MKL1888:Chlorkalk

[49] Chlorkalk (Bleichkalk, Bleichpulver), ein meist in den Sodafabriken dargestelltes Präparat, welches erhalten wird, wenn man Chlor auf gelöschten Kalk einwirken läßt. Der Kalk muß möglichst rein, namentlich von thonigen und kieseligen Bestandteilen, Eisen, Mangan und Magnesia möglichst frei sein und nach dem Brennen vorsichtig gelöscht werden. Das dabei entstehende Kalkhydrat muß 6–8 Proz. Feuchtigkeit, also zusammen mit dem Hydratwasser 29–30 Proz. Wasser, enthalten. Die Kammern, in welchen das Chlor auf den Kalk einwirken soll, werden aus Bleiplatten, Holz, Sandstein oder Schieferplatten konstruiert und mit Teer sorgfältig überzogen. In diesen Kammern breitet man den Kalk auf Etagen in dünner Schicht aus, man baut aber auch viel größere Kammern aus Mauerwerk, Blei oder Gußeisen und breitet den Kalk nun auf dem asphaltierten Fußboden in 8–10 cm hoher Schicht aus. In diese Kammern leitet man nun kaltes, trocknes, salzsäurefreies Chlorgas, welches gewöhnlich aus Salzsäure und Braunstein hergestellt wird, und fährt damit fort, bis bei einem Überschuß von Chlor in der Kammer das Gas nur noch sehr schwach absorbiert wird. Man unterbricht dann die Zuleitung des Chlors, läßt den nicht absorbierten Rest in eine zweite und dritte Kammer treten und verbindet vor dem Öffnen die Kammer mit dem Schornstein oder mit einem mit Kalkmilch gespeisten Absorptionsturm, in welchen die chlorhaltige Luft aus der Kammer gesaugt wird. Der C. enthält jetzt 25 bis höchstens 30 Proz. wirksames Chlor und wird daher umgeschaufelt und abermals mit Chlor behandelt, um die im Handel übliche Stärke von 35 Proz. zu gewinnen. Den fertigen C. verpackt man sofort bei möglichster Abhaltung des Lichts, namentlich des Sonnenlichts, in Fässer aus scharf getrocknetem Holz, deren Böden nach dem Zuschlagen mit Gips vergossen werden. C. bildet ein weißes, krümeliges, etwas backendes Pulver, welches eigentümlich nach unterchloriger Säure riecht, an der Luft langsam Feuchtigkeit anzieht und endlich ganz zerfließt. Mit wenig Wasser angemacht, erhitzt [50] er sich und ballt sich teigartig zusammen; mit etwa 20 Teilen Wasser angemacht, löst sich der größte Teil, während ein weißer, schlammiger, größtenteils aus Kalkhydrat bestehender Rückstand bleibt; die Lösung reagiert alkalisch, schmeckt herb salzig und wirkt bleichend. C. zersetzt sich allmählich selbst bei vollkommenem Luftabschuß, viel schneller im Sonnenlicht (unter Entwickelung von Sauerstoff) und an der Luft. An heißen Sommertagen warm in Fässer verpackter C. explodiert bisweilen ohne jede äußere Veranlassung. Beim Aufbewahren verliert C. im ersten Jahr monatlich 0,5–0,9 Proz. wirksames Chlor und zwar am meisten in den heißen Monaten. Beim Erwärmen zerfällt er sowohl in Substanz als in Lösung in Chlorcalcium und Sauerstoff unter Bildung von etwas chlorsaurem Kalk. Über die Konstitution des Chlorkalks sind die Ansichten noch geteilt. Die Einwirkung des Chlors auf den Ätzkalk geht niemals so weit wie die auf Kalkmilch. Niemals erhält man C. mit mehr als 40 Proz. wirksamem Chlor, und stets tritt bei Behandlung des Chlorkalks mit Wasser Ätzkalk auf. Man kann daher annehmen, daß C. neben Chlorcalcium basisch unterchlorigsauren Kalk CaOH.OCl enthält, welcher sich bei Berührung mit Wasser in unterchlorigsauren