Die Burg Hohenzollern
| Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext. |

HOHENZOLLERN
Gleich erschuf Gott alle Menschen mit gleichen Rechten, mit gleichen Ansprüchen an das Leben und seine Güter. Könige und Unterthanen, Freie und Hörige schuf er nicht. Von Gottes Gnaden ist keinem Sterblichen das Recht verliehen, seines Gleichen zu unterdrücken. Vor ihm sind wir Alle gleiche, einander ebenbürtige Wesen, und klar, wie er sich selbst jeder denkenden Menschenseele offenbart als einen unparteiischen, gerechten und gütigen Gott, der, um in einem Lande regnen zu lassen, nicht erst fragt, welchen Propheten es hat, und ob die Sonne auf Throne scheine, oder auf freie Bürger: – so klar fließt für jeden Vernünftigen der Born der Erkenntniß von den gesellschaftlichen Rechten und Pflichten. Was vernünftig ist, ist sittlich, was unvernünftig ist, ist schlecht oder Irrthum. Wenn daher Staat und Religion, Herrschaft und Gesetze mit der Vernunft nicht im Einklang stehen, so sind sie falsch und verwerflich.
Die Vernunft, und die Vernunft allein, ihr Völker! ist der Probirstein, um eure religiösen, wie eure gesellschaftlichen Einrichtungen, Satzungen und Zustände auf ihren Werth zu prüfen. Zu diesem Probirstein führt eure Priester, welche, statt euern Lebenspfad zu erleuchten, ihn euch verfinstern; die sich das Recht anmaßen, nach Laune und Willkühr euch den Himmel zu öffnen oder zu schließen, und die Handel treiben mit den Strafen und Freuden der Ewigkeit; dahin führt eure Gesetzgeber, welche das Jus zu einem Codex der Despotie und Ungerechtigkeit und zu einem Labyrinth von Spitzfindigkeiten machen, in welchen nur Arglist und Unehre den Ausgangsfaden finden; eure Magistrate, die, jeglicher Bürde baar, ihr Amt nützen, wie einen verliehenen Acker, und keinen andern Vortheil erstreben, als ihren eigenen; eure Gewaltigen, die, berauscht von ihrer Größe, den Zweck ihres Berufs gänzlich vergessen, bedrücken, wo sie beglücken, verfolgen, wo sie schützen sollten; die ausgießen die Ehren des Staats an unnütze Höflinge, Schmeichlern die Schätze der Völker schenken, und Erde und Meer erschöpfen auf Kosten der Nationen, um ihre Eitelkeit oder ihren zügellosen Luxus zu befriedigen; jene pflichtvergessenen Herrscher, welche wie Generalpächter zu Throne sitzen und nichts Höheres auf demselben suchen, als das Ansammeln von kolossalen Reichthümern, welche mißbrauchen die Mittel der Herrschaft, um aus dem Vermögen ihrer Länder ein Familiengut zu machen und mit dem Schwerte des Gesetzes verfolgen, um sich die Habe der [97] Verfolgten anzueignen. An den Probirstein der Vernunft führt sie Alle, und welche da bestehen werden, die sollt ihr hochachten und in Ehren halten, denn wahrlich! ein größerer Segen als sie kann den Völkern nicht werden.
