Das Kap Horn
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CAP HORN
Es werde! – dieser Gedanke Gottes schuf die Welt, und wie er sie geschaffen hat, so lenkt er sie – durch Gedanken. Seine Gedanken im Menschen machen diesen zum Vollstrecker seiner Schicksalsbefehle, zur Sehne seines Bogens, zur Feder des Weltgetriebes. Seine Gedanken sind offenbar in den Propheten und Aposteln, in den Erfindern und Erforschern der Wissenschaften und Künste, sie sind lebendig in jenen Männern, welche, wie die Marco Polo, die Humboldte und La Perouse, den Schleier wegziehen von unbekannten Ländern, und in jenen kühnen Seefahrern, deren geräuschlose Entdeckungen einen bleibendern und wohlthätigern Einfluß auf den Kulturgang der Menschheit ausüben als die Thaten der gefeiertsten Fürsten und die glänzendsten Siege. –
Noch war kein halbes Jahrhundert seit dem Funde der zweiten Erdhälfte durch Kolumbus vergangen, und schon war man über die Gestalt Amerika’s klar. Die Küsten waren befahren und selbst über Gebirgszug und Stromnetz im Innern hatte man Vorstellungen, welche, wie es die Karten aus jener Zeit beweisen, der Wahrheit ziemlich nahe kommen. Nur über einen Punkt herrschte ein großer Irrthum. Man glaubte, der Welttheil dehne sich südwärts bis zum Polarkreise aus und die Meerenge, die Maghellan zuerst durchschiffte, sey der einzige Weg, um aus dem atlantischen Meere in den großen Ocean zu gelangen. Man hielt das Feuerland [129] nicht für eine Insel, sondern für die Fortsetzung des Kontinents selber, das sich in unbekannter Größe nach dem Südpol ausdehne. Erst Drake erschütterte diesen Glauben. Als er durch die Meerenge gesegelt war, wurde er durch Sturm an die Südspitze des Feuerlands verschlagen und er fand in einer Felsbucht beim Kap Horn ein Asyl. Seine Meinung, das Feuerland sey eine Insel, war aber zu schwach gegen das Vorurtheil, und sie verscholl allmählig wieder.
Vierzig Jahre später rüstete ein reicher holländischer Kaufmann, der Jude Isaak Le Maire, zwei Schiffe zu dem besondern Zweck aus, eine Umsegelung der amerikanischen Südspitze zu versuchen. Er wollte damit dem Verkehr nach dem großen Ocean eine neue Straße öffnen und ihn von der Herrschaft Spaniens befreien, welches, nicht zufrieden, daß die Fahrt durch die Maghellansstraße gefährlich war und zwei bis drei Monate dauerte, auch noch Befestigungen angelegt hatte, um sie fremden Nationen zu schließen. Die Expedition des patriotischen Kaufmanns hatte glücklichen Erfolg und das von den Wellen des großen Oceans bespülte amerikanische Südkap – eine durch einen Kanal vom Feuerland getrennte Felsinsel – erhielt nach dem Dorfe Horn, dem ländlichen Wohnort des reichen Isaak am Zuidersee, den Namen.
Die Beschaffenheit des Landes entspricht nur theilweise den Vorstellungen, welche sich nach den Berichten der alten Seefahrer bis auf die neueste Zeit fortpflanzten. Das Kap Horn liegt etwa unter demselben Breitengrade, wie Edinburg; das Feuerland dehnt sich von 52 bis 56 Grad aus, und das Klima ist an den flachen Küsten desselben nicht kälter, als an den Dünen Preußens. Es ist ein Alpenland mit der Fortsetzung der Kordilleren, die in steilen, mehre tausend Fuß hohen Vorgebirgen am Südende der Insel in den Ocean abstürzen. Meer und Land führen an der südwestlichen Küste endlosen Krieg mit einander. Wie am schottischen und norwegischen Westgestade haben die Arme des Oceans das Land zerrissen, in tiefen Kanälen hat er sich zwischen den himmelhohen Bergen und Schluchten durchgewühlt und das Feuerland in mehre Inseln getheilt. Die Ostküste hingegen fällt flach ab und sie hat jenes traurige, nackte, unfruchtbare Ansehen, welches die ältern Seefahrer schildern, während im Alpenlande des Westens romantische Thäler, wie in der Schweiz, eine üppige Vegetation haben und die schönsten Waldungen die Berge bekränzen. Der Hochrücken der Kordilleren erhebt sich zwei- bis dreitausend Fuß über die Linie des ewigen Schnees (6000–7000) Fuß über die Meeresfläche) und alle Pracht der Gletscherwelt offenbart sich in diesen Regionen wie in den Eisgebirgen Savoyens.
