. Auf den tieferen Stufen des Gebirgs, im Bereich der Stone-Walls, und in den Gegenden hinterwärts derselben liegen Strecken welligen Landes mit thonigem Alluvialboden, welcher, kulturfähig, europäischen Einwanderern Unterhalt gewähren kann, nachdem der rothe Mann verschwunden seyn wird. Wer eine gesunde, reine Bergluft, in der Fieber und andere Krankheiten selten vorkommen, dem reichen, aber ungesunden Lande der Niederung vorzieht, wird diese [87] Berge einmal vorzugsweise zu seinem Aufenthalte wählen. – Weit ab in südlicher Richtung und nahe der Ueberlandroute nach Oregon, erheben sich die Black-Hills, von schroffen Kalk- und Sandsteinrücken durchzogen. Diese Gebirgskette beginnt nahe der großen Biegung des Missouri und erstreckt sich in südwestlicher Richtung zur südlichen Gabel des Nebrashez oder Platte River. Sie bildet die Scheide zwischen den Wassern des Missouri und denen des Arkansas. Gleich der Gegend der Stone-Walls, bestehen auch sie aus Sandstein und haben auch an vielen Stellen ähnliche Formen. Die Indianer des flachen Landes, die halb civilisirten Rangers der Wälder und die Berg-Trappers legen den Stone-Walls abergläubische Eigenschaften bei und meinen, sie seyen der Aufenthaltsort von guten und bösen Geistern. In dem echoreichen Donner hören sie die Stimmen des Wakon und in den Blitzen sehen sie das Zucken seiner Augen. Die hohl heulenden Winde halten sie für das Stöhnen ungastlicher Dämonen und die rasselnden Hagelwetter und verheerenden Stürme für die zürnenden Zeichen des bösen Geistes. Beim Betreten der tiefen Thalschluchten hängen sie daher Opfer von Tabak und Früchten an die Bäume, oder legen sie auf den Felsen nieder, um die Berggeister zu versöhnen. –

Was wird übrig seyn nach kurzen 100 Jahren von der Bevölkerung dieser Berge, den Rothhäuten, Rangers und Trappers? Sage und Mythe. Ueberall in diesem Lande treten dem Blick die Grabhügel der alten Geschlechter entgegen; auch an diese Ruinen verwitterter Berge – selbst Monumente einer gestorbenen Welt, – werden sich bald nur noch Traditionen verschwundener Völker knüpfen. In der That sind die Reste der rothen Menschen, die jetzt kriegend und jagend die Einöden der Rocky-Mountains durchschwärmen, nichts mehr als die letzten Blätter eines dürren Baumes, welche der nächste Sturm abschüttelt und zerstreut. –




  1. Die nördliche Gebirgskette, welche, im Süden die Anden und Kordilleren genannt, vom Kap Horn zum nördlichen Polarmeere, Amerika der ganzen Länge nach durchzieht.