Liverpool (Meyer’s Universum)
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LIVERPOOL
Am Ende des Jahres 1561, des dritten Regierungsjahres der Königin Elisabeth, vereinigten sich die Bürger eines kleinen Fleckens in Lancashire in dem räucherigen Saale ihres Gemeindehauses und entwarfen eine unterthänige Bittschrift wegen Stundung einer Summe von 5 Pfund und 12 Schillingen, welche sie jährlich an die königliche Steuerkasse zu zahlen hatten. „Diese arme, herabgekommene Stadt,“ sagten sie in ihrer Bittschrift, „wird sich nie wieder erheben, und wenn Ew. Majestät nicht einen Blick des Mitleids auf sie zu werfen geruhen, wird sie zu Grunde gehen unter der Last jener Steuer, die sie nicht mehr aufbringen kann.“ Die Steuer wurde nachgelassen. Der arme Ort, welchem damals diese Gunst zu Theil wurde, war Liverpool – jetzt an Reichthum, Größe und Bevölkerung die zweite Stadt Englands.
Die Grafschaft Lancashire, an deren Küste Liverpool liegt, ist ein schmaler, durch die Gestade des irischen Meers und die Berge von Yorkshire eingeschlossener Landstrich, trocken und dürr in den höhern Gegenden, feucht und sumpfig in der Nähe des Meers. Er war wegen seiner Ungesundheit in alter Zeit sehr verrufen und wenig angebaut. Wilhelm der Eroberer schätzte den Werth des Strichs am Mersey, wo sich jetzt Liverpool erhebt mit seinen Häusermassen und Palästen, auf – 32 Pfennige[1]. Ganz Lancashire achtete er so wenig, daß er es einem Ritter zu Lehn gab, mehr zur Strafe, als zur Belohnung. Es war eine Wüste, angefüllt mit Sümpfen und Wäldern, und noch bis in’s siebzehnte Jahrhundert war die Bevölkerung dünn und die Kultur gering. Da entdeckte man die Kohlenniederlagen von Westderby, Blackburn, Wigan, Whitehaven etc. etc., und wie der Magnet das Eisen anzieht, so zogen jene unterirdischen Schätze die Industrie herbei, sie zu benutzen. Der Fleiß wies die Flüsse in ihr Bett zurück, trocknete die Sümpfe aus, rodete die Wälder und bedeckte die unfruchtbaren Höhen mit blühenden Anpflanzungen und reichen Fluren. Lancashire wurde zum Garten Englands, zum Sitz der großartigsten Manufakturen, des kühnen und beharrlichen Unternehmungsgeistes, der gewerblichen Intelligenz. Eine Menge wichtiger Entdeckungen wurden in Lancashire gemacht, oder fanden daselbst zuerst für Kunst und Gewerbe nützliche Anwendung. Die Bewohner von Lancashire waren die ersten, welche Kanäle an die Stelle der Straßen setzten, und die Liverpool-Manchester-Eisenbahn war der erste Schienenweg in England. Manchester wurde die [132] Wiege der Baumwoll-Manufaktur und aller Erfindungen, welche auf sie Bezug haben. Wyatt erbaute hier, 1733, die erste Spinnmaschine; Arkwright legte in Preston die letzte Hand an seine Spinning-Jenny; Cartwright, der Mann von Lancashire, setzte den ersten mechanischen Webstuhl, Watt seine erste Dampfmaschine in den Ateliers von Soho zusammen; Hancock beschenkte Sheffield und England mit einer neuen Industrie, und Wedgewood, aus Lancashire stammend, richtete in Staffordshire ein Gewerbe auf, das jetzt 70,000 Arbeiter beschäftigt und jährlich aus früher für werthlos gehaltenen Thonlagern mehr Gewinn zieht und dem Lande mehr einbringt, als die Goldgruben der neuen Welt. Nicht weniger als 6 Millionen Pfund Sterling ist Englands jährlicher Erlös aus dem Steingut; Manchester und seine Umgebung machen jährlich an der Baumwoll-Manufaktur 12 Millionen Pfund Sterling Gewinn, und die gesammte Industrie des kleinen Lancashire mehrt das britische Nationalkapital jährlich um 20 Mill. Pfund: – sie allein ist nicht viel kleiner, als