Die imposanteste Szenerie hat der westliche Theil der Maghellansstraße selbst. Mit unbegreiflicher Gewalt brach sich da die Fluth einen Kanal durch den 6000 Fuß hohen Gebirgskamm, senkrecht oder überhängend starren die Granitwände von der Tiefe auf, umschwirrt und umkreischt von Millionen Seevögeln, welche an den Felsen horsten. Dunkel ruht auf dem klippenreichen Gewässer und verleidet dem mit Gefahren [130] und Schrecknissen aller Art umgebenen Schiffer die Durchfahrt so, daß sie wohl nie mehr versucht werden würde, wenn die Umschiffung des Kap Horn nicht fast eben so gefährlich wäre. Denn der Sturm hört hin nicht auf zu rasen und fordert Jahr für Jahr Güter und Menschenleben in Menge zum Opfer. Ein Schiffbruch am Kap Horn ist fast immer gewisser Tod; denn nur wenige Stellen der mit himmelhohem Felsgemäuer besetzten Küste, über welche Gletscher hängen und Gießbäche ihre Schleier schütteln, sind zugänglich, und die auf Booten Rettung suchen, verschlingt gewöhnlich die Brandung. Die Forderung der Menschlichkeit, Errichtung eines Leuchtthurms mit einer Station für Rettungsboote und mit einem Asyl oder Hospiz für Schiffbrüchige ist, zur Schande der meerbeherrschenden Mächte, bis jetzt unerfüllt geblieben. Und doch ist die Straße um das Kap Horn eine der wichtigsten der Erde und es würde zuverlässig ihre Frequenz sich vervielfachen, wenn ein Etablissement wie das angedeutete die Fahrt eines Theils ihrer Schrecknisse entkleidete. –
Ehe wir das Feuerland verlassen, noch einen Blick auf seinen Herrn, den Menschen!
Ist dieses schmutzige Wesen, auf dessen zwergartigem formlosen Leib ein breitzusammengedrückter Kopf mit weitvorstehenden Backenknochen ruht, aus dessen viereckigem Schädel unter der platten Stirn die kleinen, leblosen, Stumpfsinnigkeit verrathenden Augen dich anstarren, wirklich ein Mensch? Du möchtest daran zweifeln. Dein Herz, das die ganze Menschheit mit Liebe umfassen möchte, dein Geist, welcher ein zwar ungleiches, aber unaufhaltsames Fortschreiten aller Völker der Erde zu einem gemeinsamen Ziele begreifen möchte, fühlt sich beunruhigt und betroffen. Wie, fragst du, dieses Geschöpf mit den schwarzen Zotten um das Antlitz, dessen Häßlichkeit ein dicker Knochen in der durchbohrten Unterlippe noch widerlicher macht, das mit thierischer Gier Peguinenthran schlürft und die Luft mit seinem Gestank verpestet, dies dein Bruder? Wo ist da der Gotteshauch, der den Menschen von dem Thiere unterscheidet, und worauf gründet sich da der Anspruch an die Sympathie des Gefühls, welche eine gleiche Abstammung hervorruft? Gegenüber dem Feuerländer, dieser plumpen Mißgestalt, in welcher noch nie ein Geistesfunke zur Flamme angefacht worden ist, bricht der Glaube, ein Brudergeschlecht aus einer Mutter bevölkere das Erdrund, zusammen.
Das größte Räthsel auf Erden bleibt der Mensch und über seine Entstehung ruht ein Schleier, den keine Wissenschaft aufhebt. Der Mensch füllt die ganze Erde. Kein Thiergeschlecht kömmt ihm an Verbreitung im Entferntesten gleich. Theuer jedoch erkauft er diesen Vorzug. Sein edel geformter Leib verschrumpft am Polarkreise zur fratzenhaften Zwerggestalt und sein Geist erstarrt in Unempfindlichkeit. Unter dem Aequator verdorrt er und unter den Tropenkreisen reibt sich der Mensch auf in thierischen Begierden und wüthenden Leidenschaften, die mit Erschlaffung abwechseln. Wir sehen ganze Menschenstämme, deren Lebensthätigkeit in dem Kreis aufgeht, welchen das unabweisliche Bedürfniß in einer harten Natur um sie gezogen hat, und selbst inmitten [131] der Civilisation, wie viele Millionen und aber Millionen sind da vorhanden, in denen sich jeder Gedanke des engen Gehirns nur um die unmittelbare Noth dreht, und in wie Vielen erliegt der gebundene Geist dem mit jedem Morgen neu erwachenden Elend und Kummer! Wir sehen Völker ein langes Leben hindurch stumpf, gleich Wanderthieren, durch Wüsten ziehen. Kein Lächeln können sie der Einöde abgewinnen und keinen Segen, als die Beute des lauernden Auges und des räuberischen Arms, des Diebstahls und des Mords. Wir sehen Andere, welche keine Freude auf Erden kennen, als jene, welche die gierige Hand zum Mund bringt. Wir preisen stolz der Bildung hellen Tag, und finstere Nacht ruht auf der Masse der Menschheit! Den wenigen Hunderttausenden, in denen höhere Geisteskultur sich bethätigt, stehen Hunderte von Millionen gegenüber, in deren Seelen kein Lichtstrahl dringt und die in Elend und Stumpfsinnigkeit die lange Bahn von der Wiege bis zum Grabe durchlaufen, ohne Gedanken an die Vergangenheit, ohne Ahnung und Glauben einer bessern Zukunft, ohne Selbstbewußtseyn, ohne einen Begriff, der außer dem engsten Kreise des Lebensbedürfnisses liegt. Sie sterben dahin mit keinem andern Gefühl, als daß, – wenn ihre Zeit um ist, – der Boden, der sie geboren hat, sie wieder verschlinge. Wem die Religion noch eine Anweisung auf die ewige Seligkeit schrieb, der hat noch einen Trost; – doch auch diese wohlfeile Barmherzigkeit wird den Wenigsten zu Theil; denn die Mehrzahl der Religionen setzt das Reich der ewigen Qual und Strafen am Rande des Grabes hin und sie füllt noch in der Sterbestunde den Leidensbecher ihrer Gläubigen mit Aengsten und Schrecknissen! Trostlosigkeit begleitet sie durch’s Leben, – Trostlosigkeit ist ihre Mitgift für die Ewigkeit.
