Lüttich und Seraing
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LÜTTICH IN BELGIEN
Alte und neue Zeit gleichen sich wie Ruhe und Bewegung. Alles ist in’s Treiben gekommen: Religion und Wissenschaft, Herrschaft und Eigenthum, Ideen und Meinungen, Handel und Gewerbe. Nichts ist mehr beständig, als eben die Unbeständigkeit. – So viele Jahrtausende hüteten die Priester sorgfältig das Geheimniß der Gottheit: doch ist die Offenbarung nicht ausgeblieben, und immer allgemeiner verbreitet sich die Einsicht, daß jede Blume, jeder Thautropfen das Wesen der Gottheit entschleiere, jede Lerche von ihr predige und jedes Herz ein Tempel des Herrn seyn könne, in dessen Allerheiligstes der Mensch eingehen dürfe ohne Mittler in Stola. – Jahrtausende machte man auch aus dem Regieren ein Geheimniß, und vom Minister an bis zum Kanzlisten herab glaubte jeder Theilhaber an der Herrschaft, es sey nothwendig für Staat und Völker. Possen! Jetzt sieht man die Regierungsmaschinen unter Glasgehäusen stehen; Jeder, der mag, tritt hinzu, beobachtet den Rädergang und gibt sein Urtheil. – Als Gutenberg das erste gedruckte Blatt aus der Presse nahm, rief die Gewalt ihr „Kreuzige!“ über sie und schlug sie in Fesseln. Was hat es geholfen? Die Hand der Zeit scheuerte, nagte, rostete an den Ketten unaufhörlich, und so Viele auch hämmern, um die zerbrochenen Gelenke wieder festzunieten und wieder zu vereinigen, so wird sie doch in ihren Bewegungen allmählich ungezwungener, und sie gewinnt sich die Freiheit, noch ehe man sie ihr gesetzlich zuspricht. Aber auch die gesetzliche Emancipation kann ihr nicht lange mehr vorenthalten werden. Der Tag, der große Tag der Weltgeschichte, welcher den gesitteten Völkern das schriftliche Wort frei gibt: er kömmt unaufhaltsam heraufgestiegen, und Nacht wird’s nicht wieder, wenn auch alle Eulen flatterten und alle Lichtscheuen die Augen schlössen. – Jahrhunderte lang hatte eine falsche, selbstsüchtige, hinterlistige
[5] Politik die Völker in Haß gegen einander aufgezogen. Durch diesen Haß machte man sie zu blinden Werkzeugen der Mächtigen, er ward die Mutter von Mord und Raub und Diebstahl im Großen, von Dem, was in der Sprache der Könige Krieg und Eroberung heißt. Die Erkenntniß, welche die Zeit gebracht hat, nahm von den Völkeraugen die farbigen Gläser weg, welche die Schlauheit der Regierenden ihnen vorgeschoben hatte, damit kein Volk das andere in seiner wahren Gestalt sähe, und friedlich und einig schießen nun die Nationen wie Weberschiffchen in einander, und viele Reiche und ganze Welttheile webt der gemeinschaftliche Vortheil zusammen. Die Nationalgefühle kräftigen sich nicht nur, sie veredeln sich auch; sie sind sittlich geworden, und während sie sonst herausfordernd und aggressiv waren, wollen sie jetzt nur die Abweisung des Unrechts. Ein Eroberer, ein Napoleon, wäre heut zu Tage eine platte Unmöglichkeit.
