Lowther-Castle in Westmoreland

CCCCLXXIV. Die Solfatra bei Neapel Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
CCCCLXXV. Lowther-Castle in Westmoreland
CCCCLXXVI. Zürich
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LOWTHER-CASTLE

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CCCCLXXV. Lowther-Castle in Westmoreland.




Das Junkerthum ist die Fabel und der Spott der Zeit geworden. Die Thorheit des leeren Hochmuths auf adeliche Geburt, die Aufgeblasenheit hohler Eitelkeit, die anmaßliche Ueberschätzung blos konventioneller Vorzüge wecken unser Mitleid, und der Trödel äußerer Auszeichnung einer Kaste, welche im langweiligen Müßiggange der Höfe auferzogen ist, oder welche die höchsten Stellen, durch Privilegium, mit kahler, flacher, platter Gemeinheit, ohne Spur von rechter Würde, hoher Gesinnung und tüchtigem Geiste, einnimmt, erregt unsere Verachtung. Wo der Adel keine höhere Geltung ansprechen kann, als die, welche ihm Diplome, Hofkalender und Ordensverzeichnisse gewähren, da wird man ihn mit Recht als ein Aftergebilde, als ein widerliches Geschwür am Leibe der Zeit ansehen, daß, überreif, abgelöst zu werden verdient, damit das Ganze zur bessern Gesundheit erblühe. Solcher Adel stellt sich als ein innerer Feind des staatlichen Lebens dar; er ist ein Krankheitsstoff, die Ursache und zugleich das Zeichen des Siechthums. Er ist ein Unrecht, welches zu vernichten das Recht Beruf hat; er ist kein Band, sondern ein trennender, spaltender Keil zwischen Fürsten und Völkern, der herausgeworfen werden muß; er ist ein schädliches Element im Staatsleben, daß keine Gnade vor der Meinung findet.

Ehrwürdiger steht ein an Geist wie an Gütern reicher Adel da, der, eben so von der Gnade der Krone wie von der Gunst des Volks unabhängig, seine höchste Geltung durch persönliche Verdienste sucht. Einer Aristokratie, welche nicht blos Träger historischer Erinnerungen ist, sondern vielmehr Bewahrer der Ehre, des edeln Stolzes, der verständigen Würde und der unabhängigen Gesinnung in sicherem Selbstgefühl; einer Aristokratie, die, wie auf Besitz, so auf Tradition gegründet, unter dem Schirm freier Landesverfassungen, in ihrem Kreise von dem, was die Nation Ausgezeichnetes und Tüchtiges hat, ein reichliches Theil enthält; einer Aristokratie, welche erblichen Rang und Reichthum mit Fähigkeit und Willen zu allem Rechten, Großen und Gemeinnützigen paart; einer Aristokratie endlich, die es nicht unter ihrer Würde hält, durch Gewerbthätigkeit ihren Wohlstand zu vermehren und mit dem Bürgerstand den Wettlauf nach einem Ziele zu wagen: einem solchen Adel kann man sein gehöriges Maß von Ehre in allen Staaten gönnen.

England hat unter so vielen Vorzügen auch den, einen Adel zu besitzen, der seiner hohen Stellung, die ihm dort eingeräumt ist, seiner Mehrzahl nach nicht unwürdig ist. Er ist dabei unermeßlich reich. Um aber von [16] seinem Reichthum eine richtige Vorstellung zu gewinnen, muß man ihn auf seinen Landsitzen aufsuchen. Die Menge solcher, deren sich kein Monarch der Erde zu schämen brauchte, ist in der That staunenerregend und macht die fabelhaften Sagen vom Luxus der britischen Aristokratie zur Wahrheit. Wie die Großen der weltbeherrschenden Roma dereinst auf ihren Villen Alles vereinigt hatten, was Kunst und Pracht Bezauberndes und Schönes hervorbringen konnten, Alles, was Herrliches und Kostbares irgendwo aufzufinden war, so hat der britische Adel in seinen Schlössern Alles versammelt, was das Leben angenehm und genußreich zu machen und den gebildeten Geist zu befriedigen vermag. Nicht auf des Schwerdtes Spitze hat er die Schätze der Kunst in seine Heimath getragen, wie einst die Römer es gethan; er hat sie rechtlich erworben und von der übrigen Welt um sein Gold getauscht.