In den Raçen, welche durch Merkmale und Körperbildung scharf sich scheiden, geht der Stamm des Menschengeschlechts wie in Aesten auseinander. Eine Raçe ist die auserwählte. Die kaukasische, der auch wir angehören, ist es, welche seit Jahrtausenden die höhere Entwickelung des Menschengeschlechts trägt. Sie ist die Hüterin des heiligen Feuers; das Apostelthum der Kultur gehört nur ihr. Darum ward ihr Macht gegeben über alle Völker und mittelst dieser Macht streut sie die Funken über die Erde hin und richtet sie der Gesittung Altäre auf in allen Zonen. Im Alterthum war die Sphäre enge; jetzt ist sie weit geworden! Vor 2000 Jahren reichte die Kultur noch nicht über die Länder des Mittelmeeres hinaus. Seitdem hat sie alle Oceane überschritten, und wie die Herrschaft der kaukasischen Völker allmählig alle Kontinente umfaßt hat, hat auch ihre Kultur die übrigen Raçen ergriffen – und die sie nicht aufnehmen wollen, die müssen verschwinden. Doch während so der erwählte Stamm des Ostens seine Schößlinge allwärts hin treibt, während er schon die ganze neue Welt mit seinen Zweigen überschattet, wird er selbst faul in seinen alten Sitzen, seine Wurzeln sterben rückwärts ab und er läßt seine sonst kraft- und kulturreichsten Völker verweichlicht, entsittlicht, entartet, in Verwesung oder verwildert zurück. Blickt nach Armenien, nach den euxinischen Ufern, nach den türkischen und persischen Ländern, [132] nach Griechenland; schaut nach Italien und der iberischen Halbinsel: was seht ihr? Dort verwilderte Völker, hier sinkende, altersschwache Nationen, die träumerisch und kraftlos von ihrer großen Vergangenheit zehren und zu einer dauernden Erhebung unfähig, und unwürdig der Freiheit, der Säbelherrschaft verfallen.
Wir dürfen uns nicht täuschen! Selbst Deutschlands Volk, das jetzt in seinen alten Wohnsitzen nach seiner Verjüngung ringt, hat das Räthsel seiner Aufgabe noch nicht gelöst. Die Zeichen geben Vieles zu bedenken. Ein so großes Volk, welches, innerhalb eines Menschenalters, sich zweimal von seinen Fürsten betrügen und geduldig wieder einjochen ließ, ein Volk, daß nun vielleicht zum drittenmal in Frankfurt die kaum errungene und mit seinem Blute bezahlte Freiheit verrathen und verhandeln sehen wird – ein solches Volk ist in seine absteigende Bahn gewiß eingetreten, wenn es sich nicht ermannt und die Hochverräther abschüttelt. Es wird sich bald zeigen. Wäre der alte Stamm aber auch wirklich faul – so werden doch seine Schößlinge im Westen zu Bäumen erwachsen, und während dann die Väter in der alten Welt in Sklavenketten gehen, tragen die Söhne siegreich ihr Sternenbanner durch die neue Welt, und genießen, stolz und ruhmvoll, das Glück der Freiheit in vollen Zügen.
Wie der gebildete Deutsche in Nordamerika auf der Staffel der westlichen Kultur am höchsten steht, so der Feuerländer am niedrigsten. Dies verlassene Geschlecht, welches vom Kontagium geschichtlicher Entwickelung, das die Völker weckt, emporreißt und groß macht oder elend, nie berührt ward, hätte noch Jahrtausende fortvegetiren können, wären die Kulturmenschen fern von ihm geblieben! Leider haben sie ihm nur Böses gebracht. Sie machten die starren Geister nicht flüssig mit der Flamme ihres Branntweins, sie machten sie nicht menschlicher, indem sie sie mit ihrem Donner und Blitz bewaffneten; sie machten sie nicht glücklicher und zufriedener, indem sie die alten Götter wegnahmen und das Kreuz auf die Berge pflanzten. Seitdem der Verkehr mit den britischen und amerikanischen Wallfischfängern begonnen hat, decimiren Völlerei, Krankheit und innere Fehde das arme Völkchen; sie beschleunigen dessen Vernichtung, und die Zeit ist nicht fern, wo im Stammverzeichniß der Menschheit der Feuerländer nichts mehr seyn wird, als ein leerer Name.