die des ganzen preußischen Staats. Jene Grafschaft, welche im Jahre 1600 weniger als 50,000, hundert Jahre später erst 166,000 Einwohner zählte, besaß deren im Jahre 1800 672,000, und jetzt übersteigt die Bevölkerung anderthalb Millionen. Dieses Wunder hat der Gewerbfleiß allein geschaffen; seitdem aber ein dichtes Netz von Eisenbahnen die Sitze der Industrie zusammenknüpft, seitdem die Schienenwege aus allen Theilen des Reichs in Lancashire zusammenlaufen, seitdem auf solche Weise die Dichtigkeit der Bevölkerung von der Produktionsfähigkeit des Bodens unabhängig geworden ist und zugleich der Industrie neue Absatzwege und Quellen des Gewinns geboten sind, nimmt die Bevölkerung in noch größerem Verhältniß zu. Manchester und die umliegenden Städte der Landschaft strecken ihre Arme immer näher gegen einander; sie werden allmählich in ein Stadtungeheuer zusammenwachsen, welches dem an der Themse den Rang streitig machen kann.
Liverpool ist von diesem Gedeihen die Vermittlerin. Es ist die Hand, welche der Industrie von Lancashire die Urstoffe zubringt und dagegen ihre Produkte an alle Märkte der Erde schafft. Seine Lage ist ganz dazu geeignet. Der Mersey, dessen ausgetieftes Bette Fahrzeuge von 1500 Tonnen trägt, setzt es in unmittelbare Verbindung mit dem atlantischen Meere, der Straße des Welthandels zwischen den fünf Welttheilen. Vom gegenüberliegenden Irland bezieht es die für die Fabrikstädte nöthigen Massen von Lebensmitteln, und für die arbeitskräftigen Schaaren der Söhne Erins, welche jedes Jahr, 30 bis 60,000 Köpfe stark, herüber kommen, ist Liverpool das Thor zu den Werkstätten der Grafschaft. Viele Elemente der großen Industrie, Kohlen, Eisen, Thon etc., werden in der Nähe der Stadt in ausgedehnten Lagerstätten erbeutet, und ihre Versendung nach dem Innern nährt allein schon eine bedeutende Kanalschiffahrt. Alle diese günstigen Verhältnisse, wozu noch die Entfesselung des ostindischen und chinesischen Handels trat, haben von 1760 an, wo die erste Postkutsche, festlich bekränzt, in Liverpool einfuhr, die Schiffahrt dieses Orts verzwanzigfacht, die Zolleinnahme aber von 40,000 Pfund Sterling [133] auf 6 Millionen gehoben, welches fast so viel ist, als die Einkünfte der Königreiche Sachsen, Bayern, Würtemberg und Hannover zusammengenommen.
Man muß Liverpool sehen am Ufer seines Stroms, mitten in dem Labyrinth seiner durch Menschen ausgegrabenen Binnenmeere, aus denen die Wimpeln zu Tausenden emporflattern, umgeben von Kais aus Granit und von ungeheuern Magazinen, um die Grundlagen seiner Stärke und seiner Macht zu erkennen. Diese unermeßlichen Bassins, welche die Schiffe gegen die strömende Fluth und gegen die Gewalt der Winde schützen und das Aus- und Einladen erleichtern, haben das Glück von Liverpool gemacht. Vor 1699, wo der erste Dock erbaut wurde, war der Hafen von Liverpool wenig besucht; denn die Seeleute fürchteten die Sandbänke im Mersey und die Unsicherheit des Ankerplatzes in ihrer Nähe. Jetzt bestehen 32 solcher Bassins, von denen jedes mehre hundert Schiffe aufnehmen kann, und die, mit Fahrzeugen aus allen Welttheilen jederzeit gefüllt, ein lebenvolles Schauspiel darbieten. Man kann sich einen Begriff von der Größe dieser Anlagen machen, wenn man weiß, daß manche 8–12, ja 21 Millionen Gulden zu bauen gekostet haben. Seit 1752 trugen diese Docks nicht weniger als 7 Millionen Pfund Sterling ein, obschon die Abgabe eines vor Sturm und Wetter daselbst völlig geschützten Schiffs von jeder Tonne (20 Zentnern) seiner Ladungsfähigkeit nur 7½ Kreuzer (2½ Pence) beträgt.