Noch einflußreicher äußert sich der Umschwung in den Verhältnissen des Handels und der Gewerbe. Jahrhunderte lang waren die bürgerlichen Gewerbe in enge Schranken eingeschlossen. Jedes Handwerk stand festgewurzelt in der Gesellschaft, wie ein Baum, der von Geschlecht zu Geschlecht einerlei Früchte trägt. Staats- und Zunfteinrichtungen halfen einander, um dem Geiste des Handwerkers die Flügel zu beschneiden, damit er sich nicht über den Boden der Niedrigkeit und Geringschätzung erheben könne. Seine Bahn war lang und eng. Wer in derselben durch Zufall oder Gunst voran war, der konnte nicht überholt werden; Wetteifer war ein Unding. Da hat die Zeit dem hinfälligen, morschen Handwerksthum, unter dessen löcherigem Schirm es Niemandem mehr recht behagen wollte, einen Todesengel gesendet, daß er die Erde schneller von ihm befreie; die Industrie ist gekommen, aufbauend mit der einen Hand, zerstörend mit der andern, Schrecken, Haß und Trauer aussäend unter die Schaaren, welche zu den alten Fahnen stehen, während sie den Völkern, die sie liebkosen, ihr Füllhorn reicht, und von ihnen gepriesen ist als der Stolz der Gegenwart. Der negative Theil ihres Waltens hat, es ist nicht zu leugnen, allerdings etwas Dämonisches. Er hat Millionen das letzte Stückchen Brod ohne Erbarmen aus dem Munde genommen, wird noch andern Millionen den letzten Pfennig und die letzte Hoffnung rauben, lähmt Tausenden und aber Tausenden die Hände und verdammt sie zum Müssiggange und zum Hunger. Ihn, den Handwerkerstand, trifft ein schweres Verhängniß; aber das Naturgesetz will es; es ist unvermeidlich. Damit die Lebenden Platz finden, müssen die Todten begraben werden. Jede Gegenwart wandelt auf den Grüften der Vergangenheit, und es wäre Thorheit, darum der Gegenwart zu fluchen.
Die Industrie ist eine rechte Tochter des Jahrhunderts. Was das Handwerk unterdrückte, hat sie wieder aufgerichtet. Sie hat den Menschen, namentlich den begabten Menschen bürgerlicher Stände, die lange verschlossen gewesenen Laufbahnen geöffnet; sie macht es ihnen möglich, ihre Geisteskräfte und Talente in größerer Freiheit nützlich zu gebrauchen und zu einer Geltung zu bringen, die sie vorher niemals gehabt haben. [6] Sie hat den Geist wieder der Arbeit vermählt, der durch das Zunftwesen von dieser gewichen war; sie hat gleichsam die Arbeit geadelt und durch sie ist ihr Einfluß größer als jemals geworden, sowohl auf das Glück der Individuen, als auf das Wohlseyn der Nationen.
„Die Arbeit ziemt und ziert den ächten Mann,
Was er im Geist erschafft, formt seine Hand;
Und während er mit strengem Fleiß begründet
Sein eignes Glück, beglückt er Land und Volk.“
Allerdings arbeitet jeder Industrielle zunächst nur für sich und die Seinigen: denn dazu treibt ihn seine menschliche Natur, die Nothwendigkeit, das ihm innewohnende Gefühl. Der Einzelne ist aber auch ein Theil des Ganzen und er wird auf dieses Ganze Einfluß üben, er mag wollen oder nicht, er mag eine Vorstellung davon haben, oder sie entbehren. Er kann der Wirkung nicht entgehen, nicht einmal durch seinen Tod. Darum hilft jeder rechte Industriemann, selbst wenn er nur für sich zu sorgen glaubt, die neue Zeit hervorrufen, die im unendlich raschen Wechsel aller Zustände ihren eigentlichen Charakter offenbart. Dieser Wechsel geht fort, ohne Wiederholung, ohne sichtbares Endziel. Er gleicht dem Gang des Menschengeschlechts, dem Gang der Erde, dem Gang der Gestirne. Wie die Erde in alle Ewigkeit nicht zweimal an den nämlichen Ort im Weltraum wiederkehren kann, so wenig wird irgend eine spätere Zukunft Zustände zurückführen, welche vergangen sind.
Der Baum der alten Gewerbe grünt nie wieder. Jede Anstrengung, ihn zu erhalten, ist Unvernunft und gegen den Gang der Zeit gerichtet, den, ungezüchtigt, Niemand aufzuhalten strebt. Was soll der dürre Stumpf im grünen Garten unserer Gegenwart? Die Axt daran, daß er wegkomme, der das Auge beleidigt, damit nicht seine Verwesung die Luft verderbe!