Aber die als unächt und falsch erfunden werden, diesen sollt ihr zurufen: Ihr Verworfenen unter den Gewaltigen, die ihr mit dem Rechte, dem Gute und dem Leben der Völker spielt, habt ihr dem Menschen den Odem gegeben, den ihr euch erfrecht, ihm zu rauben? Bringt ihr die Erzeugnisse der Erde hervor, die ihr vergeudet? Vergießt ihr Schweiß hinter dem ackernden Pfluge? Sengt die stechende Mittagsonne euer Haupt und leidet ihr des Durstes Pein bei dem Schneiden der Frucht? Erlahmt euer Arm bei dem Dreschen der Garben? Wachet ihr bei den Heerden? Durchschifft ihr die Meere mit Gefahr des Lebens, oder steigt ihr in die dunklen Klüfte der Erde hinab, um bei dem schwachen Scheine der Lampe mühsam Erze zu gewinnen? Baut ihr künstliche Maschinen, welche die Menschenkraft vervielfältigen? Schwingt ihr am Ambos den schweren Hammer, oder belebt euer Fußtritt den Webstuhl? Theilt ihr des Fabrikherrn nächtlichen Fleiß und seine Plagen, oder des Kaufmanns tausendfältige Arbeit und Sorge, Gefahren und Verluste? Ihr, die ihr mit Allen ärndten wollt, aber mit Keinem gesäet habt, die ihr alles Recht euch anmaßt, aber keine Pflichten zugesteht: – ihr Quälgeister der Völker, zittert! Die Verblendung der Nationen währt nicht immer. Der Morgen der Erkenntniß röthet den Himmel. Ihr könnt den Tag nicht hindern und wenn ihr auch Alle eng zusammensteht: die Sonne wird doch heraufsteigen, vor der alle Macht eurer Ungerechtigkeit schmelzen wird wie weiches Wachs. Dann wird es sich offenbaren, woher euch die Gewalt gekommen, ob von Gottes Gnaden, oder von den Völkern. Dann wird euer Schwert, das ihr so drohend gegen uns erhebt, seine Schärfe verlieren; denn eure Heere werden zeigen, daß sie, wenn sie wollen, mehr seyn können, als euer willenloses Werkzeug. Ja, ihr falschen Herren der Welt, ihr werdet dann schwächer seyn, als eure geringsten Unterthanen jetzt sind. Kein einziger wird auf seinem Throne bleiben, denn keine Herrschaft wird fernerhin Bestand haben, als die der wahren Fürsten, der guten Regenten, welche die Völker zur Glückseligkeit leiten, nicht sie zu selbstsüchtigen Zwecken beherrschen; die sich als Vorgesetzte des Staats betrachten, für dessen Wohl sie da sind, und nicht als unumschränkte Gebieter, in deren Personen alle Zwecke des Staats aufgehen sollen; die bekennen, daß sie keine Gewalt über die Nationen haben, außer zu ihrem Besten; daß sie von den Schätzen des Landes und der Bürger, die sie verwalten, Rechenschaft zu geben schuldig sind; kurz keine, die nicht den höheren Beruf ihres Amtes ausschließlich darin suchen, alle zum Staate vereinigten Menschen, welchen sie vorstehen, zum höheren Erdenglück und zu beglückender Erkenntniß zu leiten.
Der Tag naht heran, wo alle Machtkolosse zerbrochen werden, die keine bessere Grundlage haben, als Willkühr, Schwert und den Codex des Unrechts. Sie werden sich durch ihre eigene Schwere zermalmen. Daß dies wahr sey, dafür rufen wir die Weltgeschichte als Zeugin auf. Sie schwört es bei den Trümmern von tausend untergegangenen [98] Reichen. Und mit den Thronen der falschen Herrscher werden zugleich einstürzen die Altäre der falschen Götter. Deren Priester werden den Himmel anrufen in ihrer Noth; aber der Herr wird ihnen antworten: Laßt ab, mich zu quälen! Habt ihr, trotz besserer eigener Erkenntniß, falschen Götzen gedient, so ruft diese an, daß sie euch helfen. Wahrheit über mich, seinen Gott, findet Jeder in seinem Herzen und in dem Allen aufgeschlagenen Buche meiner Schöpfung, und nur wer mir in der Wahrheit dient, ist mein Priester. Eure Lüge von mir hat die Menschen in’s Verderben gestürzt; eure Finsterniß hat sie elend gemacht. Jetzt komme das Licht, das euch erschreckt, um sie zu erretten, und die Wahrheit, vor der ihr zittert, um sie wieder glücklich zu machen.“ –