Der Vortheil der Docks beschränkt sich nicht blos darauf, den Schiffen Schutz gegen die Winde und Sicherheit vor Beraubung zu verleihen und ihren Ladungen bequeme Magazine anzuweisen, sie dienen auch dazu, die Waaren-Spekulation leichter zu machen und die in den Speichern ruhenden Werthe in Cirkulation zu setzen. Sobald nämlich eine Waare im Dock magazinirt ist, gibt die Verwaltung dem Eigenthümer ein Certifikat, in welchem die Art, die Qualität und die Menge des niedergelegten Guts verzeichnet steht. Dieses Certifikat (warrant) ist, gleich einem Wechsel, durch Giro übertragbar; der Eigenthümer kann es, statt der Waare selbst, verkaufen, oder für den ungefähren Werth unterpfändlich darauf borgen, ohne daß das Gut selbst von der Stelle rückte, oder die Uebertragung des Certifikats von Hand zu Hand Kosten verursachte. Es sind diese Vortheile so bedeutend, daß man nicht begreift, warum, nach einer Erfahrung von 150 Jahren, nicht längst alle Handelsstädte gleiche Einrichtungen getroffen haben.
Drei Viertheile des Handels zwischen England und Amerika concentriren sich in Liverpool. Es importirt die halbe Baumwollerndte des Welttheils, und dieser Geschäftszweig allein gibt 6–700 Schiffen Beschäftigung. Die Riesen-Dampfschiffe, welche seit 1832 das atlantische Meer durchschneiden, haben in Liverpool ihren Abfahrtspunkt und sie wurden auf seinen Werften geboren. 220 Dampfboote von kleinern Dimensionen unterhalten eine lebendige und pünktliche Communikation mit Westindien, den Plätzen des Millelmeers und mit [134] unzähligen Punkten der britischen und irischen Küste. Auf diesen Dampfschiffen sendet Irland sein Schlachtvieh zur Versorgung der Fabrikstädte, sein Getreide und sein Mehl, seine Butter etc.,– ein unermeßlicher Handel, der jährlich nicht weniger als 11 Millionen Pfund Sterling umsetzt. Außer jenen für den Seedienst sind noch nahe an hundert andere Dämpfer auf dem Mersey, zum Bugsiren der stromaufwärtsgehenden Schiffe etc., beschäftigt.