Keine menschliche Macht hält die Entfaltung der Industrie auf; denn sie selbst ist eine höhere, weit stärkere Macht geworden, als die Macht der Könige. Es ist dahin gekommen, daß kein Staat es nur wagen darf, feindlich gegen sie aufzutreten. Ein solches Experiment hatte schlimmere Folgen, als der unglücklichste Krieg, als der Verlust von hundert Schlachten, als Pest und Hungersnoth. Alle Selbstständigkeit wäre verloren, alles Gedeihen und innere Leben dahin: denn der industriöse Staat saugt dem trägen ohne Umstände das Leben aus, bis er, entkräftet, hinstirbt.
Es wird dies von allen Regierungen erkannt, die auf der Linie der Zeit stehen. Ist einerseits keine aufgeklärte Nation mehr gewillt, sich für die Leidenschaften der Fürsten, für deren Habsucht und Ländergier, deren Stolz oder Rachsucht zu opfern, andere Nationen todtzuschlagen, oder sich todtschlagen zu lassen, wie in der [7] dummen Zeit von gestern; so sind anderseits auch die Fürsten menschlicher und klüger geworden, und ihr Ehrgeiz sucht Bahnen auf, die nicht blos über Todtenhügel und blutgetränkte Felder führen. Wenn sie jetzt streiten an der Spitze ihrer Völker, so sind Zollpositionen ihre festen Stellungen, der Tarif ist ihr Schlachtfeld, Zollcongresse schließen die Bündnisse und vereinigen die Interessen, Handelstraktate setzen ihre Diplomatie in Bewegung. Die Industrie und ihre Verhältnisse sind die Arena, in welcher Fürsten und Völker unblutige Kämpfe führen.
In solchem Kriege war ehedem England stets alleiniger Sieger, und darum ward es so groß. Aber das Geheimniß seiner Motive, seiner Ziele und seiner Kriegskunst ist längst verrathen; in verlorenen Feldzügen haben auch andere Völker Taktik gelernt, und der Sieg hat aufgehört, ein britische Monopol zu seyn. Großbritanniens Industrie führt auf dem europäischen Continente nicht mehr ein monarchisches Zepter. Alle Tage verliert es eine Provinz, alle Tage verengert sich der Kreis seiner Herrschaft, jedes Jahr ist mit Niederlagen und Verlusten bezeichnet. Sieg ermuthigt die Sieger zu neuen Siegen. Das continentale Europa wird nicht eher innehalten in diesem Kampfe, als bis es das Joch der englischen Industrie gänzlich abgeschüttelt hat. Industrielle Unabhängigkeit von England ist das Losungswort des Continents geworden, und selbst die am längsten unterdrückten, am vollkommensten ausgesaugten Staaten nehmen es auf und rüsten sich zum Widerstande.
Am erfolgreichsten haben bis jetzt Frankreich und Belgien gestritten. Belgien zu allermeist. Dies kleine Land, das nur halb so groß als Bayern ist, hat sich, von einem weisen und guten Könige geleitet, binnen 3 Jahrzehnten zum industriereichsten Staate auf dem festen Lande erhoben und sich den Namen „Kleinbritannien“ verdient.
Unter den Elementen der belgischen Industrie sind die des Mineralreichs die wichtigsten; – Steinkohlen und Eisen stehen oben an. Belgien verarbeitet 85 Millionen Centner Steinkohlen jährlich, die es in seinen drei großen Kohlenbecken bei Mons, Charleroi und Lüttich gewinnt. Die belgische Steinkohlenablagerung streicht als ein fünf bis zehn Meilen breiter Streifen von der französischen Grenze gegen die Kohlenbecken des Niederrheins und Westphalens hin, und steht mit diesen wahrscheinlich in Verbindung. Das reichste Kohlenbecken ist das von Mons, welches hundert und dreißig Steinkohlenflötze über einander gelagert enthält; nach ihm folgt das von Lüttich. Es soll über 80 Flötze enthalten, von welchen 64 bauwürdig sind, die zum Theil eine Mächtigkeit von 6 Fuß erreichen. Die größte Tiefe, in welcher hier gebaut wird, ist 1000 Fuß. In geringer Entfernung von den Kohlendistrikten hat die gütige, vorsorgende Hand des Schöpfers unermeßliche Schätze von Eisenerz in dem Schooße der Erde verborgen: so bei Charleroi, bei Namur, bei Lüttich. In diesen Städten wiegt die Eisenfabrikation so sehr über, daß fast alle übrigen Gewerbe mittelbar oder direkt mit ihr in Beziehung, oder in Abhängigkeit treten.
