Die Napoleonssäule auf dem Vendomeplatze in Paris

CCCCLXXXXVI. Das alte Schloss Baden Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
CCCCLXXXXVII. Die Napoleonssäule auf dem Vendomeplatze in Paris
CCCCXXXXVIII. Die Burg Hohenzollern
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DIE NAPOLEONS-SÄULE
auf dem Vedôme-Platz in Paris.

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CCCCLXXXXVII. Die Napoleonssäule auf dem Vendomeplatze in Paris.




Betrachtet man den verbannten Kaiser mit seinem Riesenherzen auf dem Fels von St. Helena, nachsinnend über das Schicksal der Welt, die ihn ausgestoßen; oder sieht man ihn in den Tagen seines Glücks, wie er mit seinen Legionen und Adlern die Welt durchzieht, über Völkernacken hinschreitet, Throne niederreißt, die Jahrtausenden widerstanden, und Throne da aufrichtet, wo keine gewesen; oder sieht man ihn als Triumphator heimkehren an der Spitze seiner Heere; oder umgeben von seinen Vasallen, den Königen und Fürsten, Kronen verleihend und Länder austheilend, als wäre es Spielzeug: – so muß man bekennen, etwas Dämonisches und Tragisches hat ein solcher Anblick. Er ruft das Alterthum zurück, die Szenen der ewigen Roma, die Triumphzüge der Cäsaren mit ihrem Gefolge überwundener Könige, die Großthaten Alexanders; er erinnert an den Marius auf Karthago’s Trümmern, an den Hannibal, der, [92] wo er ein Asyl suchte, Verrath und Tod fand. Doch nicht seine persönlichen Schicksale allein tragen den großen Stempel des Alterthums: auch die Werke des öffentlichen Nutzens und die Monumente, welche er der Bewunderung der Nachwelt hinterließ, haben ihn. Geht nach Paris und seht dort seine Marktplätze, seine Wein- und Getreidehallen, seine Schlachthäuser, seine Wasserleitungen, seine Spitäler, seine Hafenbauten, seine Straßen; betrachtet auch seinen Triumphbogen, den wir kürzlich beschrieben haben, und seine Ehrensäule, hingestellt, Allen verständlich, unter freiem Himmel auf offenem Markte, jedem Auge und jedem Urtheil zugänglich, hingestellt vor die großen Augen des Volks: und ihr werdet gestehen müssen: auch da ist der Geist des alten Roms, auch da weht der Hauch der großen Vergangenheit. Herrlicheres als der Bogen der Etoile hat selbst Rom und Griechenland nicht aufzuweisen, und die Säule des Vendomeplatzes stellt sich, sowohl der Composition als der Ausführung nach, dem Größten zur Seite, was frühere Zeiten bewunderten.

Diese Siegessäule zur Verherrlichung der französischen Heere wurde nach dem berühmten Feldzuge von 1805 aus 1200 eroberten russischen und österreichischen Kanonen gegossen. Ihr Vorbild war die Säule des Antonin in Rom. Im Jahre 1806 wurde ihr Grund gelegt; 1810 ist sie vollendet worden. Ihre Höhe beträgt 118 Fuß, das Piedestal nicht mitgerechnet; ihre Fundamentmauern reichen 30 Fuß in die Tiefe; ihr Durchmesser ist 12 Fuß. Sie steht auf den Grundpfählen, welche nichtswürdige Schmeichelei hundert Jahre früher eingerammt hatte, um eine kolossale Reiterstatue Ludwigs XIV. darauf zu stellen. 1,800,000 Pfund Erz gingen zum Guß des Schafts auf. Der Fuß, von 25 Fuß Höhe, zeigt auf seinen vier Seiten Basreliefs von Kriegstrophäen. Ueber dem Säulenstuhl, auf einer Attika, sind Eichen- und Lorbeerkränze angebracht, die an den 4 Ecken durch Adler getragen werden. Spiralförmig windet sich die erzene Siegs-Legende Napoleons und seiner Heere an den Schaft hinauf – von dem Abzuge aus dem Lager bei Bologna an bis zum Friedensschluß, welcher dem großen Tage von Austerlitz folgte. Im Innern des Denkmals führt eine Wendeltreppe von 176 Staffeln zur Gallerie, die auf dem Kapital angebracht ist. Ueber jener erhebt sich in Kreisform die Laterne. Sie endigt in einer Kuppel, auf welcher man die Inschrift liest:

Denkmal, errichtet zum Ruhme der großen Armee.
Begonnen am 25. August 1805, beendigt am 25. August 1810.