Also irrte der Gedanke meines Freundes, da er vor einigen Jahrzehenten von Hechingen aus, der kleinen Residenz eines kleinen Fürsten des deutschen Bundes, den Bergkegel hinan zur Wiege eines illustren Königsgeschlechts stieg. Sie, die Burg Hohenzollern, liegt auf der Spitze eines Kalkfelsens und war schon damals fast Ruine. Die Angeln der Thore waren gebrochen, Schutt füllte einen großen Theil der Gräben, wüstes Gemäuer und Giebelwände ohne Dach gruppirten sich chaotisch mit andern, nothdürftig erhaltenen Gebäuden, in welchen ein greiser Invalide, der das Amt des Kastellans versah, eine schöne, alte Kapelle, Säle und Räume zeigte, in denen es eine Sammlung verrosteter Waffen des Mittelalters und ein Paar staubige Familienbilder zu betrachten gab. Riesengroße Linden grünten im Schloßhofe und Gesträuch und Buschwerk rankte und wuchs fröhlich aus allen Spalten und Klüften des Gesteins. Er erstieg den Thurm. Da ist die Aussicht herrlich. Nach West und Nord ist die Gegend offen, und ungehemmt dringt das Auge über weite Länderstrecken mit Bergen, Thälern und hundert Ortschaften. Südwärts aber dehnt sich die Kette der schwäbischen Alb mit ihrem Waldmeer aus, und die tiefer im Hintergrunde liegenden Berge geben dem Bilde Fassung. –
Deutsche Adelsgeschlechter, deren Stammbaume tief in der Sagenzeit wurzeln, gibt es Legion; aber aus der Urne, in welche das Schicksal die Loose für Kronen legte, konnten nur wenige die großen Treffer ziehen. Die Habsburger und die Hohenzollern waren die glücklichsten. Jene hob die Gunst des Geschicks mit einem Male von ihrem bescheidenen Rittersitze auf den höchsten Thron der Welt; das Hohenzollern’sche Geschlecht hingegen hatte auf der langen Leiter vom Edelmann bis zum Beherrscher eines großen Reichs und Stimmgebers im Weltrathe keine Sprosse zu überspringen, und mit tiefem Interesse muß man die Stufenfolge von Ereignissen und Umständen betrachten, welche es zur hohen Stellung führten, die es jetzt einnimmt. – Seine älteste Ahnengeschichte verliert sich in Fabeln und Hypothesen. Ein Zollern (Thassilo), mit dem Grafentitel, erscheint urkundlich um 800. Dessen Sohn, Thanko, ein Mann von großen Eigenschaften, erweiterte die kleine Herrschaft, und unter seinen Söhnen und Enkeln trieb der Stamm schon in mehre Verzweigungen aus, die sich nach [99] den Burgen oder Gütern nannten, welche ihnen gehörten. Die Zollern spielten am kaiserlichen Hofe, im Rathe, oder im Feldlager häufig bedeutende Rollen, und dem Geschlecht erwuchs dadurch von dem Reichsoberhaupte manche außerordentliche Gunst, die ihm die Bahn zu größerer Macht brach. Gegen das Ende des 12ten Jahrhunderts wurde einem Zollern vom Kaiser die Reichsveste zu Nürnberg verliehen, und im Jahre 1200 damit die erbliche Würde eines Burggrafen verknüpft. Von dieser Zeit an theilte sich der Zollern’sche Stamm in zwei Hauptäste, den fränkischen, welcher fortan auf der Reichsburg Nürnberg seinen Sitz hatte, und den schwäbischen, der das Stammschloß mit seinen Gütern behielt. Dem fränkischen Hause ward 1273 die reichsfürstliche Würde verliehen und der zehnte Burggraf, Friedrich VI., hatte das Glück, die Statthalterschaft der Mark Brandenburg vom Kaiser zu erlangen, an welches folgenschwere Ereigniß sich die weiteren, glänzenden Fortschritte des Hauses gereiht haben. Das Burggrafenthum selbst wurde, mit des Kaisers Bewilligung, an Nürnberg veräußert und die Residenz nach Berlin verlegt. Schon 6 Jahre später kam die Mark mit der Kurwürde in seinen erblichen Besitz, und jeder der Nachfolger erweiterte Macht und Land, bis Preußens Königskrone das Zollern’sche Wappenschild schmückte, und Friedrich der Große es mit einem Glanz umgab, der ein ganzes Zeitalter verherrlicht hat.