[8] Am meisten in Lüttich. Schon aus weiter Ferne kündigt sich diese große Stadt als eine Residenz des Vulkans an. Hunderte von thurmhohen Essen stoßen Rauchsäulen aus, welche eine schwarze Dunstwolke tragen, unter welcher die Stadt wie unter einem Thronhimmel liegt. Weit im Kreise ragen die Hohöfen, Riesenaltären gleich, von deren Zinnen Opferflammen lodern: ein zur Nachtzeit überaus herrlicher, wunderbarer Anblick!
Das Innere Lüttichs täuscht die Vorstellung nicht, welche sein Aeußeres gibt. Massive, hohe, von Rauch geschwärzte Häuser; enge, unregelmäßige Straßen; eine arbeitsrüstige, breitschulterige, grobknochige, rußige, geschäftige Bevölkerung; überall lodernde, prasselnde Essenfeuer, Gestöhne der Dampfmaschinen, Pochen der Hämmer; überall metallenes Gut, da auf-, dort abladend; rasselnde Wagen mit Eisenstäben und hochgethürmte Kohlenfuhren auf allen Straßen. Architektonische Schönheit sieht man wenig; dann und wann einen mittelalterlichen Palast, eine gothische Kirche; zuweilen ein modernes Prachtgebäude, die Wohnung eines reichen Fabrikherrn: das Ganze aber ist ein Bild voller Leben und Eigenthümlichkeit, und es entbehrt nicht jene Behaglichkeit, welche dem Fleiß und der Arbeit im Gefolge gehen.
Lüttich liefert jährlich etwa 160,000 Gewehre, die nach allen Welttheilen verfahren werden; denn selbst die britischen Fabriken können mit den Lüttichern nicht Preis halten. Es gibt Gewehrfabriken, welche über 1000 Arbeiter beschäftigen.
Die Einwohnerzahl Lüttich’s ist in Zunahme und gegenwärtig etwa 65,000. Im Mittelalter war es noch viel volkreicher; im 14ten Jahrhundert stellte es 24,000 Bürger vollständig gerüstet in’s Feld. Fehde und Arbeit theilten damals die Zeit der Lütticher: bald hatten sie Streit mit ihrem Bischof, bald mit den benachbarten Städten, bald mit den Fürsten Burgunds, und ihre Kriegslust und Tapferkeit machte sie zu überall gefürchteten Feinden. Aber aus diesem Hang zur Rauferei erwuchs ihnen am Ende des 15ten Jahrhunderts Verderben. Die verbündeten Könige von Burgund und Schottland belagerten, um den Mord eines Lütticher Fürstbischofs, Ludwigs von Bourbon, zu rächen, 1486 die Stadt, und nach einer langen, heldenmüthigen Gegenwehr nahmen sie den vom Hunger bedrängten Ort an einem Sonntage durch Sturm ein. Was an wehrhaften Einwohnern übrig war, wurde erschlagen, die Stadt sechstägiger Plünderung und allen denkbaren Gräueln der rohen, würglustigen Kriegshorden preisgegeben, dann an 100 Ecken zugleich angezündet und der Erde gleichgemacht. Carthago’s Schicksal war nicht schrecklicher als das seinige. Bloß einige Klöster, deren Erhaltung die gekrönten Würgengel aus Frömmelei und bei Todesstrafe geboten hatten, blieben auf der Trümmerstätte stehen. Wie aber aus der Wurzel einer vom Sturme zerschmetterten Eiche wieder Schößlinge treiben, so wuchsen im Laufe der Jahre wieder die Straßen aus dem Schutte heraus, und wenn auch der Glanz der früheren Tage noch nicht ganz wiederkommen konnte, so ist doch die Stadt eine der blühendsten des Landes. –
[9] Etwa eine Meile von Lüttich, hart am Ufer der Maas und am Rande eines schönen Parks, liegt ein altes Schloß bei einem unabsehlichen Mauerviereck, aus dem eine Menge schlanker Thürme, wie die Minarets einer Stadt des Orients, hervorschauen. Es ist Seraing, das weltberühmte Etablissement John Cockerill’s.