Auf dem Gipfel stand ehemals eine Statue Napoleons von Chaudet: – der Cäsar in der Tracht der Cäsaren, die Toga um die Schulter, den Lorbeerkranz auf dem Haupte, tragend in seiner Rechten eine Bildsäule des Siegs, zu seinen Füßen der Adler. „Jahrtausende werden an dem Bilde des Imperators vorüberziehen, und die Enkel des weltherrschenden Frankreichs werden hinaufweisen und die Geschichten erzählen von ihrem Herkules [93] und ihrem Solon.“ So hieß es in der Inaugurationsrede. Und ehe ein Lustrum vergangen – lag sie, verspottet, im Staube. Wie das zugegangen? – Laßt mich es erzählen.

Mehr der Verrath und die Feigheit, als der Sieg, hatten im März 1814 den Verbündeten Paris in die Hände gegeben. Napoleon selbst war in Fontainebleau und sammelte die Reste seiner Heere. Wenige Getreue waren mit ihm. Die meisten, die er groß gemacht, Minister, Marschälle, Senatoren, verstärkten in diesen goldenen Tagen der Niederträchtigkeit das Feldlager seiner Feinde.

Am 31. März machten einige dieser Menschen, die den prunkvollen Einzug der Verbündeten mit ihrem Hurrah! begrüßten und in welchen die Flügelhörner der Preußen eine bilderstürmende Begeisterung gegen die Napoleon’sche Heldenzeit erweckt hatten, den Anschlag, die Statue des Heros von der Vendomesäule herabzustürzen. Ihre Handlanger stiegen hinan, schlangen Taue um den Kopf des Kaisers, und vierundzwanzig Pferde wurden angespannt und angetrieben, sie herabzureißen. Aber sie wich nicht. Hierauf spannten sich – es ist unglaublich! – die Pariser selbst an: Tausende zerrten; aber die Bildsäule spottete der Wucht der Tausende – sie wankte nicht von ihrer Stelle. Nun ließ man Schlosser hinaufsteigen, die es versuchten, das Standbild an den Knöcheln abzusägen. Bei der Härte des Metalls und weil die Füße nicht hohl, sondern vollgegossen waren, war auch dies vergeblich. Zuletzt sprach man von nichts Geringerem, als das Monument mit Pulver zu sprengen. Schon wurden Pulverfässer herbeigeschleppt: da widersetzte sich dem tollen Beginnen ein russischer General, welcher auf den Ruhm Frankreichs eifersüchtiger war, als die Pariser selbst, und den es entrüstete, eines der schönsten Denkmäler unserer Zeit gänzlicher Vernichtung Preis gegeben zu sehen. Russische Kosaken nahmen die Säule unter ihren Schutz, und die Anstifter mußten nun einen andern Weg einschlagen, um ihr Vorhaben auszuführen.

Sie wendeten sich an die Heerführer der Verbündeten im Namen der Pariser Bevölkerung und baten um sofortige Entfernung des Bildes, dessen Original, wie sie sich ausdrückten, der Fluch und Abscheu von ganz Frankreich geworden war. In Folge dessen erhielt der Kunstgießer Lunay, derselbe, aus dessen Werkstätte die Statue hervorgegangen war und der sie aufgestellt hatte, von dem russischen Platz-Commandanten „bei militärischer Exekution“ den Befehl, die Statue herabzunehmen und diese Arbeit „bis zum 6. April um Mitternacht“ zu vollenden. Am Rande dieses martialischen Befehls stand geschrieben: „Augenblicklich zu vollziehen.“ Pasquier.