Wir wollen jetzt einen Blick auf die großen Arbeiten werfen, welche ausgeführt wurden, um Liverpool mit dem Innern Englands in die wohlfeilste Verbindung zu bringen. Ihr Zweck war: den Transport von einem Zentner Waare um einen oder einige Kreuzer wohlfeiler und dabei schneller zu machen. Ein trivialer Zweck, sagt wohl Mancher; und doch wie Großes ist aus ihm erwachsen! Vor hundert Jahren kostete der Wassertransport auf dem Mersey nach Manchester 12 Schillinge für 20 Zentner und 11 Tage Zeit; nachdem man den Strom ausgetieft hatte, legen Barken diesen Weg in 13 Stunden zurück und die Fracht ist 4 Schillinge. Der Herzog von Bridgewater war Eigenthümer der Steinkohlenlager bei Worsley-Hall, 6 Stunden von Manchester; er konnte aber diese Reichthümer, aus Mangel an wohlfeilen Transportmitteln, nicht benutzen. Der Ingenieur Brindley entwarf ihm den Plan zu einem Kanal, den der Herzog später verzweigte und der, obschon er ein großes Vermögen kostete, ihm ein noch größeres eintrug. Häfen, die er an demselben erbauen ließ, sind zu bedeutenden Städten herangewachsen. Noch größere Unternehmungen reihten sich an dieses erste, welches der Bewunderung um so würdiger war, da es durch die Kräfte eines Privatmannes bestritten wurde. Nachdem die Städte Lancashire’s durch Kanäle verbunden waren, führte man solche bis zu fernen Punkten des Reiches fort. Der größte, der Leeds-Liverpoolkanal, hat eine Länge von 140 englischen Meilen; er kostete 30 Millionen Gulden und ist jetzt durch die Schiffbarmachung der Ouse und Wise mit dem nördlichen Meere verbunden. Alle Kanäle um Liverpool, die ein hydraulisches System bilden, dessen Mittelpunkt die Stadt ist, haben eine Gesammtlänge von mehr als 500 engl. Meilen, und an sie stoßen gegenwärtig die Kanallinien, welche bis London, Hull, Birmingham und Bristol reichen.
Dasselbe Motiv, welches die Schwesterorte, Liverpool und Manchester, veranlaßt hatte, die ehemalige Flußschiffahrt durch ein vollkommneres System zu ersetzen, führte auch zu einer gänzlichen Umgestaltung des Landtransports, und jene Städte, welche zuerst Kanäle gegraben und Docken erbaut hatten, waren auch die ersten, die den Alles umgestaltenden Gedanken der Zeit, die Eisenbahnen, in’s Leben führten. Auf dem Wege von Liverpool nach Manchester rollte der erste Dampfwagen Stephensons. Welche Freude, welcher Triumph für die geschäftsvollen Bevölkerungen, die unaufhörlich den Spruch im Munde führen: „Time is money.“ als sie das schnaubende Dampfroß in einer kurzen Stunde zu einander führte! Vor der Eröffnung der Eisenbahn [135] gingen täglich 26 Eilwagen zwischen den beiden Städten hin und her; sie brachten 400 Reisende: jetzt fahren täglich auf den Dampfwägen 3000. Auf den Schienenwegen aus allen Theilen des Reichs, so wie auf den Dampfbooten langen überhaupt 20–30,000 Reisende täglich in Liverpool an, die ein paar tausend Packträgern, Lohndienern etc. etc. Unterhalt geben und einige hundert Hotels und Gasthöfe überfüllen.
Liverpool ist vorzugsweise Handelsstadt; die niedern Klassen, an Arbeiten in freier Luft gewöhnt, scheuen die dumpfe Atmosphäre der Werkstätten. Dessenungeachtet hat Liverpool manche große Industrieen, welche auf Handel und Schiffahrt Bezug haben: Schiffbau, Seilereien, Gießereien, Ankerschmiede, Chronometerfabriken etc. etc. Der Bau von Dampfschiffen wird nirgends in der Welt so schwunghaft betrieben, als hier. Er allein beschäftigt, einschließlich der Hülfsgewerbe, über 12,000 Personen. In 8 großen Ateliers werden blos Schiffs-Dampfmaschinen gemacht. Der Dampf verrichtet in diesen Werkstätten den größten Theil der Arbeit; er schafft Lasten fort, zieht die Blasebälge, schmiedet, feilt, hobelt, dreht, polirt das Eisen. Alle Thätigkeiten sind auf’s Strengste geregelt, einem Willen gehorsam, einem Anstoße folgend.
Der unermeßliche Waarenverkehr Liverpools bringt colossale Geldgeschäfte mit sich. Die Banken sind zahlreich und meistens auf Aktien gegründet. Alle zusammen haben 16 Millionen Pfund Kapital und ihr Umsatz ist jährlich nicht weniger als 3–4000 Millionen Gulden.
Nach diesen Andeutungen des commerziellen Lebens einer Stadt, in welcher der Handelsgott zu Thron sitzt, will ich es noch versuchen, sie in ihrer äußerlichen Erscheinung vor das Auge des Lesers hinzustellen.