Man hat Seraing das Eskurial der Industrie genannt. Es ist in der That an Umfang noch größer, als jenes berühmte Gebäude der Faulheit, obschon es nichts von der verschwenderischen Pracht verräth, die da übel angebracht seyn würde, wo nur Zweckmäßigkeit gesucht wird und schicklich ist. Dem ursprünglichen Plane nach würde Seraing eine Bevölkerung von etwa 4000 Personen fassen können, die Familien der verheiratheten Arbeiter eingerechnet. Gegenwärtig, und seit ihm die Pflege seines Schöpfers entzogen ist, hat das Etablissement etwa 900 Werkleute, und in den dazu gehörenden Steinkohlen- und Eisengruben fahren 3 bis 400 Bergknappen an. Cockerill’s Idee war, in Seraing die Eisenfabrikation, von der Erzgewinnung an bis zu ihren höchsten Stufen und Veredlungsgraden, auf das Großartigste und Zweckmäßigste zu vereinigen. Es sind drei Hohöfen hier und im Stande, wöchentlich 3500 Centner Roheisen zu liefern, welches alle Arbeitsprozesse bis zur fertigen Locomotive durchläuft. Seraing sollte jährlich für 4 Millionen Franken Waare produziren und sich binnen 9 Jahren bezahlt machen. Jetzt fertigt es für etwa eine Million Franken jährlich, meistens Maschinen und Schienen für die Eisenbahnen. Das Roheisen wird theils in einer sehr großen Zahl von Puddlings- und Schweißöfen und auf Hämmern und Walzwerken zu Stabeisen umgewandelt, um als solches weiter verarbeitet zu werden, oder es wird, in Kupolöfen umgeschmolzen, zum Guß der Maschinentheile verwendet. Ungeheuer große, feuerfest-gewölbte Räume nehmen die Gelb- und Rothgießereien und die Schmieden ein. Alle ersinnlichen Vorrichtungen zum Maschinenbau sind hier aufgestellt: z. B. eine Menge Bohrmaschinen, Drehbänke, Metallhobelmaschinen etc. etc. von jeder Größe. Eisenbahnen machen alle Kommunikation schnell und leicht, und unzählige Krahnen tragen die schwersten Massen geräuschlos und ohne Anstrengung von einer Arbeiterhand zur andern. Fünfundzwanzig Dampfmaschinen strecken ihre Arme durch die ganze Anlage, und wenn Alles gleichzeitig in Thätigkeit ist, verzehrt sie die Kraft von 1200 Pferden und etwa 2500 Menschen. Disciplin und Ordnung führen überall das Ruder, und die größte Reinlichkeit geht mit ihnen Hand in Hand. Alle Maschinen glänzen so neu, als kämen sie eben fertig aus der Werkstätte. Gegenwärtig werden hier nur große Maschinen, vorzüglich Dampfmaschinen aller Art, Lokomotiven für Eisenbahnen und eiserne Dampfschiffe gemacht, letztere von vorzüglicher Leichtigkeit und Dauer. Nichts aber gibt einen anschaulicheren Begriff von der enormen Masse von Maschinen jeder Art, welche aus diesem Etablissement hervorgegangen sind, als die Magazine für die Modelle. Sie allein füllen den größten Theil des Schlosses und mehre Nebengebäude an. Ein großer Saal dient z. B. blos zur Bewahrung der Formen gezähnter Räder; alle sind nach ihren Dimensionen schön geordnet und mit fortlaufenden [10] Numern versehen. Die Modellschreinerei und die Förmerei nehmen fünf Ateliers von 200 Fuß Länge ein, und es sind stets 30 biS 40 Tischler, Förmer etc. etc. daselbst in Thätigkeit. Geschickte Arbeiter verdienen sich in Seraing wöchentlich 30 bis 40 Franken; geringe werden hingegen nur mit 9 bis 12 Franken bezahlt. Als Zweigetablissement ist die große Cockerill’sche Maschinenfabrik in Lüttich selbst zu betrachten, wo blos feinere Maschinen, meistens für die Spinnfabriken, gefertigt werden. Hauptabsatzwege der hiesigen Produkte sind, außer Belgien, Deutschland, Italien, Rußland, Süd- und Nordamerika. Den Ruf der Solidität hat Seraing auch nach dem Tode seines Gründers ungeschmälert behauptet.