Lunay entledigte sich des empfangenen Auftrags. Die Bildsäule wurde ohne Beschädigung herabgenommen und der Künstler behielt dieselbe als Unterpfand für rückständige Forderungen, die er an den Staatsschatz hatte, in seinem Gewahrsam.

Der 20. März 1815 kam herbei: – die Bourbons flohen, der Kaiser saß wieder auf dem Thron. Am 21. März bat Lunay den General Bertrand, die Säule wieder auf ihren Platz stellen zu dürfen; als Antwort [94] bekam er Befehl, sie an Denon auszuliefern, was geschah. Wahrscheinlich hatte man ihre Wiederaufstellung zum Gegenstand eines späteren, feierlichen Akts machen wollen, den die Schlacht bei Waterloo vereitelte.

Die Bourbons kamen zurück. Bald machte sich die Restauration wieder mit der Napoleonssäule geschäftig. Lunay hatte sie von Denon zurück erhalten, um die Beschädigungen auszubessern, welche sie durch den vandalischen ersten Versuch, sie von der Säule herabzureißen und abzusägen, bekommen hatte. Seitdem hatte er sie sorgfältig aufbewahrt. Da kam auf einmal ein königlicher Befehl an ihn, das herrliche Kunstwerk zu zerschlagen und das Metall zum Guß des Pferdes für eine Reiterstatue Heinrich’s IV. zu verwenden, die den Pontneuf zieren sollte. Lunay erbot sich, den doppelten Preis des Metallwerthes zu geben, wenn man ihm die Statue lassen würde; er schützte die Liebe für sein Werk vor, und zuletzt erbot er sich, den ganzen Preis dafür zu zahlen, den die Herstellung gekostet habe. Alles umsonst. Er mußte den Befehl vollziehen. „Schon zerschlagen“ (so berichtete Lunay über diesen merkwürdigen Vorgang in den Journalen) „bot ich, um wenigstens die Reste der Vernichtung zu entziehen, 20,000 Pfund Bronze für sie, die nur 6000 Pfund wogen. Auch das wurde ausgeschlagen.“ Lunay goß nun aus der Bronze seines Napoleons das Pferd des IV. Heinrich’s, aber zugleich eine Statuette des Kaisers, die er in die Höhlung des rechten Arms jener Bildsäule steckte, und im Bauche des Pferdes verbarg er ein Kästchen, in welchem er eine Geschichtserzählung der vernichteten Statue, und Lieder, Inschriften, Reden etc., welche auf diese schmählichen Vorgänge Bezug hatten, bewahrt hat: sprechende Denkmäler von dem Geiste der Zeit, in der sie entstanden, und der Niedertracht Derer, die in ihr eine Rolle gespielt haben. –