Liverpool, die Riesenstadt, ist eine Stadt von gestern; aber, trotz der Neuheit, schwarz gefärbt und rußiger noch, als die Metropole an der Themse. Es ist ein London an einem Ufer, ohne Brücken. Am rechten, sanften Gehänge des Mersey erhebt es sich amphitheatralisch, eine compakte Masse mit einem Wald von Schornsteinen und den Essenthürmen der Dampfmaschinen, über welchen eine rabenschwarze Wolke zu jeder Jahreszeit schwebt. Vom linken Ufer des Mersey aus sieht man von der Stadt selbst fast gar nichts; undurchdringlich ist dem Auge das Gewirr von Masten, Segeln, Raaen und Tauen und der dichte Rauch aus den schwarzen Schlöten der Dampfschiffe, welche auf den Gewässern hin- und herschießen.
Im Innern der Stadt drängt ein emsiges Gewühl von Menschen, Reitern und Wägen in ewiger Hast. Die Hauptstraßen sind breit und luftig, die Häuser groß, behäbig, ohne auf architektonische Schönheit [136] Ansprüche zu machen. Man sieht’s ihnen an, daß der Bauherr nicht lange über den Bauplan nachgedacht hat; das Bedürfniß adoptirte ohne viele Ueberlegung das erste, beste Muster. Aus breiten Hauptstraßen blickt man häufig, wie in London, in enge, finstere Seitengäßchen hinein, wo das wenige Licht, das zwischen 5–6 Stockwerke hohe Häuser eindringt, einen schwarzen, kothigen Boden beleuchtet. In diesen Gäßchen wohnen die Handlanger des Reichthums, die Arbeiter in den Magazinen, in den Docks, auf den Werften. Aus diesen Gäßchen führen wiederum schmale Durchgänge in Sackwinkel und düstere Höfe. Da wohnt die Verworfenheit, da breitet das tiefste Menschenelend seine Lumpen aus.
Eine Bevölkerung, welche die ganze Woche hindurch arbeitet, hat wenig Zeit an Vergnügungen zu denken; Liverpool, welches 400,000 Einwohner zählt, besitzt nur ein und noch dazu ein ziemlich schlechtes Theater; die öffentlichen Promenaden sind monoton und der zoologische Garten wird mehr von den Fremden, als von den Einheimischen besucht. Das Theater ist jeden Sonntag geschlossen: nur auf den Kirchenpfaden ist dann Leben, sonst ist’s, als wenn der Tod seine Flügel über die in der Woche so geschäft- und geräuschvolle Stadt ausgebreitet habe. Desto lauter aber ist’s den Sonnabend Abends, wenn die Hunderttausend Handarbeiter und Gehülfen in den Ateliers ihre Löhne empfangen und wenn der Geschäftsherr die Mühen der Woche und die Sorge des Zahltags überstanden hat. Alle Klassen sind dann bemüht, so viel Vergnügen in wenige Stunden zusammen zu drängen als möglich, und, oft zur Uebersättigung, zu genießen. – Dem Ton in den Liverpooler Kaufmannszirkeln ist Härte und Rohheit nicht fremd. Der tägliche Umgang mit Amerikanern, der häufige Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, hat amerikanische Sitte und Unsitte eingebürgert, und das unausgesetzte Treiben nach Gewinn, das immerwährende Kämpfen mit den Wogen des Geschäftslebens sind der Kultur des Geistes und des Herzens nicht günstig. Jene Urbanität im Umgange, jene auf Anstand basirte Freiheit, welche die Fesseln der Etikette abwirft, ohne sie zu verletzen, die Geschliffenheit der guten Gesellschaft, welche man in London, Edinburgh, Oxford etc. findet, sucht man hier vergebens. Doch fehlen die Anstalten nicht, wissenschaftliches Streben zu befördern und zu erleichtern, und daß sie da sind, zeigt wenigstens, wie man ihr Bedürfniß dunkel fühlt, wenn man auch nicht die Zeit hat, oder sich nehmen mag, es zu befriedigen. Liverpool besitzt ein Museum, eine Malerakademie und mehre gelehrte Gesellschaften, welche auch Preise vertheilen. Liverpool war der ersten Städte Englands eine, welche die aus Deutschland hinüber gewanderte Einrichtung der Kunstvereine adoptirten und jährliche Gemäldeausstellungen veranstalteten. Auf die Verbesserung des Geschmacks hat dies Alles freilich so wenig gewirkt, wie die in jedem Kaufmannshause zu findenden Bücherschränke mit goldenen Einbänden auf die Wissenschaftlichkeit. Liverpool ist aber reich, weiß, daß eine reiche Stadt dergleichen haben soll, und hat sie, wie der rohe Emporkömmling ja wohl auch am eifrigsten bestrebt ist, sein Haus mit den äußern Wahrzeichen [137] des höhern Geschmacks, mit Gemälden, Skulpturen u. d. gl. zu zieren und Bibliotheken und Kunstschätze zu sammeln.