Noch ist kein Lustrum über die Gruft desselben gegangen, noch ist das Herz nicht Asche geworden, das für alles Hohe und Große so lebendig schlug. Ueber einer Pforte liest man in einem Kranze von Sternen: John Cockerill. Nicht die bezahlte Hand des Steinmetzen hat sie eingemeißelt, sondern die Liebe und Verehrung seiner Arbeiter, als sie von seinem Tode im fernen Lande hörten. Um die stille Mitternacht, so geht die Sage, schreitet der Geist des großen Werkmeisters über die Höfe, und wenn er an die Pforte kommt, bleibt er stehen und sieht hinan mit dankendem Blick auf das bescheidene Denkmal freier Zuneigung. So erzählen seine Arbeiter, und die Sage ehrt sie, wie den Geschiedenen.
Der Lebenslauf Cockerill’s läßt sich mit wenigen Worten andeuten. Es war ein Brite und arm; er hatte nichts, als sein Genie und das Geschick seiner Hand. Dabei war er unstät, es war für ihn kein Bleiben. Wie ein Komet schweifte er umher; als Maschinenbauer wanderte er von einer Werkstatt in die andere, befahl, und gehorchte selten, that, was er wollte. Da kamen die männlichen Jahre und mit ihnen der Drang, selbstständig zu schaffen und zu wirken. Der redliche, kenntnißreiche, geniale Mann fand Vertrauen, Glauben, Unterstützung. Er gründete ein Etablissement für Maschinenbau in Belgien und brachte es mit Adlerschwingen empor. Bald vermochte er Großes und immer Größeres daran zu knüpfen. Die Geister Boultons und Arkwrights schienen in ihm vereinigt, die glücklichste Combinationsgabe half ihm bei Allem, was er unternahm. Sein Genie gab der belgischen Industrie ein neues Gepräge, es gab der Industrie überall, wo es wirkte, eine höhere Würdigung und Geltung. Sein Weltbürgersinn wies seiner Thätigkeit den Erdkreis an: Land und Volk waren ihm gleich; Entfernungen galten ihm wenig: entdeckte er irgendwo einen Keim zu einer großen Industrie, seiner Wartung werth, so pflegte er ihn und zog ihn auf, ganz unbekümmert, wo es war, und sich selten mehr bedingend, als das Laissez faire! Er schmolz Kupfer am Nordkap, Eisen in Dalmatien; er spann in Berlin, in Cottbus; er bauete Maschinen in Frankreich, Italien, und unterhielt Etablissements in Aachen und drei belgischen Städten zugleich. Katastrophen in Menge kamen über ihn; Stürme, Gewitter ohne Zahl: er überstand sie ungebeugt. Immer schritt er an der Spitze der industriellen Ideen voran, bald anregend, bald steuernd. Der rasche Wechsel in den Arbeitsprozessen [11] verursachte, daß manche seiner Unternehmungen gleichsam schon während des Entstehens veralteten; in solchen Fällen besann er sich nie lange, er gab auf, sobald die Gewährschaft für ihre Dauer verloren war. Mehrmals richtete er Neues auf und legte es kaltblütig wieder ein, ehe es werkthätig wurde. Kein Fehlerfolg erschütterte, keiner schreckte, keiner entmuthigte ihn. Seine in so vielen Richtungen schaffende, erwerbende Thätigkeit spielte gleichsam mit dem Unglück und spottete den Wechseln merkantiler Erfolge. Es war kein Geheimniß, daß er vielmals Hunderttausende verlor; dennoch erwarb er