Nach der Entfernung des Kaiserstandbilds pflanzte die ruhmlose Restauration ihre weiße Fahne auf die Säule des Ruhms. Während der 100 Tage wehte die dreifarbige; dann abermals die weiße. Die Julirevolution zerriß diesen Lappen, und abermals spielten die drei Farben mit den Winden. Ludwig Philipp, gierig nach Allem greifend, was die Phantasie und die Eitelkeit der Nation eine Zeitlang beschäftigen mochte, hatte nach seiner Erhebung auf den Thron den Einfall, an den Platz der alten Kaiserstatue eine neue zu stellen. Nicht der idealisirte Napoleon sollte es seyn, wie Chaudet ihn so herrlich gedacht hatte, – nicht der kolossale Genius der Eroberung und des Siegs, nicht der Held, den Heroen der alten Welt vergleichbar: – sondern der sogenannte historische Napoleon, der Mann im Schulmeisterformat mit dem Dreieckhute, dem grauen Rock, den engen Beinkleidern, ganz so, wie wir ihn auf seinen Feldzügen gesehen, oder wie er im Tuillerienhofe die Garden gemustert. Und damit an der Wahrheit der äußern Erscheinung nichts gebreche, so mußte Bertrand dem Bildhauer Seurre, der mit der Modellirung beauftragt war, einen vollständigen Anzug des Kaisers schicken, um den Gliedermann damit zu bekleiden. So kann man nun freilich von dem Hut, dem Militärfrack, den Epauletten, dem Ueberrock mit den Aufschlägen, den hohen Stiefeln, dem Fernglase, das er in der Hand hält, sagen: So haben sie ausgesehn! [95] Der Degen sogar ward nach dem Original modellirt, das Napoleon in der Schlacht bei Austerlitz getragen. Aber gibt es nicht eine höhere historische Wahrheit für die monumentale Kunst, als die Lappen, in welche Tag und Zufall den Heros eines ganzen Zeitraums kleiden? Die schlagendste Kritik über den neuen geschichtlichen Napoleon auf der Vendomesäule machten Licht und Luft. Ais nämlich das etwas spreitzbeinige Bild aufgestellt war, fand sich, daß der Baumstamm, welcher zur festern Stütze der Statue dienen sollte, derselben, von unten betrachtet, das Ansehen eines einbeinigen Invaliden gab. Er mußte entfernt werden. Nun fand sich aber wieder, daß das Licht, welches zwischen den Beinen durchfiel, solche so verdünnten, daß sie fast unsichtbar wurden und die ganze Figur einem an 2 Schnüren befestigten Drachen nicht unähnlich sah. Um auch dies zu verbessern, brachte man zwischen den Beinen eine Bombe und einen Haufen Kanonenkugeln an.

Die neue Statue ist aus 16 österreichischen und russischen Kanonen gegossen, welche zu den Trophäen des Feldzugs von 1805 gehören. Die Höhe des Standbildes mißt 11 Fuß; trotz dieser kolossalen Dimension nimmt es sich, von unten gesehen, klein, fast zwergartig aus.

Von künstlerischer Seite wird dieses Monument immer zu tadeln geben; aber nichts desto weniger wird es stets von einer Nation mit Stolz betrachtet werden, welche den Kriegsruhm so hoch achtet und die von jeher demselben so große Opfer gebracht hat. – Hieraus zu folgern, daß die jetzige Generation das System des Kaiserreichs zum thatsächlichen Bestande zurückwünsche, wäre jedoch ein großer Irrthum; im Gegentheil, nichts hat über die Gemüther des stimmberechtigten Theils der Nation mehr seine Gewalt und seinen Zauber verloren, als das System der Napoleon’schen Welteroberung. Die Partei, welche dem Volke die Wiederkehr solcher Unternehmungen verspricht, findet wenig Anklang. Frankreich hat die Segnungen des Friedens in zu reichem Maße geärndtet, als daß es sie nicht zu würdigen wüßte. Alle Ideen wechseln mit der Zeit. Die guten Tage unfruchtbarer Trophäen sind vorüber, und was der afrikanische Krieg, was die Expeditionen nach der amerikanischen Küste und Polynesien davon dermalen liefern, sind zu armselige Parodien der Kriegsthaten der Kaiserzeit und können in dem Volke eine tiefergehende Theilnahme niemals wecken. Bei der jetzigen Volksbildung und bei der Kraft, welche die Interessen des Friedens überall in der civilisirten Welt erlangt haben, bedarf es zum großen Kriege viel gewaltigerer Motive, als die der Eroberung; es bedarf tief eingehender, die höchsten moralischen Güter der Massen erfassender und bewegender Hebel. Ohne solche ist ein Zusammenstoß der Völker, wie wir ihn auf den Napoleon’schen Schlachtfeldern erlebt haben, nicht mehr möglich. Darum werden auch alle Versuche, Projekte und Entwürfe der Napoleoniden, die künftig geschehen mögen, um mit dem Schwerte des Helden auf der Vendomesäule über Frankreich zu herrschen, ohne Wirkung vorübergehen, wie die bisherigen.