Zürich (Meyer’s Universum)
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ZÜRICH
Auf dich haben das Aug’ die beschützenden Götter gewendet,
Liedergefeierte Stadt, Zier des schönsten Gefilds;
Immer verdiene den Schutz, damit du ihn sicher behaltest;
Immer gedenk’ des Berufs, Leuchte der Freiheit zu seyn.
Die Lage dieser heitern Stadt, hart an der grünlichen Limmat und an der Spitze eines Sees, der unter allen Schweizer Wasserbecken die meisten Reize an seinen Ufern vereinigt, im Schooße theils lachender und anmuthiger, theils wilder und abenteuerlicher Gebirgsformen, wird stets die Blicke des Reisenden festhalten, und hätte er ganz Europa durchzogen. Es ruht auf Zürich ein eigner Zauber. Nicht blos die Natur verleiht ihn; er wird auch durch das höhere Interesse der Humanität genährt, das sich an Zürichs Namen knüpft. Zwingli, Lavater, Geßner, Pestalozzi und viele andere hervorragende Geister, die der Menschheit als wohlthätige Gestirne leuchten, waren aus Zürich, oder fanden da ihren Wirkungskreis.
Zürich ist nicht groß. Eine hübschgebaute Stadt von 15,000 Einwohnern würde in manchem andern Lande kaum bemerkt werden; aber in der Schweiz nimmt sie den ersten Rang ein und steht selbst höher im Ansehen, als das größere Bern. Die Schweiz, der Republikenbund, kann keinen Centralpunkt des schweizerischen Lebens anerkennen; wo Alle gleich berechtigt sind, zugesteht man Keinem den Vorzug. Aber demungeachtet wird Niemand leugnen, daß sich in Zürich die größte Masse von schweizerischer Intelligenz und Bildung vereinigt findet, daß das schweizerische Leben hier seine größten Schlagadern hat, und Zürichs Einfluß auf den Gang der Angelegenheiten des Bundes, wenn auch kein leitender, doch ein sehr mächtiger ist. Zürich ist der rührigste Heerd für schweizerische Entwickelung und Fortschritte, was besonders in unserer Zeit sich dargethan. Nicht [20] minder entwickelt Zürich in kosmopolitischen und allgemeinen Beziehungen eine Regsamkeit und Geltung, die Erstaunen hervorbringt. Die kleine Stadt hat mehr Gesellschaften für philantropische und wissenschaftliche Disciplinen, als manche große Hauptstadt, und der Vereine für gelehrte Zwecke sind hier sogar mehr, als in München und in Petersburg. Bildung, Wissensdurst und Forschungseifer sind nicht das Gut einer Kaste, sondern aller Züricher; und der Handwerker und Fabrikant, der Gutsbesitzer und der Militär nehmen an den socialen und wissenschaftlichen Bewegungen eben so innigen und werkthätigen Antheil, als anderswo die Leute vom Fach, die Staatsmänner und die Gelehrten.
In einem Gemeinwesen, wie das Züricher, ist es natürlich, daß freie Bürger für ihre Gemächlichkeit wie für ihr politisches Wohl sorgen. Das kleine Zürich hat Hunderttausende auf die Verschönerung der Stadt und ihre Umgebung verwendet; noch größere Summen auf Werke des öffentlichen Nutzens und der Wohlthätigkeit. Wenn es irgend einem Zweck zur Erweiterung seiner intellektuellen Geltung, zur Vermehrung der Mittel für allgemeine Bildung gilt, so schont es keine Opfer, und kein Aufwand ist ihm zu groß. Selbst die enormen Kosten einer Universität hat das kleine Gemeinwesen zusammengebracht und die Zierden der Wissenschaften aus vielen Ländern zu ihren Lehrern berufen. Schönlein, Oken lehrten oder lehren noch auf der Züricher Hochschule.
An einer Monarchie können ein stehendes Heer, ein glänzender Hof, tausend Ausgaben einer nie befriedigten Phantasie, oder einer noch kostbarern, eitlen Ueppigkeit die Schätze verarmender Länder erschöpfen, ohne Etwas zum Glücke der Unterthanen beizutragen. Mit dem Bache, welcher die Auen des Landmanns tränkte und dem nun geheißen wird, aus der Schaale eines marmornen Flußgottes zu plätschern, oder aus den Rachen von Delphinen zu springen und die Luft zu erfrischen: mit diesem Bache wird das Mark einer Provinz in einen Fürstengarten geleitet; oder eine Festung, ein Zeughaus, eine Kaserne fressen Millionen, die man durch tausenderlei Preßmaschinen und Saugpumpen einem Lande zu entziehen weiß. Nicht so in diesen kleinen Republiken, wo ein jeder Bürger seinen Antheil am Regiment hat. Da sind die Abgaben gering, fast unfühlbar; der Staat aber ist dennoch reich. Den Züricher Staat kräftigt eine weise Oekonomie und seine Finanzen waren von jeher geordnet und blühend. Alle öffentlichen Anstalten und Gebäude bezeugen dies; sie sind der Würde eines edlen Freistaats angemessen. Sein größtes Lob aber ist der allgemeine Wohlstand unter seinen Bürgern. Man sieht keinen Bettler und die verhältnißmäßig wenigen Armen sind durch mildthätige Anstalten reichlich bedacht.