Die Grafschaft Westmoreland, eine Landschaft, die einem großen Parke gleicht, ist mit schönen Edelsitzen besonders gesegnet. Lowther-Castle ist unter allen die Perle. Es gehört der Familie Lowther, einer der begütertsten und einflußreichsten des Landes. Der Senior des Hauses, der an den Titel eines Grafen von Lonsdale die Pairswürde knüpft, hat daselbst seinen Wohnsitz.

Lowther-Castle war bis zum Jahre 1685 eine anspruchlose ritterliche Wohnung. Damals begann Viscount Lowther, zu jener Zeit Minister und Großsiegelbewahrer, die Anpflanzung des Parks. Er fand dazu auf seiner Besitzung günstiges Terrain: tiefe Thalschluchten und hohe Felswände, rauschende Waldbäche und stille Seen, Ruinen alter Burgen und Abteien, Höhen mit weiten Aussichten, grasreiche Thäler und heimliche Gründchen. Mit glücklichem, zartem Sinn für’s Schöne der Natur und mit großartigem Geiste machte er die schönste Parkanlage im nördlichen England daraus. Die Erbauung des Schlosses aber im gothischen Styl, dessen Ansicht und im Bilde erfreut, wurde vom Vater des jetzigen Besitzers im Jahre 1808 nach dem Plane und unter der Leitung des berühmten Architekten Smirke begonnen. Es ist mit einem Aufwand von fast 200,000 Pfund Sterling 1815 vollendet worden.

Das Schloß steht fast in der Mitte des Parks, der mehre Quadratmeilen umfaßt. Schon die Fahrt durch denselben gewährt hohen Genuß. Auf mit feinem Kies bestreuten und festgewalzten Wegen rollt sanft der Wagen durch Wald und Grund, bald einem See entlang, bald über aussichtreiche Hügel, bald an Felswänden weg, von denen plätschernde Caskaden durch das Grün des Laubes glitzern, oder an der Seite murmelnder und schäumender Bäche. Der Wald selbst bietet immerwährende Abwechselung. Bald ist er ein hochwipflicher Eidenhain, bald ein dunkles Buchengewölbe, bald ragen hundertjährige Tannen himmelan, bald zeigt er junge Dickichte, bald die dünnen Bestände schlanker, haarhäuptiger Birken, bald ist’s die dunkle Kiefer, welche freundliche Gründe und bunte Bergwiesen beschattet und besäumt. Auf jedem Grasfleck des Waldes [17] sieht man den edlen Dammhirsch weiden, in allen Büschen hüpft der scheue Rehbock und schwärmen Fasanen mit prächtigem Gefieder. Dann und wann öffnet sich der Wald zum kurzen Fernblick auf das Schloß; aber immer zeigt es sich nur theilweise, gleichsam um das Verlangen zu steigern, nicht es zu befriedigen.

Eine noble Auffahrt leitet zum Hügel, auf dem das Schloß steht. Ueber eine weite Fläche jenes saftigen, sammetnen Grases, das die englischen Landsitze überall umgibt und ein Produkt sorgfältiger Pflege ist, über jene Lawns hin, die mit Baumgruppen und kleinen Seen voller Schwäne und anderem Geflügel bestreut sind, rollt der Wagen zum Schloßplatze, wo sich der herrliche Bau vollständig entfaltet. Die Hauptfaçade hat eine Länge von nicht weniger als 500 Fuß. Aber diese ungeheure Steinmasse mit ihren Thürmen hat dennoch nichts Drückendes; die Schönheit und Harmonie der Verhältnisse, die Zierlichkeit, Reinheit und Mannichfaltigkeit der Dekorationen machen das Gebäude, im Widerspruch mit seiner Masse, so leicht. Je länger man es betrachtet, desto mehr Wohlgefallen erregt es.