Millionen. Da kamen die Tage, wo der Körper den Geist zu zügeln anfängt, und wo der Mann so gern sich einen Plan macht zur Ausfüllung für die übrige Lebenszeit, die hinter der Gegenwart liegt: – der Plan zu Seraing wurde geboren. Ein in sich harmonisch ausgebildeter Geist spiegelte sich darin, ein Riesengeist, und ein Riesenwerk sollte es werden. Bei Lüttich, in der Nachbarschaft der reichsten Kohlen- und Eisenlagerstätten, lag ein altes Schloß mit einem Park, Seraing, die einstige Residenz der Fürstbischöfe Lüttichs: – er kaufte die Besitzung, kaufte noch Land und Wald dazu, fing an, eine Stadt zu bauen für seine Arbeiter und Werkstätten, und während auf seinen Wink über der Erde tausende von Bauhandwerkern schanzten, setzte er hunderte von Bergknappen zu seinen unterirdischen Bauten in Bewegung. Drei Millionen hat er in seine Bergwerke gegraben, aus denen er die Elemente der überirdischen Industrie zu ziehen sich vorsetzte; neun andere Millionen hat ihm Seraing gekostet. Cockerill, der Millionär, borgte noch unbedenklich Millionen, um sein großes Vorhaben durchzuführen. Schon war das Werk gelungen, fertig, produktiv, ein Wunder für Alle, die es sahen. 2000 Arbeitsleute schufen in den unzähligen Ateliers nach seinem Willen; wie ein Fürst stand er unter ihnen, wie ein Vater war er geliebt von ihnen; dem ganzen Lande war er ein Wohlthäter durch sein Wirken und noch mehr durch sein Beispiel: sein König schätzte ihn höher als einen Fürsten und von der Welt war er höher geachtet als Könige: – da fuhr ein Blitz aus blauem Himmel herab – die belgische Bank, das Institut, dessen Credit Cockerill zum Belauf von mehren Millionen benutzt hatte, stürzte. – Cockerill war im kritischen Augenblicke in Norwegen mit seinen Kupfergruben beschäftigt: als er zurückkam, war die Fluth nicht mehr zu gewältigen. Er rief seinen König um Hülfe an; doch – konnte oder wollte dieser nicht helfen? – König Leopold ließ den ersten Mann seines Reichs fallen. Cockerill mußte mit einem Vermögen von sieben Millionen seine Zahlungen einstellen und alle seine Anstalten und Schöpfungen den Gläubigern zur Administration überlassen. Als Rußlands Kaiser sein Unglück erfuhr, beschied er den großen Mann nach Warschau; er benutzte seinen Rath zum Bau eines Eisenbahnnetzes für das Reich, und gab ihm zu den Anstalten und zur Erzeugung des Materials für den Bahnbau Credit bei der polnischen Bank. Eine neue, große Laufbahn schien ihm aufgethan; aber bald mußte sich Cockerill überzeugen, daß mit den persönlichen Elementen, die ihm zur Mitwirkung angewiesen waren, ein Gelingen mehr als zweifelhaft wurde. Er sah sich in einer falschen [12] Stellung. Der Kummer darüber, noch mehr als der über sein früheres Unglück, zehrten seine Kräfte auf, und er starb in Warschau, ehe er die Aufträge des Kaisers ausführen konnte.
Cockerill hat von seinen denkmalseligen Zeitgenossen noch keinen Stein, noch keine Statue erhalten. Er braucht keine. Sein schönstes Denkmal ist Belgiens industrielle Größe: denn sein Beispiel hat sie geschaffen.