Der Staat besitzt einige Domainen, deren Ertrag durch die geringen Abgaben vergrößert wird, welche auf dem Eigenthum haften. Die Hauptsteuer ruht auf demjenigen Besitz, welcher in vielen monarchischen Staaten am [21] wenigsten besteuert ist, auf dem Kapital nämlich, welches in Handel und Gewerben eine nutzbare Anlage findet. Von jedem tausend Franken seines Betriebskapitals zahlt der Kaufmann, der Bankier, der Fabrikant jährlich eine gewisse Rate. Diese Abgabe trägt eine hübsche Summe ein, ein Beweis, wie vermögend die Bürger sind und wie bedeutend Industrie und Verkehr sich hier entfalten. Immerhin werden in monarchischen Staaten die Züricher Staatseinkünfte klein erscheinen; sie sind jedoch mehr als hinreichend in einem Lande, dessen öffentliche Diener keinen Gehalt nehmen, welches keine Soldaten unterhält und dennoch über vierzig tausend geübte und gewaffnete Krieger, also ungefähr den fünften Theil des Heers der ganzen Eidgenossenschaft, binnen 24 Stunden in’s Feld stellen kann. Das Züricher Zeughaus enthält Rüstzeug für 50,000 Mann. Knaben werden hier schon mit den Waffen vertraut. Sonntag Nachmittags übt sich in jedem Orte des Kantons die junge Mannschaft. Keiner darf heirathen, bevor er Montirung, Gepäck und Gewehr, von prüfungsbeständiger Beschaffenheit, und das Zeugniß der Reife im Waffendienst aufweisen kann. Die Schützenvereine (jedes Dorf hat welche) geben der Schweiz erfahrene, geübte Schützen, die ihr Ziel auch im ernsten Spiel des Kriegs nie verfehlen. Eine solche Wehrverfassung, ein Land, das zur Vertheidigung geschickt ist, und der Stolz der Freiheit machen die Schweiz gefürchtet und sichern ihre Unabhängigkeit inmitten übermächtiger Nachbarn. Die Schweizer Republik ist im europäischen Konzerte ein Mißton; sie wäre längst geopfert, wäre die Furcht vor ihr nicht größer, als die Unbequemlichkeit.
Man gibt sich viele Mühe, die so häufig vorkommenden Raufhändel der Schweizer der übrigen Welt als Beweise hinzustellen, daß die republikanische Regierungsform die untauglichste und unbequemste sey. Bei alten Weibern und Spießbürgern, welche in Volksbewegungen nichts sehen, als beunruhigende und erschreckende Straßentumulte, kostspieliges Fenstereinschlagen und gefährliches Kopfabhacken, bei diesen mag das Gerede fruchten. Der Mann aber, dem das Herz warm und der Kopf klar sind, denkt anders. Er preist die Schweiz mit allen ihren Gebrechen glücklich. Warum sollte er es nicht? Wenn ausgetretene Wasser die Felder und Saaten eines Landmanns überschwemmen, wenn stürzende Lawinen einen Häusler mit Weib und Kind erschlagen: ist es darum die Schuld des Frühlings und ist darum dem Frühling zu fluchen? Ist’s nicht vielmehr die Schuld des Winters, der die Ströme in ihrem Laufe gehemmt und Eis auf Eis gehäuft hat? Ist aber deshalb ein ewiger, unveränderlicher Winter mit seiner Stabilität und dem stillen, ruhigen Gang der Dinge dem belebenden Frühling vorzuziehen?
Wen erquickt das rührige Bild des Schweizerlebens, trotz der Raufereien, nicht mehr, als eine stille, russische Winterruhe, oder das Maschinen-Getriebe der Ordnung in despotisch beherrschten Ländern? Ich finde Harmonie in jener rüstigen, herausfordernden Beweglichkeit des schweizerischen Lebens mit dem Schweizerlande. Eine erhabene Natur im Kampfe gegen den Trotz der Menschen und von diesen besiegt; Krieg der Elemente in den Abgründen, [22] wo Sturzbäche wüthen; Krieg in den Wolken, wo der Adler wohnt; warum nicht auch fauststarke Meinungen, die sich einander bekämpfen? Ich gewahre keinen Widerspruch. Ohne diese Streitlust, die am Ende nichts ist, als ein ächt-germanisches Erbe, hätte ja die abgefeimte, ränkevolle Diplomatie des einfachen Hirtenvolks Kindersinn längst umstrickt und gefangen, und die schweizerische Freiheit wäre schon lange zum Fratzenbild geworden, des Verhöhnens werth. Wir haben Freiheit genug auf der Eselsbank sitzen; daß die schweizerische auf derselben fehlt, ist ein Glück, nicht blos für die Schweiz, sondern auch für die Welt. –