Das Reussthal

CCCCLXXVIII. La Morgue (das Findelhaus des Todes) in Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
CCCCLXXIX. Das Reussthal
CCCCLXXX. Die Grotte des Pausilipp bei Neapel
  Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
[Ξ]

DAS REUSSTHAL
in der Schweiz

[33]
CCCCLXXIX. Das Reussthal.




In den Alpen drängen sich die Abwechselungen der Natur oft in einem Raume von wenigen Stunden schroff zusammen. Aus lieblichen Hirtengegenden in eine fürchterliche Wildniß geführt, staunt der Wanderer und denkt der Ursachen so großer Veränderung nach. Noch zittert Schauer durch seine Glieder und seine Einbildung ist von den Bildern des Schreckens auf das Höchste gespannt: – da, auf einmal, wandelt sich die Szene von Neuem; er glaubt aus einem Traume zu erwachen, oder als seliger Schatten aus dem finstern Tartarus einzugehen in des Elysiums lichte Gefilde.

So schnelle und angenehme Ueberraschung wird dem Reisenden in der Schweiz, welcher zum ersten Male aus den Schöllenen in’s Ursenerthal kömmt. Die grauenvolle Oede, die ihn dort umgab, ist urplötzlich verschwunden; die lieblichste Landschaft lacht ihm entgegen. Die tobende Szene stürzender Gewässer hat sich in Stille verwandelt und das vom chaotischen Wirrwar übereinander geworfener Felsen und gespaltener Berge ermüdete Auge ruht auf dem erquicklichen Grün des dichten Grasteppichs, welcher das ganze Thal und dessen [34] Bergwände bekleidet. Der Fluß, dessen Donner bald näher, bald ferner das Ohr betäubte, rieselt in diesem Ländchen des Friedens ruhig fort, die wilde Reuß ist eine stille Reuß geworden, und statt des unwirthlichen Felsengebäudes sieht der Wanderer wieder Menschen-Wohnungen vor sich, die ihm Ruhe und Erquickung verheißen.

Geht es auf der Lebensreise anders? Auch da ist Alpenland, und manche Pässe führen hindurch, und manches Hospiz steht auf winterlicher Höhe. Wie oft wandeln wir da an Abgründen hin, wie oft wird der Pfad durch ein unübersteiglich scheinendes Gebirge geschlossen, wie manchmal ist dem Auge jeder Ausweg verborgen! und wie plötzlich, ohne alle Vorahnung, thut sich dann ein Himmel statt ein Abgrund auf, wie oft schimmert Gottes grenzenlose Liebe wie eine blühende Aue da herein, wo wir an jeder Möglichkeit eines Fortkommens verzweifelten! – Wer hätte das Eine oder das Andere nicht schon erfahren? Wem hätte nicht, als irren Wanderer, wenn die letzten Kräfte ermatteten und verzagend über das Mißgeschick die Arme sanken, unerwartet das Glöckchen der Rettung getönt? Wem es aber nicht läutet, wem wirklich alle Auswege und alle Erdenpfade verschlossen bleiben: der schaue nach Oben mit erhobenen betenden Händen – und lacht ihm dann nicht das Aetherblau in das Herz hinein, knüpfet sich ihm nicht an die aufgegebene, vergängliche Erdenhoffnung die unvergängliche des Himmels: dann erst sage er, er sey verlassen, er sey elend. Aber er verklage darum nicht seinen Schöpfer. Nur die Schuld versteht es nicht, über den Schutt des Erdenlebens den festen Bau der Ewigkeit zu errichten – und nur das schwere Unrecht zieht den Menschen, wenn er die Arme um Trost gen Himmel streckt, immer wieder zur Erde nieder.