Das Innere des Schlosses schwächt die Bewunderung nicht, die sein Aeußeres hervorrief. Durch das hohe Wappenthor tritt man in eine 60 Fuß lange und 30 Fuß tiefe zierlich-gewölbte Halle, deren Fenster bunte Malereien haben und an deren Wänden, in Nischen, ritterliche Rüstungen aufgestellt sind. Eine sehr breite, steinerne Treppe, mit künstlich gearbeitetem Geländer, führt hinauf in die obere Vestibüle, von der die mit Statuen und Waffen geschmückten Corridors zu beiden Seiten auszweigen. Alle Fußböden dieser äußern Räume sind, mosaikartig, aus kleinen Platten von buntem Marmor kunstreich gefügt. Der Korridor zur Rechten führt zu den Salons und Gemächern der Gräfin; auf der linken Seite sind die Wohnungen des Hausherrn, der große Speisesaal und die Bibliothek. Letztere enthält in vortrefflich geschnitzten eichenen Schränken Alles, was ein gebildeter Geist zum Studium oder zum Genuß wünschen mag. Zwei kleine Kabinets nebenan sind mit den gewähltesten Seltenheiten der Kunst angefüllt, ein drittes Zimmer enthält physikalische und chemische Apparate, und auf einem Thurme befindet sich ein Observatorium. Neben dem Speisesaal und dem großen Gesellschaftszimmer läuft ein Gewächshaus hin, durch Wände von Spiegelglas geschieden, so daß, während der Blick von der einen Seite in’s Freie geht und sich der heimathlichen Wälder und Bergformen erfreut, er im andern Augenblicke auf Palmen ruhen und die lachenden Kinder der exotischen Flora mustern kann. Die Möblirung der Zimmer ist dem Baustyl angemessen. Kostbare Hautelisse bekleidet die Wände, um alle Thüren und Fenster rankt und windet sich eichenes Schnitzwerk; die Decken sind von eingelegter Arbeit, die Möbels von Rosen- und Cedernholz kunstreich geschnitten und mit Stickereien in Seide und Sammet überdeckt; werthvolle Gemälde in alterthümlichen goldenen Rahmen hängen an allen Wänden. Manches Bild sieht man hier, das zu dem Besten der Malerei gehört; namentlich schöne Portraits von Vandyck und Reynolds.

[18] Ich sage nichts von den Gärten mit ihren Blumenterrassen, ihren Gewächshäusern, Laubenarkaden, springenden Wassern, Traubengeländern und Fruchtbäumen unter Glas; auch nichts von den prächtigen Marställen und den zierlichen Wohnungen der gräflichen Meute, die von goldbordirten Menschen bedient wird und einer sorgfältigeren Pflege genießt, als die Kinder in jedem Waisenhause. Nur die „Aviary“ laß mich noch erwähnen! Denke Dir weite Räume mit kleinen Weihern, Boskets und Grasplätzen, Alles mit dünnen Drahtgeflechten umgeben, in welchen man herum spazieren kann, und wo Dir auf jedem Tritt Kolibri’s und Paradiesvögel entgegenflattern und Du die buntgefiederten Papageien auf den Zweigen schaukeln siehst. Dir ist’s, als träumtest Du ein arabisches Mährchen, und doch ist’s Wirklichkeit.

Wäre dieses Feenschloß das einzige in England, so würde es als ein Wunderwerk gelten; aber es ist nur eins von den hunderten, in denen der englische Adel größere, gediegenere Pracht zur Schau stellt, als viele Könige thun können, und dabei die Annehmlichkeiten des stillen Privatlebens genießt. Wie doch die Zeiten sich geändert! Noch vor 400 Jahren wäre kein Monarch Englands im Stande gewesen, nur ein solches Schloß so herzustellen und auszustatten; jetzt führt’s der einfache Edelmann aus. Und wie lange wird’s dauern? so thut’s ihm der Fabrikherr nach, oder er thut’s ihm vielleicht zuvor. Dies ist keine Schattenseite der Zeit und wir dürfen uns derselben freuen.