Die Solfatra bei Neapel

CCCCLXXIII. Göksu oder das Thal der süssen Wasser bei Konstantinopel Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
CCCCLXXIV. Die Solfatra bei Neapel
CCCCLXXV. Lowther-Castle in Westmoreland
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DIE SOLFATERRA UND PUZZUOLI
bei Neapel

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CCCCLXXIV. Die Solfatra bei Neapel.




Die Geologie ist eine Wissenschaft von Gestern. Erst seit 50 Jahren setzt sie uns in den Stand, bei Betrachtung des Erdlebens aus der Sphäre der Einbildungskraft in die der Thatsachen zurückzukehren. Unterstützt von der Physik, und von den zahllosen, wichtigen Entdeckungen, welche in unserer Zeit in der Mineralogie, Chemie, fossilen Botanik und Zoologie gemacht wurden, geleitet und erleuchtet, sind wir im Stande, verständliche Urkunden aus dem Archive im Innern der Erde zu ziehen und Denkmäler zu entziffern, welche den Forschern vergangener Zeiten ein versiegeltes Buch waren. Die Wissenschaft hat dessen Schließen gesprengt; aufgeschlagen liegen sie, die Annalen über die Werke des allmächtigen Schöpfers; der Schlüssel zu den Hieroglyphen, welche von Gottes Finger selbst auf die Grundsteine der Gebirgsfesten und an die Wände unsers Planeten geschrieben wurden, ist gefunden.

Selbst die Chronologie in den Phasen des Erdlebens ist angebahnt worden und ihre relative Altersfolge ist durch die vorhandenen Monumente sicher nachgewiesen. Nur die Dauer der geologischen Epochen ist noch räthselhaft. Aber wie es der Geschichtsforschung nach und nach gelungen ist, aus den Denkmälern der Völker das Alter der Menschheit und ihrer Schicksale zu entziffern, so ist es gewiß auch den Geologen noch vorbehalten, die Zeiträume im Erdleben zu messen. Das Wie? ist freilich noch zu suchen. Anhaltspunkte dazu giebt die in unserm Gesichtskreis liegende Tagesgeschichte der Erde nicht; denn die Spanne Zeit, ein Paar Jahrtausende, ist zu kurz und der von ihr zu nehmende Maßstab ist viel zu klein für solche Messungen.

Unter den gegenwärtigen Lebensäußerungen der Erde machen sich die Vulkane und ihre Wirkungen am meisten bemerklich. Unzählig waren einst jene lodernden Feueressen auf der Erde, bis im Laufe der Aeonen die an ihren Heerden wirksam gewesenen Elementarkräfte ermatteten und sie erloschen bis auf die wenigen, deren Feuerbüschel die Nacht erleuchten.

Nach Afrika ist unser Welttheil an lebenden Vulkanen der ärmste. Die vulkanische Thätigkeit ist da zumeist auf zwei kleine Kreise in Italien beschränkt, von denen der Aetna den einen, der Vesuv den andern Mittelpunkt ausmacht. Die Esse des Vesuvs ist der jüngste von mehr als achtzig Schlöten, welche in längstvergangenen Zeiten ihre Flammen mit den Wolken mengten. Die ganze Gegend von Neapel ist nämlich angefüllt mit erloschenen [14] Feuerbergen, von denen nichts mehr als die eingestürzten Krater zu sehen sind, deren Boden jetzt häufig Seen enthalten. So sind der Albaner-, der Averner-See und der Spiegel der Diana bei Nemi bloße Kraterausfüllungen.

Auch die Solfatra (Solfaterra) gehört zur Reihe ehemaliger Vulkane, die Neapel umgeben. Der Krater derselben stürzte wahrscheinlich durch Erdbeben zusammen und bildete dann eine Decke über den Feuerheerd, der noch nicht ganz erloschen ist; denn die Solfatra, die Ebene nämlich, welche den Kraterrand umgibt, stößt durch unzählige Risse und Spalten fortwährend warme Schwefeldämpfe aus, und am äußeren Fuße des Kegels sprudeln heiße Quellen hervor. Jene Dünste werden an mehren Stellen aufgefangen und zur Alaun- und Schwefelbereitung, auch zu Gasbädern benutzt, welche in Hautkrankheiten sehr heilsam wirken sollen. Nahe bei einer der heißen Quellen, die Piscarelli genannt, ist eine tiefe Kluft; legt man an diese das Ohr, so hört man entsetzliches Brausen und Zischen, als wenn ein ganzer See koche, und von Zeit zu Zeit Geräusch, wie Geschützdonner: – wahrscheinlich Wirkung explodirender Gase. Es ist nicht zu zweifeln, daß unter der Solfatra der ungeheure Kessel sich befindet, dessen Dämpfe durch die Risse des Deckels das Freie suchen.

In diese unheimliche Gegend legten die Alten den Schauplatz mancher Mythe. Die ansiedelnden Griechen nannten die Solfatra die phlegräischen Felder (d. h. die flammenden) und versetzten unter dieselben die Werkstätte Vulkans. Herkules bestand hier den Kampf mit dem Riesen; eine nahe Grotte bewohnte eine weissagende Sibylle. Um den erstorbenen Stamm der heidnischen Sage rankte sich später die Passionsblume der christlichen Legende; – doch ein Anderer sammle ihre welken Blätter!