Kalk und Ätzkalk zersetzt. Die Lösung des Chlorkalks wirkt durch Abgabe von Sauerstoff bleichend. Säuren entwickeln daraus aber unterchlorige Säure, welche viel kräftiger bleicht. Diese Zersetzung bewirkt auch schon die Kohlensäure der Luft, und deshalb werden Gewebe, in Chlorkalklösung getaucht, viel schneller gebleicht, wenn man sie an die Luft hängt, als wenn sie von der Flüssigkeit bedeckt bleiben. Starke Säuren machen im C. aus dem Chlorcalcium auch Salzsäure frei, und diese zersetzt sich dann mit der unterchlorigen Säure und entwickelt Chlor. Rührt man C. mit Sodalösung an, so entstehen kohlensaurer Kalk, unterchlorigsaures Natron und Chlornatrium; ebenso erhält man Unterchlorigsäuresalze von Magnesia (Chlormagnesia), Zink, Thonerde etc., wenn man C. mit Bittersalz, Zinkvitriol, schwefelsaurer Thonerde zersetzt. Konzentrierte Lösungen von C. liefern beim Erhitzen Sauerstoff und Chlorcalcium; aus verdünnten entwickelt sich kein Sauerstoff, sondern es entsteht chlorsaurer Kalk; trockner C. wird bei 100° wenig zersetzt, bei Gegenwart von Chlor entsteht aber chlorsaurer Kalk, weshalb man bei der Darstellung jede Erwärmung sorgfältig vermeiden muß. Mehrere Oxyde entwickeln aus C. schon bei gewöhnlicher Temperatur, viel lebhafter aber beim Erwärmen Sauerstoff, und es genügen z. B. wenige Tropfen einer Kobaltchlorürlösung, um aus klarer Chlorkalklösung einen regelmäßigen Sauerstoffstrom zu erhalten. 1 kg C. gibt auf diese Weise 92,4 Lit. Sauerstoff. – Der C. kommt mit sehr verschiedenem Gehalt an bleichendem Chlor in den Handel; diesen Gehalt zu ermitteln, ist Aufgabe der Chlorometrie (s. d.). C. wird vorzüglich in der Bleicherei angewandt (s. Bleichen); er dient außerdem als fäulniswidriges Mittel, zum Desinfizieren, zur Darstellung von Chloroform, Chlor, Sauerstoff, als oxydierendes Mittel in unzähligen Fällen bei der Darstellung von Farbstoffen und andern Präparaten, zum Entfuseln von Branntwein, in der Kattundruckerei zur Erzeugung weißer Muster auf farbigen Geweben, zum Vertreiben von Ratten, Mäusen, Raupen und anderm Ungeziefer etc. Als Arzneimittel benutzt man C. innerlich bei Typhus, Dysenterie, skrofulösen Drüsenanschwellungen, Lungentuberkulose, äußerlich als Einstreupulver, zu Gurgelwassern, Einspritzungen, Verbandwassern. Vortrefflich hat sich C. auch als Vorbeugungsmittel gegen die Klauenseuche bewährt; in Viehställen vertreibt er in kurzer Zeit alle Stechfliegen, ohne dem Vieh irgendwie schädlich zu sein. Der C. hat seiner Transportfähigkeit wegen den sogen. flüssigen C., d. h. eine Lösung von unterchlorigsaurem Kalk, vollständig verdrängt. Wo aber der Transport nicht in Frage kommt, ist das flüssige Präparat viel vorteilhafter. Man erhält dasselbe, indem man gewaschenes Chlor in ein liegendes Faß treten läßt, in welchem Kalkmilch durch eine Flügelwelle stark bewegt wird. Das über dem Spiegel der Flüssigkeit eintretende Gas wird schnell absorbiert; man muß aber die Operation unterbrechen, bevor aller Kalk gelöst ist, auch darf die Flüssigkeit höchstens ein spezifisches Gewicht von 1,14 erreichen, weil sich sonst chlorsaurer Kalk bildet. Flüssiger C. wurde zuerst 1798 von Tennant in Glasgow dargestellt, aber schon im folgenden Jahr durch den trocknen C. ersetzt. Vgl. Lunge, Handbuch der Sodaindustrie (Braunschweig 1879, 2 Bde.).