Die Halle des Michel Angelo in Florenz
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Die WOHNUNG des MICHEL ANGELO
Michel Angelo Buonarotti, Leonardo da Vinci und Raphael von Urbino bilden die Trias, welche die größte Zeit der Malerei in Italien bezeichnet. Michel Angelo, der ältere, entfesselte die Kunst vom Herkömmlichen und Traditionellen, er gab dem Pinsel die Macht zurück, den Gedanken mit Freiheit auszudrücken und schuf den großen geschichtlichen Styl. Leonardo stellte die Wahrheit der Form her, welche unter dem Zwang des Konventionellen verloren gegangen war; seine Bilder zeigten zuerst das reine Ebenmaaß der Menschengestalt wieder; Raphael setzte der Kunst durch die Schönheit der Formen und das Edle, Einfache und Angemessene der Komposition die Krone auf.
Unter den Dreien hatte Michel Angelo den umfassendsten Geist. Er war ein Genie, dessen Kraft nach jeder Richtung zum Aeußersten drängte und keine Einschränkung duldete. Seine Einbildungskraft war ein Vulkan. Wie heraufbeschworene Geister steigen die Gedanken zu seinen Bildern in seiner Seele auf und spiegeln sich ab in der Netzhaut seines Auges, wie in einer Camera obscura. Mit vollkommener Herrschaft über die Form schuf er die meisten seiner Werke ohne langen Vorbedacht; seine Ideen beseelten die Wände oder die Leinwand, sobald sie entstanden. Keiner vor oder nach ihm war fähig, so unermeßliche Werke so schnell zu schaffen.
Wenn er ihnen aber die feineren Züge einhauchen wollte, welche die betrachtende Seele dauernd fesseln und den Werken Raphael’s und Leonardo’s den höchsten Reiz verliehen – dann scheiterte er. Je weiter er sich von der Skizze entfernte, je mehr verlieren seine Bilder, und bei denen, in welchen er eine Ausführung, wie sie dem Da Vinci und Raphael eigen waren, versucht hat, schwinden Fleisch und Haut seiner Menschengestalten, und es bleiben so zu sagen nur die Gerippe zurück.
Sein berühmtestes Werk ist das „jüngste Gericht“, ein Fresko in der Sixtinischen Kapelle des Vatikan. Es ist die Apotheose seines Genies. Es zeigt seine ganze Größe und seine Mängel. Welche Gedanken! welche Charaktere! welche Situationen!
Der Kampf aller Elemente hat die Erdrinde zerrissen. Die Leichenfelder auf dem Meergrund sind gehoben aus der Tiefe. Finsterniß umhüllt die geborstenen Grüfte. Der Himmel öffnet seine Pforten, glänzendes Licht strahlt durch den Weltraum, und der Schöpfer, umgeben von zahllosen Schaaren, steigt herab, um die [134] gestorbene Menschheit, welche der Posaunenruf versammelt, zu richten. Tausend und aber Tausend stehen schon harrend da; Tausend und aber Tausend Andere sind im Begriff, aus den Gräbern zu steigen. Hier die Gerechten mit dem Ausdruck freudiger Zuversicht; dort die Schuldigen betend und händeringend; überall Geliebte, Aeltern, Kinder, Brüder, Freunde, die sich erkennen, auf einander zueilen und in der Wonne des Wiedersehens Gericht und Richter vergessen. Engel führen Gruppen der Seligen dem herabsteigenden Gott entgegen; väterlich streckt er ihnen die Rechte entgegen, Güte und Milde im hohen Antlitz; – aber drohend hebt sich die Linke gegen die Haufen, welche häßliche Teufelsgestalten zusammentreiben, die Kandidaten der Verdammniß. Schon schlagen die Flammen der Hölle aus dem Boden – es hebt sich die Decke – der schaurige Rachen thut sich auf, daß er Millionen verschlinge! „Ewige Qual für irdische Frevel“ – der entsetzliche Spruch ist in den Zügen von tausend und aber tausend Gestalten zu lesen. Ihr Anblick sträubt das Haar und macht das Blut gerinnen.
Michel Angelo war Maler, Baumeister und Bildhauer zugleich, und groß in allen diesen Künsten. Der Plan der Peterskirche war sein Entwurf und er leitete den Bau viele Jahre.
Michel Angelo’s Sohn ließ nach dem Tode seines Vaters diesem zu Ehren eine prächtige Halle erbauen und von den besten Künstlern der damaligen Zeit das Leben und Wirken des berühmten Vaters in einer Reihe von Freskogemälden darstellen. Zu ihrer Erhaltung setzte er ein Kapital von 20,000 Scudi aus – und sie gehört noch zu den interessantesten Sehenswürdigkeiten in Florenz.