Welchen Einfluß übt aber dies rastlose Dichten und Trachten, dies ewige Treiben und Jagen des Geschäftslebens, dieser rasche Umschwung in den äußern Verhältnissen, wo, wie auf dem Rade der Glücksgöttin, der Eine steigt, der Andere fällt, dies Ebben und Fluthen ohne Ende, auf die tiefern Regionen des Menschenmeers aus? Liverpool hat seine Arme und sein Elend, seine moralischen Sümpfe, wo Verbrechen und Liederlichkeit, wie Molche, brüten, gleich allen großen, an Industrie und Handel reichen Städte; denn die Vertheilung des Gewinns ist hier, wie allenthalben, ungleich. Der Fabrikherr, der Kaufmann hat zwar keine Plantagen und keine Sklaven; die Arbeiter sind frei und vor dem Gesetze ebenbürtig mit ihrem Brodherrn, und ihre Dienstleistungen, so wie der Lohn dafür, gründen sich auf freien Vertrag. Dies hindert aber den Kaufmann und Fabrikherrn nicht, diesen Lohn so niedrig zu stellen und jene so schwer zu machen, als nur möglich: sie nehmen den Wein und lassen den Arbeitern die Trebern. Es ist in dieser Beziehung in Liverpool wie überall, und man müßte das Geschlecht des Prometheus wenig kennen, wenn man nicht wüßte, daß der Despotismus seine Wurzeln in des Menschen tiefstem Gemüthe hat.
In Liverpool ist die niedere Klasse unaufhörlich gespornt zu einem thätigen, geschäftigen, angestrengten Leben, ohne genügenden Ersatz dafür zu finden; sie reibt sich daher im Ganzen schnell auf, und im Streben, jeden Augenblick, wo sich Gelegenheit dazu findet, zu schwelgen, verzehren sich die physischen und die moralischen Kräfte gar bald. Nur die kleinere Zahl überstarker Naturen triumphirt, die Uebrigen gehen unter, oder Siegthum und Krankheit werfen sie in des Elends Arme. Man durchwandere z. B. Dalestreet, wo Branntweinschenke an Branntweinschenke sich reiht, an einem Sonnabend Nachmittag, oder gehe durch Churchstreet, den Sammelplatz des niedrigsten Lasters: – man wird schaudern über Scenen der Brutalität, in denen die Aktoren tief unter das Thier herabsinken. – In Liverpool bestehen 1800 Branntweinshäuser, 800 Weinkneipen und Spielhäuser und eine ungezählte Menge anderer Sammelplätze des Lasters und der Verbrechen. Besonders sind die Saloons berüchtigt, wo Diebe mit Freudenmädchen der niedrigsten Klasse zum Tanz zusammenkommen und ihre Gelage halten. Man rechnet, daß die Verbrecher-Bevölkerung in Liverpool jährlich durch Raub und Diebstahl, Betrug und Schwindeleien über eine Million Pfund Sterling erwirbt.