Auch das schwäbische Haus der Zollern mehrte allmählich seine Besitzungen, theils durch die Gunst der Kaiser, theils durch Heirath und Kauf, und obschon um 1600 in die beiden Linien Hechingen und Siegmaringen gespalten, wurden die Grafen bei dem Einsturz des Reichs, auf Preußens Fürsprache, als souveraine Fürsten in den Rheinbund aufgenommen, während so viele andere reichsfürstlichen Geschlechter Süddeutschlands sich der Mediatisirung unterwerfen mußten. Was jene Linien damals erworben, behielten sie auch nach der Auflösung des Rheinbunds bei der Neuorganisation Deutschlands; sie bekamen am Bundestag Sitz und Stimme.
Die Zeichnung der Burg ist nach der Skizze eines Touristen geschehen und hat der Künstler sich dabei einige Freiheiten erlaubt, welche die Treue schmälern dürften. Als ich den Umstand bemerkte, war es zu spät, ihn zu verbessern. –
Und so scheide ich von der Wiege des mächtigsten Königsgeschlechts in meinem Vaterlande. Von dieser Ruine schlingt sich die lange Schicksalskette mit wunderbar zusammengefügten Gliedern hinan zu dem Throne, [100] von woher das Vaterland die Erfüllung mancher großen Hoffnung, mancher großen Zusage erwartet. – Preußens Gestirn ist ein aufsteigendes; Licht ist sein Element und sein Pfad. Wer aber im Lichte wandelt, kann nicht Blinde führen wollen, und wer die Wahrheit besitzt, der darf sie sehen lassen. Mit Dank wird Deutsches Volk die That empfangen, wie es mit Jubel die Zusagen empfangen hat, denn es sucht sie mit Begierde, und sie zu finden, ist sein heißester Wunsch und wäre sein größtes Glück. Wahrlich, das Königsgeschlecht der Hohenzollern hat einen beneidenswerthen Beruf. Nimmer soll es ihn verleugnen, nimmer den Nebeln der Zeit gestatten, daß es ihn unkenntlich mache, oder dem Auge des Volks entziehe. Zu Ende bringen in einem Tage kann es, wenn es mag, den langen Kampf des Irrthums mit der Wahrheit. Mag es nicht: – nun, so gestatte es doch den Beiden feierliches Gottesgericht! Keine Vertheidigung, kein Argument sey in diesem Wettkampfe aller Meinungen und aller Systeme versagt, und hervorgehen wird aus diesem Kampfe eine einmüthige und allgemeine Ueberzeugung, die rechte Mutter der Eintracht der Geister und der Herzen, der Fürsten und der Nation.
Hinter jeder Wiege liegt ein Grab. Auf Aufgang folgt Niedergang. Auch der Stern der Hohenzollern vollendet einen Kreislauf nach ewigen Gesetzen. Verfallen ist das Haus der Ahnen, verfallen wird das Haus der Enkel, bedünke es auch den Erben, es sey für die Ewigkeit gebaut. Aber was länger dauert, als das Geschlecht und sein Haus, sind zwei Blätter in der Weltgeschichte mit der Ueberschrift: Deutschland, Preußen. Ich möchte nimmer ein König seyn; aber wäre ich einer, so müßte in meiner Zeile jedes Wort von Thaten reden, von Großthaten, welche nach Jahrtausenden noch die Völker mit Festen feiern und gute Fürsten zur Nachahmung begeistern.
Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ L fehlt in Vorlage