Dem Reichthum dieser großen Stadt hängt der Pauperismus wie ein Fluch an; er ist die Kehrseite eines täuschenden Scheins von Glück. Doch hat Liverpool nicht vernachlässigt, Elend zu mindern. Aus dem großen Gemeindevermögen der Stadt ward sehr viel auf Wohlthätigkeits-Anstalten verwendet. Liverpool hat Arbeitshäuser, in welchen 3000 Arme Zuflucht finden, schwimmende Hospitäler auf den Docks für kranke [138] Matrosen, ein großes Hospiz für mittellose Fremde, ein Findelhaus, Waisenhaus, ein Versorgungsinstitut für hülflose Mädchen, Freischulen für die Jugend der Armen. Ein Nachtasyl für das obdachlose Elend wirkt sehr wohlthätig und steuert dem Verbrechen entgegen, dem sich die verzweiflungsvolle Noth so leicht in die Arme wirft. Ueber der Pforte dieser schönen Anstalt ächter Wohlthätigkeit stehen die Worte des Heilands:
Jährlich nimmt dies Asyl über 10,000 Unglückliche auf, die nicht so viel auf der Erde besitzen, um ihrem Haupte eine Schlafstelle zu geben. Der Mann aber, der diese Anstalt aus Privatmitteln in’s Leben rief, (Egerton Smith hieß er,) war keine Geistesgröße, die Staaten aufbaut, oder einstürzt, oder in der Wissenschaft neue Welten findet; Keiner, dem zu Ehren sich Säulen erheben und mit Statuen von Erz die Märkte schmücken; Egerton war ein schlichter Kaufmann, an Geld reich; doch reicher noch an jenem humanen Sinn, welcher den mühsam errungenen Erwerb einem erhabenen Zwecke weiht, der nicht eignes Wohl, sondern das Beste der Menschheit, die Linderung der Leiden armer Brüder ist. Wie ganz anders sähe es aus auf unserer unter der Last des Jammers stöhnenden Erde, wenn unter der Herrschaar der Millionärs es viele Egerton Smith gäbe! Wie selten aber sind sie!– Unter zehntausend ist kaum ein einziger. Die übrigen sind herzlose Mammonshüter, nicht Herren, sondern Sklaven der erworbenen Schätze, oder – der Reichthum gilt ihnen blos als ein Mittel zur Befriedigung ihres Stolzes, ihrer Gelüste und der Sucht nach Vergnügen.
Sprecht mir nicht von der Liberalität des heutigen Reichthums. Wo sind die großen Ideen für Menschenwohl ausgegangen aus dem Conclave der Geldfürsten, oder wo haben sie sie unterstützt nach dem Maßstabe ihres Vermögens? Wenn sie zu ihnen betteln kommen, dann geben sie wohl ein Almosen; aber dafür weiß ich ihnen keinen Dank. Sich selbst und ihren Mammon setzen sie überall als Götzen auf die Altäre, und wenn sie ja einmal den Mantel der Freigebigkeit, des gemeinnützigen Strebens umlegen, so ist’s in hundert Fällen neun und neunzig Mal das trügerische Spiel der verschlagenen Selbstsucht, des gewandten Eigennutzes, der den persönlichen Vortheil unter der Kappe des allgemeinen Besten versteckt und dieses immer unbedenklich opfern wird, wo beide in Widerstreit gerathen. Nein! die Regel des heutigen Reichthums ist keine, die Achtung gebietet. Je weniger sie aber befriedigen kann, um so größere Huldigung verdienen die seltenen Ausnahmen, durch welche die Reichthümer die Richtung und Anwendung erhalten, welche allein edel und des höhern Menschen würdig ist. Diese Ausnahmen gehören zu den Größten und Besten unsers Geschlechts, und ohne sie verlöre die Menschheit ihre schönsten Zierden.
- ↑ „It is worth 32 Pence;“ vergl. Doomsdaybook.